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Eugen

Graue Nieselschleier senken sich herab
als Eugen das Rednerpult erklimmt
Mörikes "Er ist's" zu rezitieren

Um sich einzustimmen schweift sein Blick
zum nahen Fluß, wo Schiffe langsam
doch bestimmt gen Hafen manövrieren

"Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte"
- das ist so was von daneben
"Süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land"
- weil hier Kotgerüche schweben
"Veilchen träumen schon"
- dies ist ein böser Traum
"wollen balde kommen"
- wollt' ich, gehen dürft' ich kaum

Bunte Regenschirme spannen sich im Rund
und ein Schiffshorn dröhnt von fern
die Masse schwelgt im Sentiment

"- Horch, von fern ein leiser Hafenton!
Frühling, ja du bist's!
dich hab ich vernommen!"

Schwelgend applaudiert der Gäste Schar
niemand hat den Unterschied bemerkt
nur der Kauz dort - der hat nicht gepennt

Eugen schrieb:
Sehr verehreter Jaguar!
Das Abendessen bei dir war Souper. Es tut mir leid mit dem Purzellan. Ich hatte noch mehr Pech, denn mein Fahrrad war pffft, und ich mußte per pedes benz nach Hause. Danach war ich allerdings so müde, daß ich sogleich schnierfte. Ach, wie gerne hätte ich dir beigeschlafen!

Feline schrieb:
Oh du dumer Eugustin!
Wärst du doch in meinem Dorf geblieben. Das hätte mir auch dein entsetzliches Wortgeschubse erspart.

Mein Jaguar,
das durfte ich nicht wagen: wegen dem Horrorskop.
Flambiert
Dein Eugen

Eugen war ein wunderliches Kind, und daß er nicht als Wunderkind galt, verdankte er seinen Eltern, die sich an der Eigenart ihres Kindes erfreuten, ohne sich mit ihr schmücken zu wollen. Auch seine ersten Inspirationen rührten von den Eltern; etwa, wenn der Vater auf dem Klavier spielte und die Mutter dazu sang, oder wenn die Mutter ihm Geschichten vorlas, oder wenn der Vater ihm ein Spielzeug bastelte. Dann staunte der Knabe still und war ganz Aufmerksamkeit.

Es war der Sommer seines fünften Lebensjahres, als ein besonderer Zauber ihn umfing. Es begann damit, daß er weiße und schwarze Papierschnipsel auf eine leere Zigarrenkiste, die der Großvater ihm geschenkt hatte, klebte. Mit diesem Instrument setzte er sich im Mai auf die Treppenstufen vorm Haus und sang Melodien, die er daheim aufgeschnappt hatte, wobei er, je nachdem, ob die Töne höher odder tiefer waren, mal die rechte und mal die linke Hand intensiver über die Tastatur der Zigarrenkiste bewegte. Seine Stimme war von angenehmem Klang, und schon wenn er sprach, meinte man, er sänge. So geschah es, daß die Hühner in seiner Nähe scharrten und pickten und Spatzen keinen Anstoß an seiner Anwesenheit nahmen.

Da das Zigarrenkistenklavier keine Töne von sich gab, wurde es ihm nach einigen Wochen langweilig und er verlegte sich aufs Vorlesen, wie er es von der Mutter kannte. Er setzte sich an den Ententeich, schlug das Heft auf und erzählte, während die Sonne von einem tiefblauen Himmel herabstrahlte, die Geschichte von dem Handschuh im Schnee. Es war seine Lieblingsgeschichte, er kannte sie auswendig und vielleicht reizte ihn der jahreszeitliche Gegensatz. Die Enten, wie zuvor die Hühner und die Spatzen, stießen sich nicht an der Gegenwart des rosigen Knaben und lagerten sich zu seinen Füßen, um ein Nachmittagsschläfchen zu halten.

Überzeugt - obwohl er insgeheim um die Unsinnigkeit dieser Überzeugung wußte - daß sie seiner Geschichte lauschten, erzählte von dem im Schnee verlorenen gefütterten Handschuh, ein Fäustling mit Daumen, den eine Maus fand und sich zur Wohnung nahm. Die Enten steckten ihre Schnäbel unter die Flügel und ließen sich von Eugens Singsang einschläfern.

Am nächsten Tag ging er zu den Kirschbäumen und las den Staren vor. Diese ließen zwar nicht davon ab, an den Krischen herumzupicken, drehten ihm aber immer wieder den Kopf zu, als wollten sie kein einziges Wort verpassen. Und so erzählte er, den Zeigefinger im aufgeschlagenen Heft die Zeilen entlangführend, wie ein Igel den Handschuh entdeckte und die Maus um Schutz vor der Kälte bat, und wie die Maus Mitleid hatte und den Igel einlud, den Handschuh mit ihr zu teilen..

Tags darauf saß er vor der Kuhweide. Der Zufall wollte es - wenn es der Zufall war - daß sich die Kühe gerade bei seiner Ankunft ins Gras lagerten, um wiederzukäuen, sodaß sie wie ein interessiertes Publikum wirkten. Ein Fuchs kam, ein Dachs, ein Reh; sie alle wurden von der Maus eingeladen und fanden im gefütterten Handschuh Zuflucht vor der Kälte. Eugen zeigte den Kühen die entsprechenden Bilder, wie die Maus aus dem Fenster schaute, dem Schornstein eine Rauchfahne entstieg und die Tiere aus der Öffnung des Handschuhs hervorlugten.

Eugen las der Katze vor und dem Hund, wie ein Wolf um Aufnahme bat und ebenfalls eingeladen wurde. Und Eugen erkletterte die Umzäunung der Pferdekoppel, neugierig beschnuppert und beäugt, und ein Bär kam des Weges und stieg ebenfalls in den Handschuh , der daraufhin aber aus allen Nähten platzte und die Tiere verloren ihr wärmendes Obdach. Nur der Daumen blieb unversehrt und die Maus behielt diesen als Wohnung.

Ein zehnjähriger Junge kam vorbei und begann sogleich, Eugen zu verspotten. Er lese den Tieren vor? Die könnten doch gar nichts verstehen, die seine doch dumm, und er, Eugen, sei noch viel dümmer, daß er das nicht wüßte. Eugen weinte bitterlich, weil er - obwohl gar nicht dumm - bisher nicht gewußt hatte, daß es Menschen voller Gemeinheit und Lieblosigleit und ohne jede Phantasie gab.

Eine Katze stupste ihn an, ein Hund rieb seine Schnauze in Eugens Hand, Stare beschwatzten ihn liebevoll und ein Pferd beugte seinen Hals schützend über ihn. Eugen bedankte sich artig bei den Freunden; und obwohl er sich bewußt war, daß er ihnen nie wieder würde vorlesen können, fühlte er doch freudig einen unauflösbaren Zauber, der sie alle miteinander verband. Er trocknete seine Tränen und lauschte den Tieren; still, staunend, ganz in Aufmerksamkeit versunken.

Als Eugen besonders angeekelt von dem neuen Deustschlandgetue war, kam ihm der Einfall, eine Satire von einem historischen Werk über die Germanen zu schreiben. Daß er über Jene so gut wie Nichts wußte, kam seiner Intention entgegen, und fleißig erfand er die Geschichte neu, in Sätzen wie diesen:

"Wenn die Germanen einmal beschlossen hatten, etwas Bestimmtes zu tun, und sei es noch so abwegig, dann galt das ausnahmslos für Mann und Frau, Jung und Alt, Kind und Kegel. Diese Einstellung war besonders bei den Allemannen tief verwurzelt."

"Die Ubier waren die Ersten, sich vom Metkonsum ab- und der frisch erfundenen Bierbraukunst zuzuwenden, wodurch das Getränk erstens weite Verbreitung und zweitens seinen Namen fand. Der durch Biergenuß hervorgerufene Zustand der Sorglosig- und Großartigkeit überzeugte innerhalb weniger Menschenalter das gesamte westliche und östliche Europa, worauf der angeblich dem Wein so zugetane Goethe mit dem Titel "West-östlicher Diwan" dezent anspielt."

"Wenn die Friesen sich über Fremde lustig machen wollten, gaben sie vor, sich nach Friesen, Westfriesen und Ostfriesen zu unterscheiden. Mit Befriedigung sahen sie die zunehmende Verwirrung in den Gesichtern der Touristen, die man damals freilich noch anders nannte, nämlich Kaufleute, Soldaten oder Missionare."

Eugen fand tatsächlich einen Verlag für sein Werk, und so erschien "Germanias Tugenden. Rückschau und Ausblick" unter dem Autorenpseudonym Knut Mösebart. Doch wehe! Was als großer Spaß gedacht war, wurde von der Kritik humorlos gepriesen und endete als großer Verkaufserfolg. Es dauerte Monate, ehe Eugen nicht mehr von früh bis spät an Freitod dachte. Daß er das überlebt hat!

Sie stand wie verabredet an der nordöstlichen Ecke des Platzes, in einem minzfarbenen Kostüm, eine kleine Handtasche nervös an sich gedrückt. Der krempenlose Hut sah sehr nach Elizabeth II. aus, ebenso die gekräuselten braunen Haare, die ihrem länglichen Gesicht ein wenig Rundlichkeit zu geben versuchten. Fünf Minuten zu früh. Entschlossen ging Eugen auf sie zu, schätzte ihr Alter - ungefähr 60 - und hielt die drei Baccararosen so, daß sie ihr auffallen mußten.

"Ach, der Herr Kavalier", sagte sie mit abschätzendem Blick, ganz so, als bedaure sie bereits, sich auf dieses Treffen eingelassen zu haben. "Gestatten: Prinz Eugen, aber nicht der Edle, sondern eher ein Raubritter. Mir ist es um Ihr Geld zu tun." - "Nun, dann weiß ich immerhin, woran ich bin." Sie blieb äußerlich vollkommen ungerührt. "Gibt es sonst noch was zu sagen?" - "Oh ja, wenn Sie so viel Persönlichkeit haben, wie Ihr Gesicht andeutet, dann interessieren Sie mich auch ohne Geld."

Sie zögerte unmerklich. "Das ist ja beinahe ein Kompliment. Aber romantisch sind Sie wohl nicht?" - "Doch, schrecklich romantisch, aber ich dachte, mit männlich forschem Auftreten könnte ich Sie am ehesten beeindrucken." - "Ach, er denkt auch? Er scheint mir geradezu ein Wunderwerk der Natur!" - "Es sind noch zwei Minuten bis zu unserer Verabredung. Weshalb gehen wir nicht jeder ein paar Schritte und treffen uns hier wieder, als sei es das erste Mal? Schlimmer kann es doch nicht mehr werden."

Sie maß ihn von Kopf bis Fuß mit amüsiertem Blick und sagte: "Wenn Sie das sagen, wird es wohl stimmen. Also gut, bis gleich dann." Mit würdevoller Haltung und gemessenen Schrittes entfernte sie sich - würdevoll, aber etwas zu sehr zurechtgemacht, dachte Eugen, so sind die Frauen - und auch Eugen begab sich auf eine kurze Wanderung. Mopsfideler Mittelalter möchte marode Millionärin muntermachen lautete seine bewußt dümmlich abgefaßte Kontaktanzeige, von der er sich, wenn er schon aus Not dem Geld hinterherlaufen mußte - auf lächerlichste Weise, wie er sehr wohl wußte - die Begegnung mit einer humorvollen Seele erhoffte.

Sie trafen sich auf die Sekunde pünktlich. Enthusiastisch überreichte er die Blumen. "Welch eine Freude, Ihnen in Fleisch und Blut zu begegnen." (Ich bin so bescheuert, dachte er.) "Wie sie in jugendlicher Frische daherkommen, fühle ich mich recht alt. Wollen Sie gnädigerweise dennoch einen Kaffee mit mir zu sich nehmen?" Sie lachte, ein wenig bitter. "Und was fühlen Sie wirklich?" - "Daß ich mich zum Affen mache. Aber mich vor Ihnen zum Affen machen zu können, ohne mich dafür schämen zu müssen. Und wenn sie so viel Persönlichkeit haben, wie Ihr Gesicht andeutet, mache ich mich gerne zum Affen, da Sie das mit Sicherheit interessanter finden dürften als alle artigen Komplimente, die ich Ihnen hiermit ausdrücklich nicht mache. Vielleicht dies eine doch: Sie sind eine ganz scharfe alte Schnecke" - Sie errötete leicht, hatte sich aber gleich wieder in der Gewalt. "Was meinen Sie, könnte es nicht sein, daß wir uns um fünf Minuten verspätet haben?" Eugen lächelte ihr anerkennend zu: "Dann bis gleich. Moment - die Rosen." Und er nahm die Blumen wieder an sich.

"Gut sehen Sie aus", sagte er ohne Begrüßung und drückte Ihr die Rosen in die Hand. "Frisch und unternehmungslustig. Gehen wir zu mir oder zu Ihnen?" - "Und was ist mit dem Geld?" - "Schenken Sie es mir, dann sind Sie die Sorge los." - "Ich besitze gar keine Million, nicht mal ein Zehntel, nicht mal ein Hundertstel davon. Tja, was nun?" - "Weshalb haben Sie sich dann auf meine Anzeige gemeldet?" - "Ich war neugierig, welcher Idiot solch einen Quatsch schreibt. Gehen wir zu mir?" - "Was immer das werden mag", sagte Eugen lachend, "es beginnt interessant. Wo geht's lang?" Sie gab die Richtung an, er hakte sich bei ihr unter und küsste sie auf die Wange. "Alter Bock", sagte sie gemütlich.

"Liebling, meinst du, ich sollte mir die Haare aus der Nase zupfen?" Er stand im Morgenmantel vor dem Waschbecken und betrachtete grimassierend die unfeineren Details seines Gesichtes.

"Ich an deiner Stelle würde es tun, bevor du die Nasenhaare mit deinem Bart verwechselst." Sie kam halbbekleidet ins Badezimmer, zwinkerte ihm im Spiegel zu und gab ihm einen aufmunternden Klaps auf die rechte Pobacke.

"Wenn du mich öfter ansehen würdest, wäre dir vielleicht aufgefallen, daß ich keinen Bart trage." Er reichte ihr die Haarbürste, sie schüttelte den Kopf.

"Oooh," sagte sie, Mitgefühl heuchelnd, "sind wir heute morgen wehleidig? Stand gestern in der Zeitung, daß Frauen in meinem Alter wesentlich jüngere Männer bevorzugen?" Sie nahm ein Fläschchen Mundwasser aus dem Medizinschrank. "Nicht wegen meinem, wegen deinem schlechten Atem," sagte sie erklärend.

"Liebling, du bist ein Scheusal." Er nahm eine Pinzette von der Ablage, zögerte, legte sie wieder zurück. "Ich werde mir die Haare wachsen lassen."

Sie träufelte Mundwasser in ein Zahnputzglas. "Darf ich Herrn Gorilla daran erinnern, daß Frauen Männer mit Glatze erotischer finden als Männer ohne?"

"Als Männer ohne was?" Er näherte sich dem Zahnputzglas, stutzte plötzlich und hielt sich die Nase zu.

"Als Männer ohne Lust auf ihre Ehefrauen." Sie roch am Mundwasser und stellte es mit spitzen Fingern in den Schrank zurück. "Ich will ja nicht behaupten, daß mir unser Zusammenleben langweilig geworden wäre, aber wenn du gelegentlich ein bißchen altmodische Begierde zeigen würdest, könnte das ein ganz guter Ersatz für all die Komplimente sein, die du nicht machst."

"Schmeicheln dir die Komplimente, die ich nicht mache?" Er nahm die Pinzette wieder auf. "Übrigens verlor Samson seine Kraft, sobald ihm die Haare abgeschnitten worden waren, Delilah."

"Für dich immer noch Margret. Und würdest du mir bitte einmal sagen, von welcher Kraft du sprichst?" Sie griff


Errötend legte Eugen Stift und Papier beiseite. Ob er einen Spaziergang machen sollte? Ein wenig holzhacken? Oder die dralle Frau anrufen, die ihm gestern abend Avancen gemacht hatte? Erst noch einen Kaffee trinken.

So verliebt, so verliebt! Und dann, vor der Zigarette danach, zwischen Liebkosungen, murmelt Eugen: "Schnäuzchen. Distelfink. Honig-Hummel." Sie zuckt zurück. "Du machst dich über mich lustig!" Eugen beteuert: "Ich liebe dich." Sie seufzt, mehr für sich selbst: "Ich glaube nicht, daß dies lange dauert." Eugen, stolz: "Ich liebe dich immer noch."

Was werden Eugens warme Brüder dazu sagen? Wird die Dame weitere Kosenamen ertragen? Werden sie die Zigarette danach rauchen? (wird fortgesetzt)

Eugen saß auf der Bank am Deich und ließ sich von der Abendsonne bescheinen. Ein Ehepaar kam des Wegs, sie auf der einen, er auf der anderen Seite. Das hat vielleicht mit magnetischen Ladungen zu tun, dachte Eugen träge.

Sie blickte über das Watt und fragte: "Kommt da ein Schiff?" - "Was für ein Schiff?" brummelte er mißmutig. - "Über das Meer." - "Nein, da kommt kein Schiff." - "Ich kann es so schlecht erkennen."

Dann ging das Paar weiter, sie auf der einen, er auf der anderen Seite des Weges. Eugen schwang sich auf sein gemietetes Fahrrad. Drei Urlaubstage hatte er noch vor sich, und er ahnte, daß er diese Bank nicht wieder aufsuchen würde.

Es war am frühen Abend, Ende April. Eugen hatte seine reichlich belegten Brote gegessen und gestand sich nun ein, daß er mit dem Rest des Tages nichts anzufangen wußte. Lesen, Schreiben, Hören, Gucken? Nee. Zur Erfrischung Duschen? Och. Ein wenig Onanie? Phh. Am besten, dachte er, wäre ein Spaziergang. Nur daß er dazu nicht so richtig Lust hatte.

Halbherzig trat er auf den dunklen Flur und schloß die Wohnzimmertür. Was war das? Ein heller Fleck hing an der Wand gegenüber der Küche, ein leuchtenbd heller Fleck, eine, eine - Lichterscheinung! Dann erkannte er darin eine Häuserzeile, auf dem Kopf stehend, darunter ein Stück Himmel, über den eine Wolke zog. Wie - was - hä?

Eilig drückte er die Küchentür auf und schritt zum Fenster, eine Hand als Schirm über die Augen gelegt. Ach so, na klar: diese Häuserzeile, dieser Himmel, diese Wolke! Er stellte sich wieder auf den Flur und betrachtete andächtig den Effekt der Camera Obscura. Holte seinen Fotoapparat, konzentrierte sich aufs Stillhalten und machte zwei Aufnahmen; aus Sorge, die Erscheinung könne von einem Augenblick zum nächsten verschwunden sein.

Beruhigt zog er dann einen Stuhl herbei, ließ alle Gedanken versiegen und beschaute das Ereignis, bis kein Sonnenstrahl mehr durch das Schlüsselloch der Küchentür drang.

Als die Chose mit Walter und Dieter endete, bezahlte Walter Dieter aus - sie hatten gemeinsam das "Traffick" betrieben - ind Dieter kaufte die schräg gegenüber gelegene "Bar Carole", stellte diese gründlich auf den Kopf und eröffnet sie nach ein paar Wochen neu unter dem Namen "Verquehr". Das kam einer Kriegserklärung gleich. Mit Inbrunst jagten sie sich fortan gegenseitig Kunden ab (Witzbolde redeten von Walter Tatütatas Traffick und Dieter Tittis Verquehr, womit sie auf die Hysterie Walters und den Körperumfang Dieters anspielten).

Eugen, ein Hausfreund aus besseren Tagen, profitierte von der Situation, da abwechselnd Walter und Dieter ihn einluden; durchaus ein lohnendes Geschäft für die Wirte, denn wo ugen war, fand sich auch die Trinkerfraktion der Szene ein, bei der Eugen sich einiger Beliebtheit erfreute, weil er zudringliche Betatscher mit den Worten: "Für dich bin ich doch bloß ein Arschloch" zu vertreiben pflegte. Für Fremdgehen in einer Beziehung hatte er außerdem den Spruch geprägt: "Der hält sich ein Hinterntürchen offen." Es muß wohl nicht extra betont werden, daß Eugen ein wenig analfixiert ist.

An jenem Abend, um den es hier eigentlich geht, saß Eugen an der Theke des "Traffick"; es war noch früh, doch die Trinker leisteten ihm schon Gesellschaft. Waletr stellte einen weiteren Creme de Menthe vor Eugen ab und rief in die dämmernde Stille: "Meine Damen, wir würfeln mal eben zwei Tacken für die Musikbox aus." Der Würfelbecher kreiste, die erhofften Bestellungen wurden gemacht, der Verlierer überraschte die Anwesenden mit der Wahl von Catarina Valentes "Ganz Paris träumt von der Liebe", es wurde um Schnaps gewürfelt, Eugen rechnete aus, wieviel sich Walter und Dieter diesen Monat bereits seine Anwesenheit hatten kosten lassen - da schwang die Eingangstür auf und ein richtig derber Schrank von eienm Mann polterete in den Laden; Muscle-Shirt, gebräunte Haut, Schnäuzer, Goldkettchen. "Dieter, du Sackratte", ächzte Walter, "morgen schicke ich dir die Penner vom Bahnhof."

Der Fremde stiefelte gemächlich die Theke entlang, blieb hinter Eugen stehen, der gerade drei Einsen gewürfelt hatte, und sagte laut und deutlich. "Du betrügst." Allen stockte der Atem, die ohnehin abgekühlte Stimmung gefror augenblicklich. Eugen zögerte einen Moment, gab sich einen Ruck, drehte sich zu dem Fremdn um und sagte: "Verrätst du es keinem, wenn ich dir einen Tuntenkaffee spendiere?" Walter duckte sich hinter seinen Tresen. Der Fremde betrachtete Eugen überrascht und sagte: "Wenn wir zusammen einen Tuntenkaffe trinken." Eugen setzte eins drauf: "Wenn wir zusammen einen Tuntenkaffee trinken und du dir unterm Tisch einen runterholst." - "Wenn du mir dabei zusiehst." - "Abgemacht!"

Wie auf Kommando atmeten alle zischend aus. Walter klaubte ein Tischtuch hinter der Theke hervor und breitete es über den Ecktisch. "Damit nicht alle anderen auch zusehen." Pfeifend machte er sich an die Kaffeezubereitung,

Wird der Fremde sich an die Abmachung halten? Wird er als Detlev aus Bad Segeberg entlarvt werden? Ernennt man Eugen zum Helden? Wird Dieter aus dem "Verquehr" gezogen? (Fortsetzung folgt)

 

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