1968
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1968

unerquicklich, aber immer noch eine der angenehmsten Tätigkeiten im Leben. Derzeit lese ich das Buch einer renommierten Linken über eine berühmte Linke (wer schreibt da wohl über wen: Angela Merkel über Hedwig Courts-Mahler? Falsch! Obwohl die Merkel seinerzeit ja in der FDJ Sekretärin für Propaganda gewesen ist ... ). Das Buch ist 2007 erschienen (nu isses aber klar, nech?), unbedingt zu empfehlen, und folgt bedauerlicherweise nicht nur der Recht-schrei-breform sondern auch der inzwischen üblichen Diktion. Schu-luniform wird da munter getrennt (kann aber die Autorin nix für) und es heißt andauernd "an Weihnachten" und "an Silvester". Zu Ostern würde sie es denn doch wohl merken, dachte ich. Haha! "An Ostern" triumphiert der Text und setzt mit "an Fastnacht" noch eins drauf. Oh daß diese umtriebigen Linken einfach keine Zeit für Kultur haben. Sie werden es nicht einmal an Sankt Nimmerleinstag begreifen.

und nicht durch Erinnerungsarbeit und Neuinterpretation umgestaltet, als sie noch klangen, sangen und drangen, lange bevor die 68er sie adaptierten, da war Provokation en vogue. Und es war so einfach: längere Haare, arrogantes Auftreten, lässiger Gang, ein bißchen Slang, aufgetragene Respektlosigkeit - und die Alten flippten aus. Manche durchschauten auch das Spiel und schmunzelten über die etwas kindischen Rituale. Meine Großmuttter, schon über 70, mochte die Musik.

"Wenn der Feind uns bekämpft, dann ist das gut und nicht schlecht", schrieb Mao Tse Tung während des langen Marsches, und weil sie vehement bekämpft wurden - von Altnazis, Frustrierten, Gescheiterten und Machtbesessenen -, glaubten einige 68er, die Revolution stünde vor der Tür (und dann kam die Bescherung). Sie nahmen die Attitüde jenes Jahres, als Revolution Pop war, für bare Münze. Die Künstler aber, die sich schon längst die Machtfrage gestellt hatten, suchten nach neuen Horizonten - sie hatten ihr 68 bereits 1965.

gotcha

humanity is underrated


Bommi Baumann erzählt: Denn sind wir zur TU (Technische Universität) gegangen und denn klar zu Springer in die Kochstraße. Auf dem Weg dahin haben wir im Amerikahaus die ganzen Scheiben eingeschmissen. Bei dieser Demonstration auf dem Weg zur Kochstraße ist bei mir mein ganzes Leben, alles nochmal abgelaufen, verstehst du. Alle Schläge, die ich gekriegt habe, was du so alles erlebst, was du als Ungerechtigkeit empfindest. Die Empörung über das Attentat an Rudi war inzwischen in ganz Deutschland so groß, und in allen Städten ist am selben Abend etwas passiert, da war so eine Stimmung voll Sympathie für Rudi, daß die Bullen gar nicht einschritten. Sie haben sich anders verhalten als sonst. Da waren Polizeioffiziere, die haben gesagt, Kinder wir können euch doch verstehen, aber machts nicht zu doll, die haben ja in dem Getümmel noch richtig mit uns gesprochen.

terror

Als ich denn über die Straße bin und diese Fackeln und dieses Rufen immer "Rudi Dutschke", das war eben für mich die Verkörperung der ganzen geschichte. Die Kugel war genauso gegen dich, da haben sie das erste Mal nun voll auf dich geschossen. Wer da schießt, ist scheißegal. das war natürlich klar, jetzt zuhauen, kein Pardon mehr geben. Deshalb sind wir denn auch gleich auf dieses Springer-Haus zu und haben Steine ringeschmissen. (aus: Michael Baumann, "Wie alles anfing")

An jenem Abend flogen auch die ersten Brandsätze; Molotow-Cocktails, die der V-Mann Peter Urbach den Kampfwilligen gerne zur Verfügung stellte. Terror war erwünscht, denn zur Bekämpfung des Terrors braucht man dann schärfere Gesetze und muß mit größerer Härte gegen die Aufrührer vorgehen. Nicht die Studenten als solche aber wären deren Ziel, sondern alle Aufmüpfigen: Arbeiter und Angestellte erstreikten sich in jenen unruhigen Jahren mehr Rechte sowie höhere Löhne und Gehälter. Der "mündige Bürger" wurde als eigentliche Gefahr gesehen, die Hetze gegen die "Studentenbewegung" sollte eine Solidarisierung aller Unzufriedenen und Benachteiligten verhindern. Die aktuellen Hetzparolen, daß höhere Renten zu Lasten der nachfolgenden Generationen gingen, dienen demselben Zweck der Teilung: die Finanzwirtschaft wird durch die zunehmende Privatisierung der Rentenversicherung ungeheure Profite erlangen, und zwar auf Kosten ALLER Generationen.

Okay, ich bin fertig, könnt die Glotze wieder einschalten. Habt ihr gar nicht erst ausgemacht? Recht so. Laßt euch bloß nicht auf dieses Jüdisch-Zersetzende ein.

mir von den Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhungen der Bremer Straßenbahn, bei denen im Januar 1968 tausende Schüler (und Studenten und Lehrlinge) in der Innenstadt Gleise blockierten und sich der Polizei widersetzten (sogar mit dem Erfolg einer teilweisen Zurücknahme der Erhöhungen). "Demonstration, was ist das?" - "Da hakt man sich so unter" - sie machte es vor - "läuft durch die Straßen und singt: Immer noch'n Groschen, immer noch'n Groschen, für die Bremer Straßenbahn".

Das war so eine eingängige Melodie, irgendein Volkslied, kennt man, komm ich jetzt aber nicht drauf, mal eben Hella anrufen. "Hella" - "Dicki. Sach ma, dies Lied von den Fahrpreiserhöhungen: [singt] Immer noch'n Groschen, immer noch'n Groschen, für die Bremer Straßenbahn - nach welcher Melodie issen das nochma?" - "Ach, genau, so ging das. Ja das ist doch krrrk fiiiiii plplpieppieppiep ..." - "Bist du noch da?" - "Ist krrrk fiiiii Störung fiiiii krrrk hallo?". Ja, hallo, soll wohl nicht sein.

Meine Schwester kam dann mal ziemlich blass nach Hause, im Januar 1968, 17 Jahr, blondes Haar, allerdings war sie nie blond. Muddi wollte wissen, was mit ihr los war. Naja, sie habe zum ersten Mal geraucht, davon sei ihr schlecht, "kotzelend". Muddi hat das geschluckt, aber ihre Tochter hat schon längst geraucht und es war das Tränengas der Polizei auf einer der Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhungen ...

Ich hab meine Geschwister vergöttert und erzählte prompt meinen Kumpels in der Grundschule, wie man demonstriert. In der Hofpause hakten wir uns dann unter, Wilfried, Heiner, Michael und ich, und wir bahnten uns als Reihe einen Weg durch die umherschwirrenden Schüler und sangen: Immer noch'n Groschen, immer noch'n Groschen, für die Bremer Straßenbahn.

Der aufsichtführende Lehrer verdonnerte uns zu einem sofortigen Besuch beim Direx. Wir hätten andere Schüler angerempelt und so weiter. Stimmte auch. Aber es war doch nur ein Spiel von Kindern. Rüffel vom Direx, Strafpredigt: gepunktete Fliege, spärliches Haar, mäßiges Geigenspiel. Tränen. Es war verdammt nochmal doch bloß ein Spiel. Aber sie hatten Panik, damals, Januar 1968. - Die befürchtete Weltrevolution ist allerdings ausgeblieben.

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