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Symptome

In der hiesigen Zeitung steht heute:
"Wenn unsere Friedenstruppen und unsere Bürger angegriffen werden, werden wir auch in Zukunft so antworten, wie wir es getan haben", sagte der Kremlchef gleich zu Beginn der gemeinsamen Pressekonferenz [mit Angela Merkel] und gab damit einen frostigen Ton vor.
- Oh, diese bösen, uneinsichtigen, bösen Russen.

Ist das zwei oder drei Jahre her? Als mal wieder im Sommer eine Jahrhundertflut Ortschaften verwüstete, wurde doch im Rundfunk das Abspielen von Liedern wie "Die Flut" verboten; ob Händels "Wassermusik" noch gedurft hat, weiß ich nicht. Seine "Feuerwerksmusik" darf aber bestimmt nicht mehr, wenn wir erst einen Feuerwerksallergikerschutz haben. Es darf dann auch an Tagen mit verordneter Staatstrauer keine fröhliche Musik gespielt werden (lediglich für die Handelsketten wird man wegen unbilliger Härten Ausnahmeregeln zulassen).

Heute aber bereits (bei SpOn gelesen), im schönen Venedig, dürfen die traditionellen Karnevalsmasken nicht auf öffentlichen Veranstaltungen getragen werden: sie seien zu traurig. - So ist es wohl, so wird es wohl sein; uns Menschen wird man schon noch die Manieren einer neuen Zeit beibringen, und wenn die Welt voll Teufel wär.

Erst eine von Fußgängern wie Radfahrern häufig frequentierte geräumige Unterführung mit schmalen Läden vollgestopft, deren Überlebenszeit jeder vernünftige Mensch als begrenzt bezeichnet hätte (und tatsächlich: mit Ausnahme des Friseurs "Dicky's" [!] wechseln die Pächter immer wieder), dann den ausbleibenden geschäftlichen Erfolg auf die so rücksichtslosen Radfahrer geschoben, schließlich die Läden noch erweitert und Fahrverbot einzuführen versucht - ein einziger großer Kotau vor dem Investor: das sind unsere Lokalpolitiker.

Vorigen Mittwoch rollte ich wie jeden Morgen in die "Bischofsnadel", stapfte, das Rad huckepack, die Stufen hinab und überblickte die Unterführung: kein Fußgänger, aber etliche ihr Gefährt schiebende Radfahrer; niemand radelte. Aber ich. So glitt ich an wohl einem Dutzend Radschiebender vorüber. Das erste Hüsteln mochte Zufall gewesen sein, aber kurz darauf hüstelte eine zweite Person, als ich vorüberrollte, und ausgangs der Passage eine dritte: Zufall?

Nun, dachte ich, wenn es jetzt Sitte ist, dem Unfug zu Diensten zu sein und sein Rad ohne Not - nicht ein einziger Fußgänger! - zu schieben und dabei zu hüsteln, dann will ich nicht vollkommen abseits stehen, also hüstelte auch ich, durchaus vergnügt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann beugen sie sich auch morgen wieder obrigkeitsstaatlichem Wirtschaftsgehorsam.

und selbst das Lesen einer großen Illustrierten trägt dazu bei. Worum geht es? Um nichts Geringerres als die Inflation und die Inflationsrate. Letztere liegt aktuell bei 3,1% und jeder normale, seinen täglichen Bedarf selbst einkaufende Mensch wundert sich: sooo niedrig? Ja, besagte Illustrierte, in der außer Hofberichterstattung und Propaganda (zweimal seit Oktober Müntes Schicksal! Oh, dieser wackere Mann! Und Angela Merkels bemerkelnswerte Jackettfarben!) auch immer wieder Interesanntes steht. Z.B. über die Preiserhöhungen in jüngster Zeit; Milchprodukte generell, Lebensmittel, Öl, Gas, Strom und mancherlei mehr.

Ein schweizer Statistiker bestätigt: das Volk hat recht, denn der Inflationsrate liegt ein Querschnitt durch sämtliche Produkte zugrunde, also auch verbilligte Computer etc., während die Mehrheit der Bevölkerung doch einen Großteil des Haushaltsgeldes auf Artikel des täglichen Bedarfs verwende, und da ergebe sich eine - ja, nun hätte der Begriff Teuerung fallen müssen - ergebe sich also eine gefühlte Inflation von über acht Prozent. Einerseits wird also eingestanden, daß für die Armen und Ärmsten das Leben erheblich (und wer weiß, manchmal schon unerträglich) teurer geworden ist, auf der anderen Seite sei dies aber eine gefühlte Inflation.

Es mag eine gefühlte oder auch nicht gefühlte Inflation sein, auf jeden Fall erhöhen sich die Lebenskosten drastisch, was eine Tatsache ist, und nicht vom Gefühl des Einzelnen abhängt. Aber es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß Not auf persönliche Gefühle reduziert und diese Gefühle mit Begriffen wie gefühlte Inflation bespöttelt werden. Ja, wer selbst nichts fühlt ...

Bevor Google auch das Übersetzungsmodul deutsch-englisch / englisch-deutsch durch ein verbessertes Programm ersetzt (wie für einige andere Sprachen bereits geschehen), wollen wir uns noch einmal an den Leistungen dieser dann veralteten künstlichen Intelligenz erfreuen: "Turing argumentiert, dass dann, wenn die Maschine kann so tun, Mensch zu sein, um eine gut informierte Beobachter, dann die Maschine in Erwägung gezogen intelligenter." (Turing argued then that if a machine can pretend to be human to a well-informed observer, then the machine could be considered intelligent.) - Aber kann sie auch so tun, die Maschine, um eine gut informierte Beobachter? Das ist doch wohl die Frage.

Wie ist künstliche Intelligenz denn eigentlich beschaffen? "In seiner einfachsten, künstliche Intelligenz Systeme sind rund programmiert Inferenzmaschine Maschinen oder Motoren, die nach einem festgelegten logischen Muster: bestimmte Situationen ('wenn') führen zu konkreten Ergebnissen ('dann') aus, die ergriffen werden können, und zwar entweder Klassifikatoren ('Dann, wenn glänzende Gold') und Controller ('dann, wenn glänzende separaten')." ( ... from which actions can be taken, either classifiers ("if shiny then gold") and controllers ("if shiny then separate"). ) Ja, so ist sie beschaffen in ihrer einfachsten, und deshalb ist ihr so schwer mit Vernunft und guten Worten beizukommen.

Was mag das Ergebnis des Turing-Tests sein, wenn eine Maschine, die vorgibt ein Mensch zu sein, und Mensch, der vorgibt Mensch zu sein, diese Prüfung absolvieren? Sind dann beide Mensch? Oder beide Maschine? Für eine gut informierte Beobachter, meine ich? Vergessen wir nicht, daß ein Computer letzten Endes immer nur die Zustände "1" und "0" kennt. Darauf beruht die ungeheure Leistungsfähigkeit bei Rechenoperationen, deren Geschwindigkeit durch schnellere CPUs und immer größeren Arbeitsspeicher mehr und mehr gesteigert wird. Leider fehlen den Computern alle Voraussetzungen für Sprache, insbesondere Leben und Erleben, des weiteren das Zusammenleben in einer Gemeinschaft. Was immer auch einer Maschine einprogrammiert wird, sie lebt nicht und wird Sprache deshalb nie "begreifen". Aber sie kann so tun als ob.

Joseph Weizenbaum entwickelte vor 50 Jahren das Programm ELIZA. ELIZA simuliert einen Psychiater, der seinen Patienten mit teilnehmenden Fragen zu immer weiteren Äusserungen ermuntert. Mit Schrecken nahm Weizenbaum zur Kenntnis, daß einige ELIZA-Tester tatsächlich auch dann noch glaubten, sie hätten sich per Terminal mit einem Menschen unterhalten, als ihnen der wahre Sachverhalt erklärt wurde. Es gab sogar Psychiater, die meinten, daß aus der Weiterentwicklung von ELIZA ein automatisierter Therapeut hervorgehen könnte. Weizenbaum (über einen hochentwickelten Roboter): "Menschen machen sich etwas vor, wenn sie denken, der Computer lächelt, weil er sich freut. Die Freude ist lediglich programmiert."

Spiegel Online überschlug sich geradezu:

Zentralrat empört über Herman und Katholiken

Eva Herman: Kultfigur für Katholiken

Entlassene NDR-Moderatorin: Katholiken feiern Eva Herman

Oh ja, die bösen Katholiken! Doch halt - wer ist denn da eigentlich gemeint? DIE Katholiken, die katholische Kirche, oder EINIGE Katholiken? Die Überschriften legen ersteres nahe. Und wer liest schon jeden Artikel? Haften bleiben die Überschriften und ihr Tenor. Doch liest man einmal, was nach Überschrift und Untertitelung kommt, stellt sich heraus, es handelt sich um einen Katholiken-Kongreß. Und Eva Herman hat vor siebenhundert (700) Teilnehmern gesprochen. Das klingt schon anders. Bei dem Kongreß handelt es sich um die jährliche Veranstaltung des "Forum Deutscher Katholiken".

Ja, und weshalb nun das Geschrei? Weil wir umerzogen werden müssen. Der deutsche Normalbürger soll seine Mitmenschen mit Mißtrauen betrachten, soll nicht versuchen, Mißverständnisse aufzuklären, sondern kompromißlos gegen Verdächtige vorgehen, soll vor allem seinen Verhetzern gedankenlos in eine von Gier und Mißgunst, Lüge und Verdrehung geprägte Medienzukunft folgen. Wie günstig, daß die geschasste Eva Herman auf dem bewußten Kongreß reden durfte und auch noch Beifall bekam. Welch eine Gelegenheit, der katholischen Kirche eins überzubügeln, die sich erdreistet, in unserer nutzorientierten Zeit noch Moral und Menschlichkeit einzufordern. Auf sie mit Gebrüll!

Mir ist zwar so ziemlich alles zuwider, was mit Eva Herman zusammenhängt, aber Volksverdummung und -verhetzung lasse ich mir trotzdem nicht bieten.

Also jetzt MUSS doch online-Spionage mit dem Bundestrojaner zugelassen werden! - Drei junge Männer, zwei zum Islam konvertierte Deutsche und ein Türke, wollten Anschläge auf Flughäfen unternehmen. Das mag sein. Und sie besaßen 730 kg Chemikalien, aus denen (nach umständlicher Aufbereitung, wie eingeräumt wird) sie Sprengstoff für ihre Autobomben herstellen wollten. Mag auch sein. Seit fast zwei Jahren wurden die drei überwacht, aha, sie sollen die Überwachung sogar bemerkt haben, aha, und als sie mit dem Umwandeln der Stoffe aus den großen blauen Chemiefässern beginnen wollten, griffen die Fahnder ein und - nein, sie verhafteten die jungen Männer nicht. Stattdessen, so wird berichtet, wurde die Flüssigleit in den Fässern von Beamten in einer "Nacht- und Nebelaktion" gegen eine eher harmlose, niedrigprozentige Lösung ausgetauscht, aha.

Und wenn auch das alles noch sein mag, so sträuben sich mir bei dieser Berichterstattung die Haare (Auszug aus dem Bericht auf SpOn):
Dass die Männer weiter an ihrem Plan arbeiteten, erschreckte die Behörden. Mehrmals schon musste der Gruppe bewusst gewesen sein, dass sie beobachtet wurden. "Dass sie trotzdem weiter arbeiteten, zeigt, wie entschlossen sie waren", so ein Fahnder. "Wir haben es hier mit absolut überzeugten Tätern zu tun." Demnach waren die Männer bereit, bei den möglichen Anschlägen zu sterben. Für die Fahnder bestätigt sich damit ihre Theorie, dass Deutschland in der Tat "voll ins Zielspektrum des internationalen Terrorismus" geraten ist.

Wer diese aus Behauptungen zusammengeschraubte Verdummung für Information hält, wird sich über einen Anschlag des AlQuaida-Netzwerks in Deutschland wohl auch nicht weiter wundern. Ich hingegen bin gespannt, Die Schock Strategie von Naomi Klein zu lesen, denn darin deckt sie auf, welch großartiges Geschäft Krieg und Terrorismus sind. Und dieses Faktum sollte uns verdammt zu denken geben.

die - in prangenden Überschriften verkündet - in Afghanistan vergangene Woche bei einem Bombenanschlag umgekommen sind. Oh, das schafft böses Blut! Zivilisten abmurksen, das ist natürlich typisch für diese islamistischen Spreng- und Selbstsprengmeister. - Ohne spektakuläre Überschrift erfuhr man am nächsten Tage, daß von diesen dreien einer der Personenschutzgruppe für Angela Merkel angehörte, einer dem BKA, und der dritte der GSG9. Darf man da wirklich unschuldig tun und diese Polizisten mit Spezialausbildung einfach Zivilisten nennen? Ich sage: Manipulation der Öffentlichkeit. Was immer die Beamten in Afghanistan für einen Auftrag hatten, das haben sie nicht verdient: nach ihrer Ermordung schlichtweg zum Schüren von Ressentiments benutzt zu werden. Zu Lebzeiten, kann ich mir vorstellen, hätten sie sich dagegen verwahrt, als "Zivilist" bezeichnet zu werden.

Wer sich um seine Mitmenschen kümmert, Alte pflegt, Kranke versorgt, Junge hegt, auch mal ein Ehrenamt übernimmt, hat ein unbefriedigendes Sexualleben, und zwar bereits dann, wenn er oder sie nur einmal pro Woche Sex hat. Da wird mir klar: weil ich zwischen kurzen Zeiten intensiv durchlebter sexueller Begegnungen Jahre ohne Sex hatte, interessieren mich Menschen, berührt mich das Altern meiner Mutter, bin ich tolerant, habe ich neuerdings (manchmal) bis an die Grenze zur Selbstverleugnung (aber nur bis zu dieser Grenze) Verständnis. Es ist doch so, daß nur die langweiligen Spießer, die nicht dauernd an ihremTeil herumfummeln oder sich mit anderer Leute Teil zusammenstöpseln, diese unnatürlichen und lustfeindlichen Anwandlungen wie Verantwortungsgefühl und Anteilnahme haben. Dennoch empfinde ich trotz aller Beschämung eine klammheimliche Freude, mehr als ein Stöpsel zu sein.

Die hiesige Handelskammer, so berichtet heute unser Provinzblatt, will die Bürokratie bekämpfen. Bravo! sage ich. Und zwar will sie gegen die Bürokratie bei der Baubehörde vorgehen. Na, sage ich, kann ja nicht schaden. Genaugenommen stößt ihr das procedere der Genehmigungsverfahren sauer auf. Ja, sage ich, weshalb denn?

Als Beispiel führt die Handelskammer Fälle an, in denen Anträge abschlägig beschieden wurden, die Antragssteller Widerspruch einlegten und nach einem Widerspruchsverfahren von unbestimmter Dauer (es sollen in einem Fall 2 Jahre gewesen sein) der Antrag wiederum abgelehnt wurde. Nuuu, sage ich, vielleicht war der Antrag einfach mit den einschlägigen Bestimmungen nicht in Einklang zu bringen. Dann ist so eine Ablehnung ebenso sinnvoll wie unumgänglich. Könnte man immerhin über eine Änderung der Vorschriften nachdenken.

Was aber hat die Handelskammer denn nun genau vor? Neugierig geworden, informiere ich mich im Internet. Erstaunlich. Der Bürokratieabbau läuft bereits auf Hochtouren. Und es freut unsereins selbstverständlich, daß die kompetenten Herren der Wirtschaft sich herablassen, die Vorschriften und Normen unseres Bundeslandes zu deregulieren. Dann ist ja alles in bester Ordnung. Die Aufhebung, zeitliche Befristung und gänzliche Abschaffung von Normen und Vorschriften wird, das lehrt uns die Erfahrung, bald auch neue Arbeitsplätze schaffen, denn diesem hehren Ziel haben sich die Herren der Wirtschaft bekanntlich verschrieben.

 

twoday.net AGB

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