1968
aus aller Welt
ballaballa
Beobachtungen in der Natur
charmsing
deutsche kenneweiss
Dicki TV
Dickimerone
Dickis Reisen
die kleine Anekdote
dirty old town
Empfehlung
Erwins Welt
Eugen
in eigener Sache
Java
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
icon

 
Was ist eigentlich falsch daran, zu überschriften: "Sechstagerennen: 17300 sehen den Startschuß"? Eine ganze Menge, aber ich will das hier nur mit den Stichworten "Scheingenauigkeit", "Platzmangel", "Sinneswahrnehmung", "Tempora" und folglich auch "Mores" referieren, denn der eigentliche Punkt ist, daß besagtes Rennen zwar traditionell in der Stadthalle stattfindet, dieses Bauwerk aber nur noch "Stadthalle" ist und längst auf andere Namen hört und weiterhin hören muß.

Nämlich. Zuerst wollte ich mich neulich freuen, daß unsere schöne alte häßliche "Stadthalle", die nach einer Verhäßlichungskur Modernisierungsmaßnahme und erfolgreicher Sponsorensuche plötzlich AWD-Dome hieß, nun einen neuen Namen sucht, da der Finanzdienstleister AWD den Vertrag nicht verlängert hat, mußte aber in der nächsten Sekunde zur Kenntnis nehmen, daß die "Stadthalle" auf keinen Fall wieder "Stadthalle" heißen soll. - "Mer lasse d'r Dom in Kölle" war mal ein Faschingsmotto (in welcher Stadt wohl?), doch kundige Mitmenschen wiesen mich darauf hin, daß dieser Ausspruch nicht das bedeutet, was er offensichtlich zu bedeuten scheint ("Wir lassen die Kirche im Dorf" - keineswegs. Statt nachzufragen, welche andere Bedeutung denn gemeint sei, wandte ich mich ab und weinte Buttermilch). Wenn man das Wort "Dom" benutzt (und phonetisch gesehen ist "Dome" ebenfalls "Dom"), sollte man auch "Dom" meinen, alles andere führt zu Harndrang, zu Verkehrschaos, und läßt die Haut schneller altern.

Aber so sind diese Provinzler; andauernd verwechseln sie lokal mit provinziell und richten mit ihrem spießig auf "in"ne Metropolen fokussiertem beschränkten Horizont ein Namensgebungsdesaster nach dem anderen an, womit sie das ganze Land zu einer Provinz der von ihnen distanzlos verehrten USA machen. Stadthalle ist nicht originell, aber da sie seit 40 Jahren unter diesem Namen bekannt war, wozu "Dome" und was dergleichen Provinzindikatoren mehr sind. Dieser Unfug griff schon vor Jahren nach den Fußballstadien, die nun "Allianz-Arena" usw genannt werden (das ist wenigstens ein Neubau in München und darf deswegen einen neuen Namen haben, und sei der noch so bescheuert). Wo aber sind die "Glück-Auf-Kampfbahn", das "Volksparkstadion", die "Kampfbahn Rote Erde" (Wow! Der Name hat Erwartungen beim Publikum geweckt!) und viele ihrer Schicksalsgenossen geblieben; wo sind sie geblie-hie-ben? Natürlich leben sie im kollektiven Gedächtnis noch eine Weile fort, aber auf Wegweisern und Hinweistafeln wurden sie ausgemerzt und durch die genannten, um so vieles weltgewandteren Anödungen ersetzt, und das auf Kosten der Allgemeinheit.

Aber so sind diese Provinzler; andauernd verwechseln sie öffentlich mit privat: laben sich gern an öffentlichen Geldern, wollen aber auch unsere privatesten Aktivitäten noch öffentlich überwacht wissen. - Obendrein sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich und klingen zum Verwechseln gleich. Wie war noch dieses treffliche Wort, Herr Schopenhauer? - "Dutzendwaare der Natur." - Herzlichen Dank.

"Das sieht aber nicht aus wie auf der Verpackung", sagte unser Benjamin (mit Blick auf sein Mittagessen), der keineswegs Benjamin heißt und auch nicht so gerufen wird, sondern der vielmehr der Svennilsjens-Gruppe zugehört; Namen, die man ständig durcheinanderbringt, ohne daß irgendwer dafür eine Erklärung hätte. Dabei ist es unbedingt ein Fortschritt zu nennen, daß im fraglichen Geburtenjahrzehnt nicht aus mindestens jedem siebten Ei ein Junge gekrochen kam, dessen Vorname mit der Buchstabengruppe "Mar" begann, wie es im dem Dezennium zuvor der Fall gewesen ist. Danach hießen so viele junge Männer Marko, Mario und Markus (gelegentlich ein c für ein k enthaltend), daß man einen Bekannten bei einer zufälligen Begegnung bedenkenlos fragen konnte: "Äh, du bist doch der Mar[genuschelt]", und der Angeredete freute sich, daß man seinen Namen behalten hatte.

Genau auf diese liebgwonnene Gewohnheit muß man bei den Svennilsjensen verzichten, im Gegenteil empfiehlt sich jenen Teil des Gedächtnis' zu stärken, der für die Namensmemorierung zuständig ist. Mir ist allerdings kein Erfolgssystem bekannt, mit dem diese schwierige Aufgabe gemeistert werden könnte. Deshalb trete ich dieser Tage von einem Fettnäpfchen ins nächste, es nimmt kein Ende mit der Peinlichkeit, aber es entwickelt sich ein dickes Fell, ich werde schon gar nicht mehr rot und die emotionale Involvierung läßt nach, so daß es eines nicht allzu fernen Tages für mich Routine sein wird, den Sven-oder-wie-der-heißt mit Nils anzusprechen und vice versa. Die gute alte Eselsbrücke versagt leider (ansonsten immer das erfolgreichte unter den Erfolgssystemen): Nils? Holgersson. Jens? Jensen. Sven? - Sven? - SVEN?

Um aber auf Svennilsjenses Mittagsessen zurückzukommen: freilich sah das auf der Verpackung zum Anbeißen lecker aus (in realiter war es dann dreierlei farblich unterschiedlicher Brei in mikrowellentauglichem Plastik), weil das macht der Marketingkoch, und zwar so: Firma XY hat ein neues Fertiggericht und braucht eine adrette Verpackung, wenn nicht gar eine Werbekampagne. Die einschlägigen Agenturen raten immer zur Kampagne, dabei wollen die Verantwortlichen in den Chefetagen schon für die Verpackung nicht den geforderten Preis bezahlen. Auf der Verpackung soll natürlich das fertigerwärmte Fertiggericht so zu sehen sein, daß der Anblick zum Kauf verlockt. Also wird der Marketingkoch angerufen, es gebe einen neuen Auftrag, alles stehen und liegen lassen, sofort losbrutzeln.

Der Koch guckt erstmal in seinen Terminkalender, sagt "soso" und "vielleicht" bevor man sich einigt, dann geht er die Zutaten einkaufen. Der kocht wirklich ein reelles Gericht, setzt es Agentur- und XY-Chefs vor, die es beäugen (fotogen muß es sein) und verputzen (schmackhaft muß es sein - obwohl das solchermaßen zubereitete Mahl nichts mit dem späteren Produkt gemein hat). Der Werbefotograf fotografiert, der Verpackungsingenieur legt den Abbildungsbereich fest, die Chefs freuen sich über ihr gutes Produkt. Schließlich steht es dann im Supermarktregal oder liegt in der Supermarkttiefkühltruhe und wartet wie die Spinne im Netz darauf, daß jemand auf den Abbildungstrick hereinfällt und den Pferdefuß nicht bemerkt.

Svennilsjens gab weiter zu Protokoll, es schmecke auch nicht gerade gut. Unbegrenzt haltbar, "das hätte mich stutzig machen sollen", sagte er, die Reste seiner Mahlzeit mit resignativem Kopfschütteln betrachtend. Danach war allgemeine Unruhe, jeder wollte einen Beitrag zu dem Thema leisten, man konnte seine eigenen Gedanken nicht verstehen in dem Tohuwabohu. Erinnern kann ich mich nur daran, daß jemand "Weltraumessen aus dem Supermarkt" duch den Raum rief, was uns an dieser Stelle zum Spezialgebiet der Astronautennahrung und damit entschieden zu weit weg führen würde; ich weiß ja auch gar nicht, ob Svennilsjens sich je gewünscht hat, Astronaut zu werden, wenn er mal groß ist. Kinder sind so herrlich ahnungslos: wenn man den zukünftigen Astronauten erklärt, daß es "dort oben" Fritten und so weiter aus der Tube gibt, dann denken die Lütten, eben noch begeisterte Weltenentdecker, natürlich an Senf und Zahnpaste, schon kullern dicke Tränen, und dem Klempnerhandwerk, eben noch ein vom Aussterben bedrohter Beruf, scheint der Nachwuchs gesichert.

Bei Tube fällt mir ein, daß der Oberrabauke von uns Rabauken nachts in einem Zeltlager dem quengeligen Außenseiter (der durchaus zu BWL veranlagt gewesen sein mag, das sind eigentlich so diese Typen) ein wenig Rei aus der Tube zwischen die Zähne gedrückt hat, der Quengler trotzdem nicht über den Halbschlaf hinaus erwachte. Irgendwann hat er's dann doch realisiert und wir bekamen ziemlich Ärger mit der Aufsichtsperson. Soweit mein persönliches Tubenerlebnis und soviel zum Thema - ja, was war denn gleich das Thema?

Denn das fragt man sich doch dann und wann: woher kommen diese Münzen, deren Klimpern im Geldbeutel den Menschen ein fröhliches Lächeln aufs Gesicht zaubert, und zwar überall in den Geschäften, gleichermaßen jenen, die da geben wie jenen, die da nehmen, worauf die Kasse lauter Wohlbehagen klingelt - wie ist das also nun, wo kommt der harte Teil der Währung her?

Am Anfang stand ein neues Prägeverfahren, daß in den staatlichen Münz- und Prägeanstalten im (geheimen) Auftrag des damaligen Finanzministers - dessen Name heute niemanden mehr langweilt - entwickelt worden war und die vergleichsweise teure, sprich: wenig rentable, bisherige Herstellung von Mark und Pfennig ablösen sollte. Um den Einspar- bzw. Gewinneffekt zu erhöhen, änderte man gleichzeitig die Legierung des zu prägenden Metalls, oder anders ausgedrückt: der Schrottanteil wurde deutlich erhöht, Anteile von Silber und Kupfer hingegen gesenkt. Rechtzeitig zur EU-weiten Einführung des Euro - im Volksmund populistisch als "Teuro" verunglimpft - erreichte man Serienreife für das neue Verfahren. Seitdem spricht man im Fachjargon vom "Euro-Backen" und jene privaten, auf Franchise-Basis arbeitenden Kleinmünz- und -prägereien heißen "Euro Bäckerei".

eurobaecker
Die Euro Bäckereien sind fortlaufend numeriert (quirinus pixit)

Der durchschnittliche Euro-Bäcker steht früh auf, um auch die Stunden vor Sonnenaufgang in klingende Münze umzusetzen, denn bereits zur Kaffeezeit am Nachmittag, wo in anderen Berufen noch geschwitzt wird, ja, in machen eben erst der Arbeitstag begonnen hat, kommt das klobige Kassenfahrzeug und holt die frischgebackenen Geldbomben ab, um sie gerecht unterm Bankenvolk zu verteilen (Gerüchten, denen zufolge die Sparkassen hierbei - wegen des in Finanzkreisen negativ omenden "Spar"? - alles andere als bevorzugt werden, sollte man keine Aufmerksamkeit, geschweige denn Glauben schenken). Doch weiter im Takt: zunächst muß der Ofen geheizt werden, denn die gute Münze gelingt nicht unter 400 Grad Celsius. Währenddessen wird die Euro-Masse (von der Bundesbank jeden Montag frisch angeliefert) in Tiegel, die Rohform der künftigen Geldstücke, gespachtelt. Die Tiegel stehen auf Tabletts, die in den großen Backofen eingeschoben werden, sobald die rechte Hitze erreicht ist.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag: der Lehrling spachtelt weitere Formen voll, indes der Meister mit dem Prägestempel den hitzeweichen Rohmünzen das vertraute Antlitz verleiht. Kaum ist der Ofen leer, wird er schon wieder gefüllt, denn Zeit ist Geld: die Marge zwischen Ankauf der Euro-Masse und Erlös aus dem Frischgeld ist so knapp, daß an machen Tagen der dann freie Ofen von der Bäckersfrau zum Backen von Keks und Küchlein genutzt wird, durch deren Verkauf ein kleines Zubrot anfällt, wenn am Geld mal wieder nichts zu verdienen ist.

So geht es zu in der Innung, die übrigens auch ein eigenes - nein, nicht innigliches, sondern - zünftiges Lied aufzuweisen hat, das zu jeder vollen Stunde aus den Euro Bäckereien durch die Straßen weht, um der Welt voll Stolz vom Stolz auf ihr einzigartiges Handwerk zu künden:

Euro-Bäcker-Lied

Kohle, Eisen, Kies, Moneten
morgens ist nicht Zeit zu beten
schür das Feuer, knet die Masse
daß sie in die Tiegel passe

Knete, Zaster, Moos, Penunze
keinen Euro je verhunze
präg und münze alles recht
tu es billig, doch nicht schlecht

Ist das Tagewerk gelungen
und das Innungslied gesungen
iß dein Abendbrot mit Dank
zum Münzenklimperklapperklang

Begebe zeitig dich zur Ruh
schließe deine Äuglein zu
atme tief und schlafe ein
träum von Münzen groß und klein

Französisch müßt man können, das dachte ich schon oft. Da klingt alles irgendwie eindrucksvoll, egal was es ist. Zum Beispiel "Bois de la Vache"; da sagst du erstmal boah! Wenn dir klar wird, daß "la Vache" französich für "die Kuh" ist, bleibt von der Verzückung nicht viel übrig: "Kuhwald", naja. So ist das mit dem Französischen, alles aufgebauscht, alles Louis Quatorze oder Quinze oder wie, den Arsch nie abwischen, stattdessen tonnenweise Puder draufstreuen, das ist die Wahrheit, alles merde, naturellement.

Ist das eine Maßnahme zur Umerziehung der Menschheit, diese Agenturmeldung, die ich bei SpOn las? Dabei denkt man zunächst, man läse eine Nachricht: Tausende Reisende saßen am Sonntag stundenlang am US-Flughafen Newark fest, nachdem dort Alarm ausgelöst worden war. Ein Unbekannter war unbefugt in die Sicherheitszone vorgedrungen. In der Überschrift hieß es - ganz richtig - Abschiedskuß, doch was ist daraus geworden: Jetzt wurde sein Motiv bekannt: Der Mann wollte knutschen.

Offenbar ist der Schreiber Sudler Journaillist der Meinung, er müsse die sehr menschliche Regung des Mannes ins Lächerliche ziehen, weil der Abschiedskuß zur stundenlangen Blockierung des Flugverkehrs führte, und kommt überhaupt nicht auf das Natürlichste, daß nämlich Sicherheitsvorkehrungen, in denen kein Raum für menschliche Gefühle und daraus folgendes Verhalten ist, die eigentliche Lächerlichkeit darstellt, um es vorsichtig auszudrücken. Man darf aber auch "Ärgernis", "Automatenhaftigkeit" und "menschenfeindlich" zur Anwendung bringen, und vielleicht fällt dir noch dieses oder jenes Wort ein, um dich zu erleichtern.

Selbstverständlich werden, ja müssen Konsequenzen aus diesem Störfall gezogen werden: in Zukunft muß mit empfindlichen Strafen rechnen, wer sich in aller Öffentlichkeit menschlich aufführt, man hat ja gesehen, welche Folgen solch unverantwortliches Treiben haben kann. Hinzu kommt, daß durch die öffentliche Zurschaustellung von Sympathien die Gefühle anderer Menschen, die nicht in diese sympathetischen Äußerungen einbezogen sind, in hohem Maße verletzt werden. Aus eben diesem Grunde hat auch ein Verhalten zu unterbleiben, das gemeinhin "Solidarität" beziehungsweise "Hilfestellung" genannt und sogenannten Schwachen zuteil wird, weil es den Unmut der Starken zu erregen geeignet ist. Kurz: Menschsein stört den Lauf der Dinge. Es gehört abgeschafft.

 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma