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könnte man lapidar und nichtsahnend sagen, aber so ist das ganz und gar nicht.

Semmelmann geht: nach 888 Tagen vielfältiger Geschichten in seinem ganz eigenen Stil stellt er (vorläufig?) das Bloggen ein. Glücklicherweise ist die Kolumne weiterhin online, zum Nachlesen. Es gibt nur einen Semmelmann, also bittebitte: Junge, komm bald wieder!

Neu im Netz ist I'm a Peeliever, wo Hella Unbekanntes und Obskures vom Gestern bis zum Heute (und vielleicht noch ein wenig mehr) der populären Musik vorstellt. Dazu meine besten Wünsche!

Alfred Hitchcock: "Manche Filme sind ein Stück Leben, meine Filme sind ein Stück Kuchen." - Gleich habe ich Appetit.

Der Landesrechnungshof hat die "Kultur Management Bremen GmbH" (kmb) in einem Bericht von 28 Seiten auseinandergenommen und ihre Auflösung empfohlen. Die kmb kontert umgehend. In meiner alltäglichen Zeitung lese ich: Ein weiterer Kritikpunkt lautet, daß die kmb jährlich rund 1,1 Millionen Euro an Kosten verursache, "ohne dass die Leistungen ... zum Vorteil des Kulturressorts erkennbar genutzt werden". Dem stellt die kritisierte Behörde entgegen, dass die kmb "wesentliche Qualitätssteigerungen im Zuwendungs- und Beteiligungsmanagement" erreicht habe.

Das ist doch das typische neuzeitliche Behördenblabla, höre ich rufen. Ja, dort, der Herr mit der kritischen Miene. Machen Sie lieber nicht solch eine kritische Miene, Herr, sondern denken Sie positiv, begreifen Sie die Situation als Chance! Ich jedenfalls werde einen Antrag stellen, auch wenn ich noch nicht weiß, an wen; der Inhalt steht aber nunmehr fest:

Da ich vermittels nachhaltiger Nichtanstellung der deutschen Wirtschaft Mehrausgaben in Höhe von mindestens 50.000 Euro per Annum erspare (summiert man Gehalt, Bereitstellung von Arbeitsplatz und -gerät, Sozialabgaben sowie anteilig Umgebung und Pflege bzw. Wartung auf), beantrage ich hiermit rückwirkend zum 1.4. eine zehnprozentige (in Zahlen: 10 v.H.) Beteiligung an der von mir kreativ mitgetragenen und - wie alle Experten versichern - überlebensnotwendigen Kostenminderung. Im Gegenzug verpflichte ich mich, wesentliche Qualitätssteigerungen im Abwendungs- und Nichtbeteiligungsmanagement zu erreichen.

Hochachtungsvoll

Der wahre Dicki

sind diese Rechenaufgaben, aber wegen ihrer großen Nähe zur Wirklichkeit würde ich sie unbedingt in der nächsten PISA-Studie stellen.

Als der "Büro- und Gewerbepark" auf einem am Stadtrand gelegenen Grüngebiet gebaut werden sollte, das gern von Radfahrern und Spaziergängern zur Erholung aufgesucht wurde, gab es natürlich Proteste aus der Bevölkerung, die selbstverständlich mit der Begründung abgebügelt wurden, daß erstens ein erheblicher Bedarf an neuer Gewerbefläche bestehe und zweitens die wirtschaftliche Notlage der Gemeinde diesen Schritt (nämlich den Bau) zwingend notwendig mache. Also wurde - finanziert aus zukünftig einzunehmenden Steuergeldern - gerodet, planiert, asphaltiert und betoniert, und schon bald war ein schmucker Park zur Firmenansiedlung entstanden.

Am Stadtrand, wie gesagt, und damit auch ein gutes Stück von einer Haltestelle der nächsten Linie des ÖPNV entfernt. Man schuf Abhilfe und richtete ein Sammeltaxi als "Linie 39" ein, das Fahrgäste von der Haltestelle zum "Büro- und Gewerbepark" (und umgekehrt) bringen sollte, wofür der bereits gelöste Fahrschein Gültigkeit besitzen würde. Die Differenz zwischen Fahrschein und Kosten der Taxifahrt wollte die Gemeinde dem Taxi-Unternehmen erstatten. Nach einem Jahr wurde Bilanz gezogen. In den ersten 6 Monaten fuhr das Taxi täglich neun Mal, in den zweiten 6 Monaten nur noch auf Abruf, was auf zwei Fuhren täglich hinauslief, den tatsächlichen Bedarf.

Das Finanzressort beschwerte sich: bei einer Auslastung von 6 Prozent in den vergangenen drei Monaten (130 Fahrten mit insgesamt 131 Fahrgästen; weshalb das 6 Prozent sind, mag der Statistiker wissen) sei es doch wohl billiger, dem einzigen Fahrgast, der überhaupt die Linie täglich nutze, ein Auto zu schenken. Kurz: die Linie müsse eingestellt werden.

Das konnte die Wirtschaftsförderung nicht auf sich sitzen lassen: zwar entspreche es den Tatsachen, daß mehrere hundert Euro für das Angebot der Linie zubezahlt werden müßten, doch sei die "Standortzufriedenheit" der Unternehmen merklich verbessert worden und stelle das Vorhandensein der Linie eine große Hilfe bei der Anwerbung neuer Mitarbeiter dar. Allerdings, so räumte man ein, habe sich die Linie nicht so entwickelt wie erwartet.

Als jemand auf die Idee kam, sich einmal im "Büro- und Gewerbepark" umzusehen, fand er ein einzelnes, einstöckiges Gebäude von geringer Grundfläche vor, eigentlich eher ein Kiosk denn ein Haus. Als er klingelte, öffnete der Firmeninhaber selbst. Im Gespräch stellte sich heraus, daß dessen Unternehmen noch in der Gründungsphase steckte und keinerlei Mitarbeiter beschäftigte. Ob er der Benutzer des Sammeltaxis sei? Ganz recht, er sei der Stammkunde und fahre täglich mit der Linie 39 ins Büro und zurück. Allerdings überlege er, seine Firma zu sich nach Hause zu verlegen, da die Mietkosten doch erheblich seien und er sich außerdem - so ganz ohne Nachbarn - ein wenig einsam fühle.

130 Fahrten, 131 Fahrgäste: wer mag der vereinzelte, der 131. Passagier gewesen sein? War es etwa die seit September als vermißt gemeldete Ehefrau des Unternehmers? Und ist es wirklich nur ein Zufall, daß der 1. Staatsrat in der Wirtschaftsförderung denselben Nachnamen trägt wie der Unternehmer? Ist das Unternehmen in der Gründungsphase vielleicht jene Firma, die ein gebührenpflichtige Internetportal für Swinger-Clubs betreibt und ist der Chef des Finanzressorts tatsächlich Mitglied in jenem Swinger-Club, der wegen mangelnder Kopulationsbereitschaft vom Portal ausgeschlossen wurde? Ist der Taxi-Unternehmer identisch mit jenem Individuum, daß vor einiger Zeit wegen versuchter Beamtenbestechung zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden war? Fragen wir lieber nicht weiter, es könnte noch viel schlimmer kommen. Immerhin habe ich bis jetzt internationale Großkonzerne wie die Drogenmafia ausgespart.

Was an dieser Geschichte Wahrheit, was Phantasie ist, mag ein jeder für sich überlegen. Erschreckend ist, daß dies alles Wirklichkeit sein könnte.

"Das Parfüm" von Patrick Süskind (Diogenes, 1985) ist eine wunderbare schwarze Komödie. Nach vielen Jahren habe ich diesen Roman wieder gelesen und bin begeistert. Geradezu brutal schildert der Autor realistisch Szenen aus Paris (und Frankreich) zwischen 1730 und 1760.

Jean Baptiste Grenouille, ein wenig dem verhutzelten Gnom in E.T.A. Hoffmanns "Klein Zaches genannt Zinnober" nachempfunden, ist einerseits Genie der Düfte, andererseits ohne Gewissen und Mitgefühl. Aus Begeisterung für außerordentliche Wohlgerüche wird er zum Mörder. Aber nicht wegen der Morde - immerhin 26 an der Zahl - , sondern weil er sowohl der Welt der Menschen als auch seiner selbst vollkommen überdrüssig ist, führt er sein eigenes Ende herbei, nachdem er ein ganz unglaubliches Parfüm kreiert und erprobt hat.

Wie entwickelt sich ein Mensch, der mit der denkbar feinsten Nase ausgestattet ist (also die alltäglichen Gerüche der menschlichen Gesellschaft als permanente Zudringlichkeit empfinden muß), aber selbst keinen Geruch, also keine Eigenidentität hat? Süskind spielt das gedanklich konsequent durch und schildert uns seine Überlegungen mit vielen trefflichen satirischen Einfällen (mit denen er nicht das 18. Jahrhundert, sondern Erscheinungen der Gegenwart aufspießt) in Form der "Geschichte eines Mörders", wie der Untertitel des Romans lautet. Seine Erzählung hat soviel Glaubwürdigkeit, der Mörder wird uns so verständlich, das phantastische Parfüm so verlockend nahegebracht, daß wir zu Komplizen an den Morden werden, damit wir die Wirkung dieser unerhörten und genialen Création miterleben dürfen.

Viele Bücher unserer Zeit sind nur eine langweilende Versammlung von Worten, manche sind eine Sammlung von Gedanken und Einfällen, und nur ganz wenige erzählen gedanken- und wortreich eine interessante Geschichte. "Das Parfüm" ist eines der letzteren und so habe ich es genossen.

Er war schon im Begriff, die langweilige Versammlung zu verlassen, um an der Galerie des Louvre entlang heimwärts zu gehen, als ihm der Wind etwas zutrug, etwas Winziges, kaum Merkliches, ein Bröselchen, ein Duftatom, nein, noch weniger: eher die Ahnung eines Dufts als einen tatsächlichen Duft - und zugleich doch die sichere Ahnung von etwas Niegerochenem. Er trat wieder zurück an die Mauer und blähte die Nüstern. Der Duft war so ausnehmend zart und fein, daß er ihn nicht festhalten konnte, immer wieder entzog er sich der Wahrnehmung, wurde verdeckt vom Pulverdampf der Petarden, blockiert von den Ausdünstungen der Menschenmassen, zerstückelt und zerrieben von den tausend anderen Gerüchen der Stadt. Aber dann, plötzlich, war er wieder da, ein kleiner Fetzen nur, eine kurze Sekunde lang als herrliche Andeutung zu riechen ... und verschwand alsbald. Grenouille litt Qualen. Zum ersten Mal war es nicht nur sein gieriger Charakter, dem eine Kränkung widerfuhr, sondern tatsächlich sein Herz, das litt. Ihm schwante sonderbar, dieser Duft sei der Schlüssel zur Ordnung aller anderen Düfte, man habe nichts von den Düften verstanden, wenn man diesen einen nicht verstand, und er, Grenouille, hätte sein Leben verpfuscht, wenn es ihm nicht gelänge, diesen einen zu besitzen. Er mußte ihn haben, nicht um des schieren Besitzes, sondern um der Ruhe seines Herzens willen.

Das folgende Fernseh-Interview ist gestellt. Ähnlichkeiten mit lebenden oder untoten Personen sind rein zufällig und entbehren jeden - jeden - äh - naja, das tun sie nun mal.

Interviewer: Herr Nutzlast, ihre Innenbehörde beabsichtigt, alle Meldeämter auf drei Standorte zu konzentrieren. Nun hagelt es Proteste aus Stadtteilen, in denen das Serviceangebot verringert werden soll.
Nutzlast: Ich nehme die Kritik nicht als so massiv wahr. Im Übrigen wollen wir dorthin, wo viel los ist. Für die anderen Standorte gilt: Service ja, aber an den Bürgerwillen angepasst. Beispielsweise in Huchburg wollen wir einen Servicepoint im Einkaufszentrum einrichten, der dann geöffnet ist, wenn es den Huchburgern am besten paßt.
Interviewer: Wie wollen Sie denn 30.000 Huchburger fragen, wann ihre Meldestelle geöffnet haben soll?
Nutzlast: Es gibt ein repräsentatives Gutachten, daß die bisherigen Erfahrungen mit dem Servicepoint Mitte auswertet.
Interviewer: Nun ist Mitte nicht Huchburg, und ob ein - wie Sie es nennen - repräsentatives Gutachten zuverlässig über den Willen der Huchburger Auskunft gibt, scheint mir doch eher fraglich.
Nutzlast: (ungeduldig) Aber ganz und gar nicht. Natürlich können wir es nicht Jedem recht machen, der Rest muß sich eben anpassen, so ist das nun einmal in einer Demokratie. Gutachten - darüber liegt mir eine zuverlässige Expertise vor - können sehr wohl verläßlich den Bürgerwillen wiedergeben, oftmals sogar präziser als Befragungen, wie es hier heißt.
(ein unterdrücktes Schnauben ist zu hören, das Bild wackelt kurz)
Interviewer: (mit ungehaltenem Seitenblick zur Kamera) Moment, verstehe ich das richtig - Sie beschäftigen Gutachter, die Gutachten begutachten. Haben Sie keine Fachleute mehr in den Behörden? Können Sie sich diese Ausgaben überhaupt leisten?
Nutzlast: (leicht mitleidig lächelnd) Nein, also, wenn man Neues probieren muß, weil die alten Mittel nicht mehr tauglich sind, dann muß man auch Meinungen einholen, die nicht aus den Behörden kommen, sonst werden sie verkrustete Strukturen niemals aufbrechen können. Und letztlich ist dies auch billiger. Schauen Sie, früher hat man einfach aufgrund von Erfahrungswerten Neues eingeführt, das hat natürlich gekostet, das ist ja heute gar nicht mehr finanzierbar.
Interviewer: Aber wenn ein Gutachter die Arbeit des anderen begutachtet, besteht dann nicht die Gefahr, daß hier und da und vielleicht sogar erheblich geschönt wird?
Nutzlast: Grundsätzlich verstehe ich ihre Besorgnis. (triumphierend) Aber im angesprochenen Fall verbürge ich mich für die Redlichkeit des Experten. Mit dem bin ich immerhin schon gemeinsam zur Schule gegangen!

Die Irak-Korrespondentin des Weser Kurier, die immer aus ihrer dümmlich-überlegenen westlichen Sicht berichtet, bekommt allmählich Zweifel an den offiziellen Verlautbarungen über den Fortgang des Angriffes auf Fallujah, und so erzählt sie alles, was sie aufschnappt. Was nicht viel ist. Dabei gelingt ihr allerdings ein bemerkenswerter Satz: Es schwebe Leichengestank über der Stadt, berichteten Augenzeugen. Ja, wenn man den schon sehen kann, steht es wohl sehr übel.

Seit Beginn der Offensive wurden 419 verwundete US-Soldaten nach Landstuhl ausgeflogen, nach offiziellen Angaben wurden 38 GIs im Kampf getötet. Vielleicht stimmt sogar dieser Bericht. - Ich kann die Enttäuschung der Iraker verstehen, die auf Freiheit nach dem Sturz von Saddam Hussein gehofft hatten, und feststellen mußten, daß nur die Befreiung des Erdöls für die USA von Bedeutung war. Nun wollen sie ihre Heimat zurückhaben.

 

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