ballaballa
Gleich nach dem Finale hatte sie Urlaub, so daß ich mit Verspätung und nur per E-Mail gratulierte. Für Gestern hatten wir sie zurückerwartet, aber es erschien keine Carmen. Nanu? Heute rief sie mich an: nach dem Schlußpfiff sei sie jubelnd herumgesprungen und habe sich - das stehe nicht fest - entweder eine Zerrung oder einen Bänderriß zugezogen; gleichviel, sie habe das Bein geschient bekommen und laufe nun an Krücken herum.
"Du hast aber auch ein Pech!" sagte ich und dachte: wie isses nun bloß möglich. Nach der Fußball-WM 1966 erzählte meine Schwester, der Vater einer Mitschülerin habe während des Finales England gegen Deutschland vor Aufregung einen Herzanfall erlitten und sei stickum verröchelt. Auch wenn das nicht genau ihre Worte waren, mußte ich doch schrecklich lachen ("Das ist nicht lustig!"), denn es ist doch absurd, sich wegen eines Spieles derart zu echauffieren.
Spanien 1, Deutschland 0, Carmen -1. - Das war es nun endgültig mit der Berichterstattung von der EM 2008, freuen wir uns auf eine tönende und hoffentlich verletzungsfreie WM 2010.
Wie dem auch sei, am Abend zuvor die Russen. Genau, das Mucksmäuschen blieb still. Soll das jetzt so weitergehen; Halbfinale, Finale, Europameisterschaft und kein Hupen? Was muß eigentlich passieren, damit etwas passiert? Die UEFA solte wirklich Russland sperren, wegen unwürdigen Verhaltens der Fans im Ausland. Oder haben die gar keine Fans? Wenn ich es recht bedenke: jahrzehntelang nur Schach, Eishockey und Atomrüstung; das hinterläßt natürlich Spuren.
Bevor es zum Schlimmsten kommen kann, tritt Spanien gegen Russland an und hat noch eine Rechnung offen wegen unterlassener Hilfeleistung im spanischen Bürgerkrieg. Die vierzig Jahre Franco-Diktatur stecken denen noch in den Knochen, und sie werden die Knochen der Russen knirschen lassen, bis es kracht. Oder doch nicht? Carmen sagt, die hätten keine cojones, die Türken dagegen schon.
Meinetwegen die Türken, denn mir geht das Deutschlandgetue dermaßen auf den Keks! 1974 - WM in Deutschland - gab es nicht diese Siegesparaden und das ewige Deutschlandgeschrei; gefreut haben wir uns aber wie die Weltmeister. Tat mir leid für die Niederlande, die spielten den modernsten, offensivsten Fußball. So wie jetzt, aber die Russen haben das niederländische System erfolgreicher gespielt. Also wird Russland auch Spanien besiegen, und dann - ja, was dann? - Russisch-orthodoxe Stille?
Während ich dies schreibe hupt sich die deutsche Nation in den Schlaf; nach einem glorreichen 1:0 gegen Österreich, ein Supererfolg, echt. - Überzeugt haben bisher nur die Niederlande und Portugal, hoffen kann man noch auf Spanien und Schweden, erfreulich finde ich die Türken, die sich ihr Glück erkämpfen. Kroatien erwähne ich nicht, weil ich die nicht abkann. Wegen der EM 1996 in England, wo sie die Unfairnesstrophäe verdient gehabt hätten. Damals hatte ich noch ein Fernseh und freute mich wirklich, wie die deutsche Elf (Marko Bode und Dieter Eilts dabei) den Kroaten ein Bein stellte. Das waren aber auch Arschlöcher, denen hätte man direkt in ihre aufgeblähten Eier treten sollen. Obwohl das politisch nicht korrekt ist. Und gerade deshalb.
Die Österreicher, um zum Thema zurückzukommen, haben jedenfalls nichts zu hupen. Da übermorgen die Gruppenspiele durch sein werden, wird die Hupfrequenz auf zwei pro Woche reduziert, was ich aus ganzem Herzen begrüße. Jubelmäßig ist Deutschland doch bloß ein Möchtegernland, erst recht; wenn spätestens im Halbfinale Schluß mit lustig ist. - Ich sach ma: Niederlande. Ist ja auch meine Muddis Land. Wenn sie Internet hätte, würde ich sie jetzt und an dieser Stelle grüßen. Tu-u! Doe-ie!
Aber zu früh gefreut, wird wohl doch nichts draus. Dagegen sind natürlich die üblichen Verächtigen: die Bremer Frauenbeauftragte ("Werbung hat in Kreißsälen nichts zu suchen"), der Bremer Frauenausschuss (!) und die Frauenbeauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche. Ich finde diese Bevormundung skandalös - was verstehen die denn schon von Fußball!

Die Bundesliga beginnt ihren Winterschlaf; da ist es Zeit, meine Wunschelf nach einem fiktiven Kick einer Einzelkritik zu unterziehen.
Tucke: wurde vom harmlosen Gegner nicht gefordert; beim einzig ernstzunehmenden Eindringen in seinen Strafraum mußte er gleich hinter sich greifen, weil Detlevsen ihm das Ding durch die Beine schob. Zum Glück Abseits.
Note: 3
Bruce:gefiel durch energisches Grätschen und beharrliche Deckungsarbeit
Note: 2,5
Phuk-Ju-Maan: trieb sein Gegenüber durch gefühlvolles Rückpaßspiel zur Verzweiflung.
Note: 2
Lendemann: ließ nichts anbrennen, stand immer richtig.
Note: 2
Wanker: hatte keinen guten Tag, zu ballverliebt. Das Streicheln und Küssen hätte er besser unterlassen.
Note: 4
van de Hyfte: schwacher Beginn; drehte erst auf, als Grabschowski ihm die Hose zerriß.
Note: noch 3
Casanova: eine Augenweide, wie er seine Gegenspieler mit aufreizender Lässigkeit vernaschte.
Note: 2
B-Note: 10
Rammler: diesmal auf der Außenposition eingesetzt, wühlte er sich immer wieder durch die gegnerische Abwehr. Schwach im Abschluß.
Note: 3
Knabe: bemüht, aber glücklos.
Note: 5
Tussi: bei dem Italiener lief viel, er wich keinem Körperkontakt aus.
Note: 2
Salvatore: 89 Minuten war von ihm nichts zu sehen, dann spritzte er in die Lücke und vollendete zum 1:0.
Note: gerade noch 6
(gewidmet Ror Wolf)
Zelte, Posten, Werder-Rufer,
lust'ge Nacht am Weserufer ...
(Prinz Micoud, der edle Kicker)