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Beobachtungen in der Natur

sang zum Abschluß der zentralen Maikundgebung des DGB ein Chor von Sangesbrüdern und -schwestern, deren Alter zusammengenommen das Alter dieses hübschen Liedes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts um ein Vielfaches übersteigt; eines Liedes, das in einer anderen Zeit aktuell war und seit der Nachkriegszeit vorwiegend von Intellektuellen gepflegt wird. Auch das sehr viel kräftigere

Und weil der Mensch ein Mensch ist
drum braucht er was zu essen bitte sehr
es macht ihn ein Geschwätz nicht satt
das schafft kein Essen her

wäre unangebracht, denn erstens geht es heute nicht um das Herstellen einer Arbeitereinheizeinheitsfront, und zweitens stimmt, was quirinus schreibt, daß nämlich der Mensch nicht auf FressenFickenFernsehn reduziert sein will.

Die Gewerkschafter hätten gut daran getan, den musikalischen Teil der Gewerkschaftsjugend zu überlassen, die uns in den vergangenen Jahren mit jugendlichem Ungestüm und populärer Musik erfreut hat (Umdichtungen von "We will rock you" und "Hit the road Jack", arrangiert für Stimmen und leere Plastiktonnen). Am heutigen 1. Mai war diese Jugend drauf und dran, die Revolution auszurufen. Daß es bei einigen traditionellen "Hoch die internationale Solidarität" und politisch inkorrekten "Ein gutes Leben für Alle, sonst gibt es Krawalle" blieb, mag mit der Lahmheit der offizielen Reden zu tun haben, die einfach lähmend ist. Unter den Zuhörern war aber verschiedentlich Murren zu hören und einmal erscholl auch der Ruf "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Kohle klaut!". Die Menschen haben die Schnauze voll, wissen aber nicht was zu tun ist und hoffen - noch? - auf ihre Vertreter.

Das Ausrufen der Revolution hätte mit einer Bankenbesichtigung einhergehen können, denn am Kundgebungsplatz gibt es Bremer Bank, Deutsche Bank und PriceCooperWaterhouse, Institute und Gesellschaften, die bis über beide Ohren die "Finanzkrise" mitverschuldet haben. Natürlich nur ein Anfang, ein Warmlaufen gewissermaßen, denn kein Coup d'Etat kann gelingen, wenn man nicht Rundfunk, Fernsehen und am besten auch gleich die Presse unter seine Oberhoheit bringt, was ja der Grund ist, weshalb die verfassungsfeindlichen "Wirtschaft zuerst!"-Netzwerke heute beinahe nach Lust und Laune (gleich)schalten und walten können.

Ein anderer Teil der engagierten Jugend beging anschließend den EuroMayday, bunt und mit Witz, teilweise als Räuber maskiert, mit Forderungen wie "1 Million in kleinen Scheinen!" und "Mehr soziale Luftmatratze!", was immerhin einige Schaulustige anzog und die Hoffnung erhält, daß mehr Jugendliche in den nächsten Jahren auf positive Veränderungen drängen werden, es also nochmal eine spürbare Gegenbewegung zum Wirtschaftskonformismus geben kann, eben weil der Mensch nicht auf FressenFickenFernsehen reduziert sein will. Ora et Labora ist heute aber wirklich kein Thema mehr, liebe Linksintellektuelle, da mischt euch mal unters Volk und hört es euch im O-Ton an.

Ein Kollege fragte mich, ob ich auch so gut drauf sei seit der Zeitumstellung. Nicht ganz, sagte ich, der Sonntag sei ja eher trüb gewesen. Am Montag sei ich eine Stunde vor dem Wecker aufgewacht, völlig unausgeschlafen, aber die Sonne habe geschienen und so sei ich eben aufgestanden: und der Sonnenschein sei mir gut bekommen. Wieso "auch" gut drauf? Der Kollege antwortete, eine Bekannte habe ihm tags zuvor gesagt, sie sei seit der Umstellung auf Sommerzeit gut drauf. - Das sei eine Schein-Korrelation, sagte ich schein-fachmännisch, meinend, es bestehe nur ein scheinbarer Zusammenhang.

Eine Schein-Korrelation war vor Jahresfrist auch die Meldung eines obskuren Wissenschaftlers, daß erfolgreiche Geschäftsleute bestimmte andere Gene hätten als die übrigen Bürger, denn ganz gewiß ist Geschäftssinn nicht in den Genen verankert. Wohl aber kann ich mir vorstellen, daß Skrupellosigleit andere Gene voraussetzt als soziale Veranlagung. Letztere ist der Normalfall des Menschen, erstere - nun ja.

Wie an jedem Morgen betrat Herr L. das Büro, die Kapuze überm Kopf und darunter die modisch silberglänzenden Kopfhörer seines iPod. Er winkte zur Begrüßung, wie er es immer tat (manchmal fügte er ein "Ahoi" hinzu) begab sich an seinen Arbeitsplatz, streifte die Kapuze ab und entledigte sich der Kopfhörer. Da er nun die Geräusche im Büro hören konnte - das Sirren der PC-Lüfter, das Klappern der Tastaturen und die Laute, welche seine Kollegen von sich gaben -, nahm er an, daß umgekehrt man ihn auch hören können müßte und erzählte in den Raum hinein, welchen Zug er heute morgen verpaßt habe (er konnte sich aber auch nach einem Song oder Film erkundigen oder jene Gedanken äußern, die er sich auf der Herfahrt über die Implementierung eines bestimmten Algorithmus in das aktuelle Projekt gemacht hatte). Kurz, um ihn als Zentrum breitete sich Kommunikation aus.

Nachdem er seinen PC eingeschaltet und die Jacke ausgezogen hatte, begann er mit der Arbeit unter Absonderung eines kontinuierlichen Stroms von "shit"s und "fuck"s (wegen der internationalen Zusammensetzung der Belegschaft wurde im Büro Englisch gesprochen). Als angehender Spezialist für Datenanalyse - er hatte wenige Jahre zuvor erfolgreich einen Studiengang "computer science" an einer internationalen Universität beendet und ging auf die Dreißig zu - und Kenner verschiedener Betriebssysteme und der für seine Arbeit typischen Software konnte es nicht ausbleiben, daß er mißglückte Neuerungen, unsinnige Programmierungen und auch sonst ziemlich alles als "fucking retarded" kommentierte. Nach diesem Einstieg setzte er die Diskussion über die nächsten Schritte am Projekt mit dem zuständigen Kollegen fort, quer über die Schreibtische anderer Kollegen, die an anderen Projekten arbeiteten. Er versäumte nicht, kleine Gags einzuflechten, die ihm aus dem Fernsehen geläufig waren, nicht ohne zu fragen, ob man die auch kenne, woraus sich für gewöhnlich Gespräche über bestimmte kulturelle Erscheinungen der Neuzeit entwickelten, beispielsweise über "The Simpsons", gespickt mit weitern "fuck"s und "shit"s. Mit dem Seufzer "Fuck ey, I think I'm gonna have a coffee" leitete er dann den nächsten Abschnitt des Arbeitstages ein.

Zurück am Arbeitsplatz, einen dampfenden Kaffee in einem seit Wochen benutzten Becher vor sich, ging er eine schwierige Stelle in seiner Programmierung an und setzte sich zur besseren Konzentration die Kopfhörer auf, das Gerede seiner Kollegen sollte ihn nicht stören. An weniger schwierigen Stellen, die er ohne "wall of sound" bewältigte, sagte er gerne vor sich hin, was er gerade tat. Inzwischen tickten die Uhren gen Mittag und es galt zu besprechen, zu welchem Restaurant oder welcher Fastfood-Bude man sich heute begeben würde. Das war schnell erledigt und während des Aufbruchs wurde noch mal eben über die aktuellen Entwicklungen im Projekt geredet, was einen längeren Aufenthalt vor der mit Formeln und Zeichnungen übersäten Tafel zur Folge haben konnte, in Hut und Mantel gewissermaßen.

Wenn dann Herr L. gemeinsam mit einem oder mehreren Kollegen den Hunger stillte, kümmerte sich der eine oder andere Mitarbeiter darum, in der Küche den Zucker zurück ins Regal zu stellen, die Spüle von Teelöffeln und Bechern freizuräumen und Kaffeeflecken oder auch Wasserlachen von der Anrichte zu wischen. Bei dem fleckengespickten Linoleum war aber mit dem Kümmern für gewöhnlich Schluß, und in der Toilette wurde nur im Notfall zugepackt.

Am frühen Nachmittag, als alle sich wieder im Büro eingefunden hatten, lugte die Sonne in den Hinterhof und schickte Strahlen blendender Helligkeit in den Raum. "Fucking sun, ey!" rief da Herr L. und eilte, die Jalousie zu schließen. Weitere Projektbesprechungen folgten, wobei der Mund schneller als die Gedanken und sowieso wendiger als die Ohren war, was zu vielen Unterbrechungen des Gegenüber und dem wiederkehrenden Ausspruch "no no no , what I'm saying is" führte, worauf der Kollege bald mit prinzipieller Opposition reagierte, manchmal aber zähneknirschend einräumen mußte, daß Herr L. Recht habe. Später kam der von einer Besprechung beim Kunden zurückgekehrte Chef in die Arbeitsräume und berichtete den neuesten Stand. Herr L. bestürmte ihn mit Fragen, die zusehends in andere Themengebiete abwanderten und der lautstark fortgesetzten Konversationen eine persönliche Note gaben.

Und schon ging es auf Feierabend zu. Ein letztes "fuck" und Herr L. begab sich heim, um dort noch ein wenig am Computer zu arbeiten, ungestört vor sich hinredend, da er, wie er gelegentlich sagte, einfach den Mund nicht halten könne. - Ganz offensichtlich leidet er am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom.

Wenn die Werbung heute mutiger ist als der Mainstreamjournalismus, stimmt etwas ganz gewaltug nicht in diesem unserem Lande. Andererseits hat es mir gute Laune gemacht, vor einigen Wochen auf einem Zigarettenplakat zu lesen: "Die Grünen sind jetzt käuflich". Denn was die Spatzen von den Dächern pfeifen, findet man in unseren Medien nur noch selten geschrieben und gesendet. Daß sich die gequälte Schreiberseele nach acht Jahren sträflichen Schweigens nun über die verfehlte Politik eines George W. Bush ausläßt, kann man doch nicht mehr ernst nehmen, da sehe ich mir lieber eine Vorführung im Kasperletheater an. Dort verhält sich ales so, wie man es erwarten darf: Kasper befreit die Prinzessin aus den Fängen der Großmutter und der Polizist verhaftet das Krokodil. Zumindest so ähnlich. Außerdem macht das ebenfalls gute Laune.

Ganz wie der heutige Tag, der just aufzuklaren begann, als meine Einkäufe fällig waren. Ich erfreute mich an der Natur, die dieser Tage impressionistisch und psychedelisch daherkommt wie in keiner anderen Jahreszeit, spazierte an der Pipe entlang (von der nur Bremer wissen, weshalb sie so heißt und warum es sie gibt), wo Möwen ebenmäßig ausgerichtet auf einem im Wasser liegenden Baumstamm hockten, und starrte unvermittelt auf knapp zwei Dutzend leere Wodka- und Schnapsflaschen im Gras neben einer Sitzbank. Während mein Adrenalinspiegel sich noch hob bog ein alter Mann mit seinem Fahrrad um die Ecke und schimpfte laut (über etwas ganz anderes): "Die jungen Leute kümmern sich auch um gar nichts mehr. Früher hätte es das nicht gegeben." - "Nein," sagte ich, weil er mich ansah. Ich deutete zur Bank hin: "Haben Sie das schon gesehen? Ich hab keine Ahnung, wer so etwas macht." - "Ach du liebe Zeit." - "Ja." - Während ich mich abwandte um Tabakhändler und Bäckerei aufzusuchen, sagte er einige Worte, die ich nicht richtig verstand. Es könnte: "Sind die alle zerbrochen?" gewesen sein, aber keine der Flaschen war kaputt. Dann war es vielleicht doch:" Wer hat denn die alle ausgetrunken?", was mir besser gefällt, denn vom Unrat einmal abgesehen muß man doch auch die Leistung als solche würdigen.

Mein Bäcker hat seit Jahren Rabattkarten - für jedes gekaufte Brot gibt es einen Stempel, für zwölf Stempel gibt es ein Brot - und heute hatte ich wieder ein Dutzend Stempel beisammen. "Das macht zweifünfundneunzig," sagte die Verkäuferin. "Nein," sagte ich und genoß die Albernheit, "ich bezahle mit Karte."

In letzter Zeit liegt mein traditionell loses Mundwerk so'n büschen anne Leine, und das macht mir Sorge. Gerade mal für ein bißchen Rabatz beim Bäcker reicht es, oder daß ich den Nordic Walking-Gruppen ein einfühlsames "Bißchen wenig Schnee heute, nich?!" zurufe. Aber heute brauchte ich mich nicht sorgen, heute gab es eiine exzellente Show, ganz ohne mein Zutun.

Steh ich da an der Kasse, ein Lulatsch vor mir, davor einer vom Supermarkt, davor ein Pärchen Vierziger. Die Waren flutschen übers Band, die Beträge in die Kasse, die Card steckt bereits im Lesegerät - ach, die Bananen sind nicht abgewogen. Die Frau eilt davon in Richtung Obst und Gemüse. Wir stehen und warten, warten und stehen, stehen und warten. Der Mann flegelt sich vor lauter Warten und Stehen schon beinahe auf den Tresen. "Vielleicht", sagt er zur wartenden - und sitzenden - Kassiererin, "vielleicht hat sie noch etwas einzukaufen gefunden." Die Kassierein lacht, der Lulatsch ebenfalls, und sogar ich. Aber es wird uns doch ein bißchen lang, dies Stehen und Warten.

Doch da fiept es nebenan. Ein Mann mit Karohemd und Jeans wird von der aufgeschreckten Kassierein angerufen, er möge doch bitte herkommen. Bereitwillig zückt er dann auch sein Tabakspäckchen aus der Brusttasche ("Die Marke führen Sie gar nicht, die hab ich im Tabakladen gekauft") und bewegt es am Detektor entlang. Kein Fiepen. Dann geht er selbst am Detektor entlang, und sofort fiept das Ding los. Ein Blick in seine Plastiktüte enthüllt nichts Verbotenes. Er führt sie am Detektor entlang: fiep! fiep! fiep! - "Das ist bestimmt das Hemd", sage ich zum Lulatsch. - "Das ist die Plastiktüte", sagt er zu mir, und wir lachen. Der Supermarkttyp inspiziert ihn nun genauer (läßt sich die Schuhsohlen zeigen, also, auf was die so kommen), findet aber kein Diebesgut und läßt den Mann gehen, der - ich bewundere ihn dafür - seine gute Laune nicht einen Augenblick verloren hat.

Wo ist aber jetzt die Frau mit den Bananen? Alle halten Ausschau, alle halten es kaum noch aus, und hinter mir halten ein paar Brillbärte offen zur Schau getragenen Mißmut für salonfähig. "Da!" Ja, da - "da kommt sie", und außer den Bananen hat sie ein Stück Butter und noch etwas - ist das Quark? - dabei. Dann geht ihr auf, daß die Kasse blockiert war, weil sie die Codenummer für die Card nicht eingegeben hatte, und freundlich bittet sie um Entschuldigung. Der Lulatsch und ich lachen sie ebensofreundlich an. War immerhin unterhaltsam. Sie dreht sich noch einmal um: "Dafür wird der Sonntag umso schöner, das verspreche ich Ihnen." Besser kann man sich kaum entschuldigen.

Vorhin im Supermarkt, dem mit den engen Gängen, will ich mich seitlich an der Frau vor mir vorbeimogeln, in die Abzweigung in Richtung Kasse. Ich höre noch eine Mutter gelassen sagen: "Bleib hier", dann schiebt die erstgenannte Frau ihren Einkaufswagen vor den meinen, weil ein Kind von 5 oder 6 Jahren sich ungestüm durchdrängelt und in die Abzweigung stellt. Kaum habe ich freie Bahn, biege ich ab, und da steht das Kind, mitten im Gang, mit dem Rücken zu mir.

"Läßt du mich bitte vorbei?" frage ich freundlich. Das Kind antwortet nicht, dreht sich nicht um oder geht beiseite, sondern breitet die Arme aus. "Du mußt schon Platz machen", sage ich, nur noch äußerlich geduldig. Die Hände greifen nach den Regalstreben. Mit dem Vorderteil des Wagens drücke ich das Kind aus der Gangmitte, und es drückt zurück. Während ich - nun auch äußerlich ungeduldig - sage: "Was soll denn das!? Das gibt's ja wohl nicht", packe ich das Blag bei der Anorakkapuze, ziehe es ein wenig nach oben und hebe es an die Seite. Und während ich an ihm vorübergehe, dreht es sich halb zu mir um, mit durchaus zufriedenem Lächeln, als wollte es sagen: "Das hat prima geklappt."

Bevor ich noch um die nächste Ecke gebogen bin, redet die Mutter hinter mir her: "Was ist denn los?! Sie können doch nicht einfach das Kind packen." - "Ich habe es freundlich gebeten, Platz zu machen, daraufhin hat es sich richtig breit gemacht." Ich unterstreiche das gestisch. - "Das ist aber immer noch ein Kind." - "Dann passen Sie bitte auf das Kind auf. So geht es doch wohl nicht." Im Weitergehen höre ich erst die Mutter etwas zu dem Kind sagen, dann das Teil kurz jaulen. Ach ja, die "der böse Onkel"-Nummer.

Wenig später, mein Einkauf bewegt sich auf dem Rollband bereits der Kasse entgegen, ertönt von hinten wieder die Stimme der Mutter: "Sie da vorne mit dem rot-weißen Hemd, das geht aber nicht, daß sie das Kind einfach an der Kapuze ziehen, das hat ihm nämlich wehgetan." - Sie zwischen mehreren Kunden hindurch ansehend, statt einer Erklärung: "Das sollte es auch." Sie setzt wieder an, ich komme ihr zuvor: "Wenn Sie Ihrem Kind keine Manieren beibringen, dann müssen es eben Andere tun." Mehrzahl, danke Unterbewußtsein, auf dich ist Verlaß. - "Es wollte bloß ein bißchen spielen." - "Jaja, es will nur spielen." - "Seien Sie froh, daß ich nicht die Polizei rufe, da könnten Sie was erleben." - "Tun Sie's ruhig, die lachen Sie doch aus." - "Da wäre ich mir aber nicht so sicher..."

Nebenbei registriere ich, daß die junge Frau hinter mir mit gerötetem Gesicht Ihre Waren auf das Rollband drückt, ja, nun ist es heraus, der wahre Dicki ist ein wahrer Kinderschreck, jetzt werden sie sich gegen mich solidarisieren, die Geknechteten und Unterdrückten - die Kassiererin ist freundlich wie immer. Weshalb auch nicht; dies ist bestimmt nicht die erste Szene um das Kind, die sie miterlebt, und vielleicht ist ihr sogar klar, daß das Balg seine Mutter in Auseinandersetzungen hineinmanipuliert.

Später wundere ich mich, daß die Mutter sich keine Sekunde aufgeregt hat; weder über mich noch über dieses Kind. Vielleicht greift man dann als Kind zu drastischen Mitteln, um irgendeine Gefühlsregung aus den Menschen herauszukitzeln.

Statt mich am Bürgerpark entlang wachzuradeln im überfüllten Zug nach Hannover wachstehend; aus Dusseligkeit nicht rechtzeitig gefragt habend umständliche Verbindungen nehmend auf Hin- und Rückfahrt spät eintreffend; auf der Rolltreppe zum Skywalk in eine Röhre aus Glas und Stahl gleitend von einem Gefühl der Unwirklichkeit überrascht werdend - trotz oder gerade wegen der vielen Menschen, die denselben Weg nehmen; in dieser Menge zumeist Schwarzbemantelter in dunklen Anzügen mit bunter Krawatte eine kollektive Wichtigkeit fühlend, eine Art rückkoppelnde Selbstbestätigung in der Nichtigkeit - so erlebte ich die erste Anreise zur CeBIT.

Vor den Eingängen ein breites Angebot an Flyern, Gratisausgaben von Zeitungen und Zeitschriften, mit Werbeaufdrucken versehenen Tragetaschen; über die Rollbänder des Skywalk durch den Schlund bis vor die Sperren getragen, wo hilfsbereite Hostessen im Zweifelsfall zupacken, um das Ticket in den Schlitz einzuführen; quer über das Gelände, von vollbesetzten Shuttles mehrfach überholt, zur Halle, an den Stand, angekommen, Begrüßung.

Zwei Hostessen waren engagiert worden und gingen engagiert ans Werk, durchaus keine Tussies, wie sich aus Gesprächen ergab, aber mit dem ewig diensteifrigen Lächeln, welches sie für die Aufgabe des Einladens und Anlockens prädestiniert; sehr professionell und deshalb viel besser vorbereitet als ich an meinem ersten Tag.

Überall diese diensteifrigen Hostessen ("Auf anderen Messen geht es viel sexistischer zu als auf der CeBIT, viel mehr Anmache") und Huren wir alle, teils blindlings, teils mit Understatement; ich selbst mit Freude an stante pede entwickelten Vergleichen und den mir eigenen seltsamen Formulierungen, und, schlimmer (oder auch nicht), einen bestimmten Typus zu überlangen Gesprächen animierend, indem ich Anerkennung zolle (vielleicht nicht immer zurecht, aber immer aus meinem Selbstverständnis heraus), die Mühselige und Geplagte zum Verweilen einlädt; also eher eine soziale Dienstleistung, die weniger der Firma als dem Gesprächspartner Gewinn bringt, weshalb ich dazu tendiere, mich als unprofessionelle Hure einzustufen.

Mittags schon brennen die Fußsohlen trotz bequemer Schuhe, im Laufe des Nachmittags versteift sich das Gesicht und wird zur Maske, weil es immer schwerer fällt, in der dauerbereiten Aufmerksamkeit gegen die vorbeiflutenden Gesichter und Figuren ein echtes Interesse zu bewahren. Ab 16 Uhr werden die Minuten, ab 17 Uhr die Sekunden gezählt, der Besucherstrom verebbt allmählich, der Messetag verklingt.

Auf überstrapazierten Füßen geht es zurück, durch die Röhre des Skywalk zu den Zügen, mangels rechtzeitigen Fragens mit umständlichen Verbindungen in die Heimat, todmüde in einen Sitzplatz sinkend, aber überdreht und deshalb daheim trinkend in die zu kurze Nacht.

Der zweite Tag ist Routine unter Anwendung des am ersten Tag Gelernten, mit viel weniger Unsicherheit und viel mehr Müdigkeit. Nur gut, daß ich nicht die ganze CeBIT mitmachen muß. Beim Anschied wünsche ich dem Chef ("Hast du wieder zehn Stunden geschlafen? - Ja.") und den Hostessen Kraft für den letzten Tag. Hurensolidarität.

M., der Künstlerinnenexgatte, bekennt, daß er "so eine Art Assi" sei; er habe Bilder gerahmt und mitaufgehängt und "ach du Jeh". Gerade will ich ihm erzählen, wie ein Streitsüchtiger uns auf dem Weg zur Ausstellung hat anpöbeln wollen, da bin ich an der Reihe, von der Künstlerin umarmt zu werden; sie habe in letzter Zeit soviel zu tun gehabt, aber wir hätten uns ja unterwegs gesehen - genau, da habe ich ihr zurufen müssen, weil sie irgendwie immer schon hundert Meter voraus sei, Tunnelblick oder so - oh, das sei ihr mehrfach passiert, immer in Gedanken versunken (immerzu die schweren Gedanken).

Zuerst spricht die Kulturverantwortliche des Cafes, in dem die Exponate aufgehängt sind, zu den geladenen Gästen. Sie dankt der Künstlerin, aber auch der nun eine Laudatio halten wollenden Künstlerkollegin. Diese dankt der Kulturverantwortlichen, dem Cafe und der Künstlerin, sagt Verschiedenerlei über die Exponate und dankt noch einmal der Künstlerin, die sich ihrerseits bei der Künstlerkollegin bedankt sowie bei allen, die zu der Ausstellung beigetragen haben sowie bei allen geladenen Gästen, die so zahlreich erschienen sind sowie bei dem nachfolgenden Redner von einer städtischen Institution, der sich - man ist gut erzogen - bei allen Vorrednerinnen bedankt, und dem die geladenen Gäste dankbar wären, wenn er nicht nur frei, sondern auch fließend reden wollte.

Nun können die Exponate besichtigt werden; vier im Foyer, drei im Wintergarten, sechs im Flur des Kellergeschosses und fünf im Cafe selbst. Das Neunzehnte, eine getrimmte Biographie, hängt neben der Treppe die hinunterführt, was man nicht überinterpretieren sollte. Die geladenen Gäste gehen die Fotostrecke ab, wie man heute sagt. Im Cafe sitzen Leute und wundern sich über uns Bildbetrachter, die wir ein wenig distanzlos nahe an die Tische herantreten, woran sie sitzen. Zwei Frauen schauen auf und sagen entschieden undankbar, daß sie schon überlegt hätten, die Bilder abzuhängen. Vielleicht ist es auch nicht so angenehm, im Gespräch von Gaffern unterbrochen zu werden, die beinahe mit der Gürtelschnalle gegen die Kaffeetassen stoßen, doch kann mich Kunstbeflissenen die Unbotmäßigkeit der Situation nur amüsieren.

Dankbar oder nicht, ein Teil der geladenen Gäste verlässt den Event, die Künstlerin gibt sich in einem eher familiären Kreis der Kunstbegeisterung hin und Frau P. und ich erzählen uns was von unseren Muddis. Frau P. hat der ihren kein solches Grabmal gesetzt, wie es auf den Exponaten zu besichtigen ist, aber sie hat ihre Muddi gewissermaßen in Fleisch und Blut verinnerlicht, und was ist dagegen eine in Stein gehauene Skulptur? Die Rose von einst, sie ist nicht mehr, geblieben ist nur die Erinnerung - und möge diese lebendig sein.

Vielleicht hätte Frau P. die Laudatio halten sollen. Sie würde daran erinnert haben können, daß, bevor die Ästhetik dieser abfotografierten Kunstwerke sein konnte, Schmerz und Leid erlebt werden mussten, und dafür wäre manch geladener Gast dankbarer gewesen als für das gedankenlose Gedanke.

Mittags bei meiner Mutter zum Essen eingeladen. Später trinken wir Kaffee auf ihrem Balkon, bereden Ernstes, scherzen zwischendurch miteinander. Daß das möglich ist, hatte ich vor 10 Jahren auch noch nicht gedacht (Du sollst deine Eltern nicht unterschätzen). Schräg gegenüber breitet sich eine türkische Familie zum Klang der Nationalhymnen Schwedens und Deutschlands auf der Dachterrasse aus. Vaddi müht sich, ein Grillfeuer zu entfachen und hüllt die Nachbarschaft in dichte Rauchschwaden. Muddi redet auf ihn ein; man versteht nichts, das aber laut. Der Fußballkommentator im Fernsehen muß ja übertönt werden. Vaddi bricht den Grillversuch ab, bevor er ins Abseits gerät, ich breche meinen Besuch ab, für das leckere Essen dankend.

Auf dem kurzen Nachhauseweg schallt ein Aufschrei durch die Luft, von überallher; vom Junkietreff tönt eine Stimme: "Tor! Tor!" und eine Gruppe Jugendlicher, immerhin im Freien, beginnt mit Deutschlandgebölke. Eure Eltern möchte ich auch nicht kennenlernen.

Heute will ich es wissen: wie es wohl auf dem Lande zugeht. Schwinge mich aufs Rad und düse los. Bei gutem Ausflugswetter sind kaum Leute unterwegs, doch es gibt einige, die sich durch Fußball nicht von der Erholung abhalten lassen. Just zum Ende des Spiels erreiche ich eine Ortschaft, wo prompt ein cw-Wert-optimierter Kombi, berstend voll mit Familie und fähnchenbeklebt, hupend an einer Ampel hält. An der nächsten Ampel hupt mich so ein Junger an, und sein Kumpel grölt mir fahneschwingend aus dem Beifahrerfenster "Deutschland!" zu. Mehr will ich eigentlich nicht wissen und meide fortan größere Straßen.

Daheim, in der Stadt, sausen die Huper nicht nur vereinzelt herum. Viele sind es allerdings auch nicht gerade, knapp eine Stunde nach dem Spiel. Doch die Wenigen sind bis nach halb Elf aktiv, und immer wieder ertönt "Deutschland" und dazu Gejuchze. Ist das noch ernstzunehmen? Werden die Schmierer morgen von südländischer Atmosphäre faseln, und daß wir Deutschen - ach, was auch immer.

Oh ihr schlichten Gemüter, wie ertragt ihr nur eure eigene Langeweile. Mögt ihr euch dort, wo wir einst alle zusammenkommen, eines gründlichen Schweigens befleißigen. Solltet ihr euch im Himmel bemerkbar machen, werde ich freiwillig in die Hölle wechseln. Wenigstens der Tod soll mich von euch erlösen.

Nachtrag: eben rollen Radfahrer klingelnd durch die Straße. Na also, sind nicht alle so bierernst dieser Tage in - "Deutschland - Deutschland!" Ach, die nächsten Krakeeler.

X - 2 Minuten: mein Heimweg führt am Pauli-Deich entlang, die Domglocken läuten, die Straßen sind leergefegt, keine Ruderer auf dem Wasser, keine Skater in Sicht, nur ein paar vereinzelte Radfahrer kommen mir entgegen. Aus einem offenen Fenster höre ich Beifallklatschen.

Ziemlich genau um 18 Uhr betrete ich meine Wohnung, begebe mich sogleich zum Herd, Essen aufwärmen, trete dann kurz auf den Balkon, Campanula, Grasnelken und so kleine Blüten in einem ganz aparten Rot bewundern. Wenig später gellen erste Schreie durch die Straße. Tor?

Kurz darauf weiteres Geschrei. Jetzt muß aber wirklich ein Tor gefallen sein. Und wieder Rufen und etwas, das wie "geh rein!" klingt, im Licht späterer Nachrichten aber auch "oh nein!" gewesen sein könnte. Dann ist eine halbe Stunde lang beklemmende Stille. Oh je, wieder so ein Gurkenspiel, denke ich, inzwischen beim Essen.

Dann noch einmal Aufregung: "Oh!" und "Ah!". Halbzeit. Das Telefon klingelt, ich schiebe den letzten Bissen in den Mund. "Störe ich dich beim Essen?" Die Schrör. Wir ratschen dies und das, da höre ich erneut Geschrei. Die Schrör klärt mich auf: "Es steht 3:1." Toll, sage ich, wir besiegen Costa Rica. Wir ratschen weiter, bis - "Jetzt ist 3:2. Noch 18 Minuten." Wir legen auf. Die vereinzelten Schreie klingen jetzt beinahe entsetzt, soviel Aufregung macht sich darin Luft. Also wie jetzt, 4:2 oder 3:3 mit anschließendem Elfmeterschießen? Dann Autokorso, Gewaltmarsch durch die Innenstadt?

Während ich den PC hochfahre, um das amtliche Endergebnis dieser Schlacht der Titanen in Erfahrung zu bringen, fährt in meiner Straße ein Pkw hupend los. Toll, denke ich, mich wiederholend. WIr haben Costa Rica besiegt. Wer hätte das vorher gedacht, nicht wahr. Und tatsächlich, da steht es: Deutschland - Costa Rica 4:2.

Und noch während ich diese wahre und überaus aufregende Begebenheit aus dem wirklichen Leben heruntertippe, höre ich eine einzelne Stimme bölken: "Deutschland, Deutschland, über alles!" Ja, heute sind wir wieder wer. Ist doch schön. Nur, wer sind wir?

Ach so. Deutschland.

 

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