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ballaballa

Carmen war ja bald die Einzige im Büro, die sich die Spiele der Fußball-EM (European Soccer Contest?) angesehen hat; nur mit den Praktikanten konnte sie ein wenig fachsimpeln. Am Morgen nach dem Halbfinalsieg ihres Teams kam sie juchzend mit einer Spanienfahne zur Türe hereingestürzt. Die war voll drauf.

Gleich nach dem Finale hatte sie Urlaub, so daß ich mit Verspätung und nur per E-Mail gratulierte. Für Gestern hatten wir sie zurückerwartet, aber es erschien keine Carmen. Nanu? Heute rief sie mich an: nach dem Schlußpfiff sei sie jubelnd herumgesprungen und habe sich - das stehe nicht fest - entweder eine Zerrung oder einen Bänderriß zugezogen; gleichviel, sie habe das Bein geschient bekommen und laufe nun an Krücken herum.

"Du hast aber auch ein Pech!" sagte ich und dachte: wie isses nun bloß möglich. Nach der Fußball-WM 1966 erzählte meine Schwester, der Vater einer Mitschülerin habe während des Finales England gegen Deutschland vor Aufregung einen Herzanfall erlitten und sei stickum verröchelt. Auch wenn das nicht genau ihre Worte waren, mußte ich doch schrecklich lachen ("Das ist nicht lustig!"), denn es ist doch absurd, sich wegen eines Spieles derart zu echauffieren.

Spanien 1, Deutschland 0, Carmen -1. - Das war es nun endgültig mit der Berichterstattung von der EM 2008, freuen wir uns auf eine tönende und hoffentlich verletzungsfreie WM 2010.

Erstmal muß ich hier Abbitte leisten: als ich neulich frohlockte, die Huprate werde auf zwei pro Woche sinken, befand ich mich im Irrtum, hatte irgendwie nicht an die Viertelfinals gedacht. Aber schlußendlich war es doch kein Irrtum. Erst Deutschland - doink doink - , dann Türkei - toink toink -, dann ... Schweigen. Die Spanier hauen die Squadra Azurra weg und - gar nichts? Lagen die hiesigen Fans bereits im Bett (Sonntagabend), hatten sie ihre Mannschaft aufgegeben? Kaum zu glauben, zumal der Volksmund weiß: die Sonne scheint bei Tag und Nacht, eviva Espana!

Wie dem auch sei, am Abend zuvor die Russen. Genau, das Mucksmäuschen blieb still. Soll das jetzt so weitergehen; Halbfinale, Finale, Europameisterschaft und kein Hupen? Was muß eigentlich passieren, damit etwas passiert? Die UEFA solte wirklich Russland sperren, wegen unwürdigen Verhaltens der Fans im Ausland. Oder haben die gar keine Fans? Wenn ich es recht bedenke: jahrzehntelang nur Schach, Eishockey und Atomrüstung; das hinterläßt natürlich Spuren.

Bevor es zum Schlimmsten kommen kann, tritt Spanien gegen Russland an und hat noch eine Rechnung offen wegen unterlassener Hilfeleistung im spanischen Bürgerkrieg. Die vierzig Jahre Franco-Diktatur stecken denen noch in den Knochen, und sie werden die Knochen der Russen knirschen lassen, bis es kracht. Oder doch nicht? Carmen sagt, die hätten keine cojones, die Türken dagegen schon.

Meinetwegen die Türken, denn mir geht das Deutschlandgetue dermaßen auf den Keks! 1974 - WM in Deutschland - gab es nicht diese Siegesparaden und das ewige Deutschlandgeschrei; gefreut haben wir uns aber wie die Weltmeister. Tat mir leid für die Niederlande, die spielten den modernsten, offensivsten Fußball. So wie jetzt, aber die Russen haben das niederländische System erfolgreicher gespielt. Also wird Russland auch Spanien besiegen, und dann - ja, was dann? - Russisch-orthodoxe Stille?

Vor ein paar Minuten kam ein junger Fußballfan durch unsere Straße und sang "Das Lied der Deutschen" auf eine ganz neue, moderne und verblüffende Melodie, während im Hintergrund die Autohupen für einen erfrischend spontanen Klangteppich sorgten. Ich habe diesem Nachwuchstalent sofort einen Plattenvertrag angeboten. - Nun werde ich Helmut Kohl bitten, seine sehr persönliche Interpretation der Nationalhymne von 1990 sampeln zu dürfen. Die deutsche Hymne, arrangiert für Gesang, Altkanzler und Hupkonzert - Kinder, ich werde reich!

einmal jubelmäßig, ist festzustellen ("Fest zu stellen" heißt das inzwischen wohl), daß die Sieger allesamt auf europäischem Standard sind, auch die Portugiesen, deren Autokorso vor zwei Jahren noch aus einer unverzagten Radfahrerin bestand, aber die haben jetzt aufgerüstet und da geht die Post ab, wie überall. Außer bei den Russen. Was ist los? Russland besiegt Griechenland, und nur eine einzelne Hupe blökt von ferne und könnte Zufall sein. Die Russlanddeutschen trauen sich natürlich nicht, sonst würde ihnen auch noch Hartz IV entzogen (fürchten sie), und was ist mit den echten Russen? Ich kenne einen Herrn Pushkin, aber der will mit Fußball nix am Hut haben; er sei ein Großenkel siebten Grades des berühmten Schriftstellers - Moment mal, ich kenn mich mit Verwandtschaftsverhältnissen nicht so aus, schwindelt der mich etwa an? Seine Mutter schwärmt für Fußball und hat sich Sanktion Petrograd gegen Reihern München angeguckt, na, soll sie doch. Hier ist Bremen, und es ist extrem uncool, Spiele der Münchner auch nur zu erwähnen (es sei denn Niederlagen).

Während ich dies schreibe hupt sich die deutsche Nation in den Schlaf; nach einem glorreichen 1:0 gegen Österreich, ein Supererfolg, echt. - Überzeugt haben bisher nur die Niederlande und Portugal, hoffen kann man noch auf Spanien und Schweden, erfreulich finde ich die Türken, die sich ihr Glück erkämpfen. Kroatien erwähne ich nicht, weil ich die nicht abkann. Wegen der EM 1996 in England, wo sie die Unfairnesstrophäe verdient gehabt hätten. Damals hatte ich noch ein Fernseh und freute mich wirklich, wie die deutsche Elf (Marko Bode und Dieter Eilts dabei) den Kroaten ein Bein stellte. Das waren aber auch Arschlöcher, denen hätte man direkt in ihre aufgeblähten Eier treten sollen. Obwohl das politisch nicht korrekt ist. Und gerade deshalb.

Die Österreicher, um zum Thema zurückzukommen, haben jedenfalls nichts zu hupen. Da übermorgen die Gruppenspiele durch sein werden, wird die Hupfrequenz auf zwei pro Woche reduziert, was ich aus ganzem Herzen begrüße. Jubelmäßig ist Deutschland doch bloß ein Möchtegernland, erst recht; wenn spätestens im Halbfinale Schluß mit lustig ist. - Ich sach ma: Niederlande. Ist ja auch meine Muddis Land. Wenn sie Internet hätte, würde ich sie jetzt und an dieser Stelle grüßen. Tu-u! Doe-ie!

Der SV Werder Bremen hat mit der Dachgesellschaft der Bremer städtischen Kliniken gesprochen und freut sich auf die Kampagne "ein Leben lang grün-weiß". Wir freuen uns mit. Denn die Kreißsäle in drei der vier Kliniken sollen in Werder designt werden, Vereinsenblem, grün und weiß, zack-zack. Was heißt hier Aprilscherz? Das ist ein seriöses Vorhaben. Es sind zusätzlich Petsybälle mit Werderraute vorgesehen und die Eltern erhalten außerdem ein Werder-Handtuch, ein Vereins-T-Shirt sowie ein Antragsformular auf dreijährige kostenlose Mitgliedschaft für die ganze Familie. Das ist doch super! Toppen läßt sich das nur noch durch Abspielen originärer Werder-Fangesänge während der Geburt.

Aber zu früh gefreut, wird wohl doch nichts draus. Dagegen sind natürlich die üblichen Verächtigen: die Bremer Frauenbeauftragte ("Werbung hat in Kreißsälen nichts zu suchen"), der Bremer Frauenausschuss (!) und die Frauenbeauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche. Ich finde diese Bevormundung skandalös - was verstehen die denn schon von Fußball!

Die Karte sticht.

werderweihnacht

Die Bundesliga beginnt ihren Winterschlaf; da ist es Zeit, meine Wunschelf nach einem fiktiven Kick einer Einzelkritik zu unterziehen.

Tucke: wurde vom harmlosen Gegner nicht gefordert; beim einzig ernstzunehmenden Eindringen in seinen Strafraum mußte er gleich hinter sich greifen, weil Detlevsen ihm das Ding durch die Beine schob. Zum Glück Abseits.

Note: 3

Bruce:gefiel durch energisches Grätschen und beharrliche Deckungsarbeit

Note: 2,5

Phuk-Ju-Maan: trieb sein Gegenüber durch gefühlvolles Rückpaßspiel zur Verzweiflung.

Note: 2

Lendemann: ließ nichts anbrennen, stand immer richtig.

Note: 2

Wanker: hatte keinen guten Tag, zu ballverliebt. Das Streicheln und Küssen hätte er besser unterlassen.

Note: 4

van de Hyfte: schwacher Beginn; drehte erst auf, als Grabschowski ihm die Hose zerriß.

Note: noch 3

Casanova: eine Augenweide, wie er seine Gegenspieler mit aufreizender Lässigkeit vernaschte.

Note: 2

B-Note: 10

Rammler: diesmal auf der Außenposition eingesetzt, wühlte er sich immer wieder durch die gegnerische Abwehr. Schwach im Abschluß.

Note: 3

Knabe: bemüht, aber glücklos.

Note: 5

Tussi: bei dem Italiener lief viel, er wich keinem Körperkontakt aus.

Note: 2

Salvatore: 89 Minuten war von ihm nichts zu sehen, dann spritzte er in die Lücke und vollendete zum 1:0.

Note: gerade noch 6

(gewidmet Ror Wolf)


seit einer Stunde, und es ist ein Ende nicht absehbar. Tut, da fährt ein Auto. Tut, tut, tut. Und noch eins. Dutzende. Und immer noch mehr. Fahnen, Rufe, Lärm. Anschwellender Bocksgesang?

Zelte, Posten, Werder-Rufer,
lust'ge Nacht am Weserufer ...
(Prinz Micoud, der edle Kicker)

 

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