1968
aus aller Welt
ballaballa
Beobachtungen in der Natur
charmsing
deutsche kenneweiss
Dicki TV
Dickimerone
Dickis Reisen
die kleine Anekdote
dirty old town
Empfehlung
Erwins Welt
Eugen
in eigener Sache
Java
... weitere
Profil
Abmelden
icon

 
Heute las ich, daß Peer Steinbrück 1998, damals noch Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, sich erfolglos beworben hatte, neuer Vorstand des dortigen Sparkassenverbandes zu werden (ich hoffe, daß ich die Details korrekt benenne); ein Posten, der damals mit 400.000 DM vergütet wurde. Als er kürzlich äußerte, das Amt des Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland sei unterbezahlt, verwies er bekanntlich u.a. auf Sparkassenvorstände. Das ist schon beinahe zu dumm, um wahr zu sein.

Doch er hat umgeschwenkt, der Peer: nun fordert er einen Mindestlohn, den er innerhalb von, was hatte er noch gesagt?, hundert Tagen ab dem Zeitpunkt seiner Wahl umsetzen will. Ich zähle eins und eins zusammen, und was kommt wohl heraus?! - Nur daß dieser Herr, der nicht glauben mag, daß Schweigen Gold ist und deshalb hochbezahlte Vorträge en masse hält, nicht Kanzler werden kann. Pech für ihn, da wird er sich weiterhin von Rednerpult zu Rednerpult quälen müssen. Armer Peer, willst du mit mir tauschen? Ich übernehme deine Rednervergütungen und du bekommst mein Hartz IV - abgemacht?

Martin Scorcese's Dokumentarfilm über The Life and Times of Robert Zimmerman a.k.a. Bob Dylan heißt "No Direction Home" und mag vielleicht bedeuten, daß Bobbys Schiff viele Häfen angelaufen hat, aber nirgendwo zuhause war. Diesen Eindruck gewinne ich aus dem Vergleich seiner Gegenwart mit der diverser seiner Zeitgenossen, darunter natürlich Joan Baez und seiner ersten New Yorker Freundin: sie alle haben ihren Frieden mit sich selbst und ihrer Rolle in der Musikgeschichte - lokal bis global - gefunden, nur Dylan sieht aus wie jemand, der keinen Frieden finden kann. Der Eindruck mag täuschen, aber er ist enttäuschend. Es wirkt, als ob er über den vielen Geschichten, die er uns erzählt hat, vergessen hätte, irgend jemandem seine eigene Geschichte zu erzählen; als ob er nur ein Medium und kein selbst sei. In diesem Fall wollte ich nicht mit ihm tauschen.

Dabei bewundere ich seine assoziativen Texte; die Art, wie er sich dem Klang und den Bedeutungen der Worte hingegeben hat; wie er Texte schrieb, weil er in einer Sprache singen wollte, die er nie zuvor gehört hatte. Angeblich war er ein US-Linker, aber das war nur Wunschdenken der US-Linken. Sein Maßstab war nicht das Geschehen des Augenblicks, sondern die Unendlichkeit, wie es sich für Künstler gehört. Die Ungerechtigkeit des Augenblicks inspirierte ihn zu Worten, die in ferner Vergangenheit wurzelten und in ferner Zukunft Gültigkeit behielten.

Sie haben ihn gehaßt, als er "Hey, Mister Tambourine Man" und "It Ain't Me Babe" und "Mr. Jones" sang, aber damit kam er zu sich selbst: denn das Leben findet nicht in der Theorie statt, sondern in Jedermanns Erleben. Der Klassenkampf löst nicht deine persönlichen Probleme, besonders dann nicht, wenn du dich als Frau dem politischen Kampf unterordnen sollst.

Die Puritaner buhten ihn sogar aus, weil er eine vollelektrisierte Band einsetzte, was doch längst Standard in der populären Musik war - 1965 - und allemal bei den Bands, die seine Songs hitparadenträchtig interpretierten (Byrds, Turtles, Manfred Mann etc,). Er war das Original, also mußte er eine Band haben, um noch zu Wort zu kommen. - Die Linken mochten ihn nicht, weil er sich nicht vereinnahmen lassen wollte. Das ist gewiß nicht sein Problem. Was sein Problem war? Ich weiß es nicht. Er mag mit allen Gefährten im Reinen sein. Der Film vermittelt mir den Eindruck, daß sie allemal im Reinen mit ihm sind. Und das ist überaus enttäuschend für einen beispiellosen Dichter.

Wenn es gegen die political correctness geht, bin ich dabei und unterstütze sogar Jan Fleischhauer, der aktuell die Ersetzung rassistischer Begriffe in Kinderbüchern zum Anlass nimmt, von Trottelsprache zu schreiben. Recht hat er! Wir sollten den Kindern beibringen, daß es nicht nur nicht "Negerkönig" heißt (und auch nicht "Südseekönig", weil das sachlich falsch ist und obendrein den dem Gedanken der Demokratie widersprechenden König zu propagieren geeignet ist), sondern "Repräsentant eines in Äquatornähe lebenden afrikanischen Volkes". Eigentlich sollte man auch "Volk" nicht mehr verwenden, weil "das Volk" bereits den Keim des Rassismus in sich trägt, wie es (also das Volk, oder nein, den Rassismus, oder wie jetzt) die entschiedenen Antirassisten verstehen.

Fleischhauer erwähnt am Rande, daß eigentlich "Hexe" ebenfalls irgendwie oder irgendwo diskriminierend sei und fordert damit indirekt die correctness-Anhänger auf, auch vor einem Buchtitel nicht halt zu machen ("Die kleine Hexe"). Das wirft aber zwei Fragen auf - wie ersetzt man correct "Hexe" (und "kleine" ist irgendwie gegen Kinder gerichtet, oder, noch schlimmer, gegen Liliputaner Kleinwüchsige, das dürfte man nun auch nicht einfach stehen lassen), und - was wird aus den Frauen, die in mühevoller Traum- und Reinkarnationsarbeit herausgefunden haben, daß sie in einem früheren Leben eine Hexe gewesen sind, will man denen sagen "Besen, Besen, sei's gewesen"?

"Hexe" ist schon eine ziemliche Kopfnuß. Soll man sagen "wegen ihrer Heilkenntnisse von der Kirche verfolgte Frau"? Der vollständige Titel lautete dann "Die von der Kirche wegen ihrer Heilkräfte verfolgte, noch nicht ausgewachsene Frau". Nein, das kann man dem Verlag nicht zumuten, denn überall im Text müßte dieses Diktum ebenfalls eingesetzt werden, was den Seitenumfang und über diesen den Preis erhöhte, mit der Folge rückläufiger Verkaufszahlen. Zweiter Versuch: "Die kindliche Heilerin". Das klingt schön - äh - positiv. Doch fragt sich dann, weshalb die kindliche Heilerin einen Hexenhut trägt und auf einem Besen reitet, das kanns ja wohl auch nicht sein.

Am Ende bleibt womöglich nur die "große" Lösung, nämlich das Buch komplett umschreiben und mit neuen - correcten - Illustrationen versehen. Diese überarbeitete, correctisierte Fassung handelte dann von einem Kind, das aus einem bösen, uncorrectem Kinderbuch von anno Adolf die Idee bekommen hat, sich zum Karneval als Zauberfrau zu verkleiden und böse Scherze zu treiben, was natürlich mit Heulen und Zähneknirschen, also in bitterer Reue, endet. Titel: "Die kurze Fastnachtsfrau". Obwohl, "Frau" ist ja auch irgendwo und irgendwie ... da schreiben wir die Kinderbücher doch besser gleich in englisch, das muß dann auch nicht sooo korrekt sein, denn bekanntlich haben Deutsche ihre liebe Müh und Not mit der englischen Sprache. Hauptsache, es ist correct.

 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma