1968
aus aller Welt
ballaballa
Beobachtungen in der Natur
charmsing
deutsche kenneweiss
Dicki TV
Dickimerone
Dickis Reisen
die kleine Anekdote
dirty old town
Empfehlung
Erwins Welt
Eugen
in eigener Sache
Java
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
icon

 
sind diese Rechenaufgaben, aber wegen ihrer großen Nähe zur Wirklichkeit würde ich sie unbedingt in der nächsten PISA-Studie stellen.

Als der "Büro- und Gewerbepark" auf einem am Stadtrand gelegenen Grüngebiet gebaut werden sollte, das gern von Radfahrern und Spaziergängern zur Erholung aufgesucht wurde, gab es natürlich Proteste aus der Bevölkerung, die selbstverständlich mit der Begründung abgebügelt wurden, daß erstens ein erheblicher Bedarf an neuer Gewerbefläche bestehe und zweitens die wirtschaftliche Notlage der Gemeinde diesen Schritt (nämlich den Bau) zwingend notwendig mache. Also wurde - finanziert aus zukünftig einzunehmenden Steuergeldern - gerodet, planiert, asphaltiert und betoniert, und schon bald war ein schmucker Park zur Firmenansiedlung entstanden.

Am Stadtrand, wie gesagt, und damit auch ein gutes Stück von einer Haltestelle der nächsten Linie des ÖPNV entfernt. Man schuf Abhilfe und richtete ein Sammeltaxi als "Linie 39" ein, das Fahrgäste von der Haltestelle zum "Büro- und Gewerbepark" (und umgekehrt) bringen sollte, wofür der bereits gelöste Fahrschein Gültigkeit besitzen würde. Die Differenz zwischen Fahrschein und Kosten der Taxifahrt wollte die Gemeinde dem Taxi-Unternehmen erstatten. Nach einem Jahr wurde Bilanz gezogen. In den ersten 6 Monaten fuhr das Taxi täglich neun Mal, in den zweiten 6 Monaten nur noch auf Abruf, was auf zwei Fuhren täglich hinauslief, den tatsächlichen Bedarf.

Das Finanzressort beschwerte sich: bei einer Auslastung von 6 Prozent in den vergangenen drei Monaten (130 Fahrten mit insgesamt 131 Fahrgästen; weshalb das 6 Prozent sind, mag der Statistiker wissen) sei es doch wohl billiger, dem einzigen Fahrgast, der überhaupt die Linie täglich nutze, ein Auto zu schenken. Kurz: die Linie müsse eingestellt werden.

Das konnte die Wirtschaftsförderung nicht auf sich sitzen lassen: zwar entspreche es den Tatsachen, daß mehrere hundert Euro für das Angebot der Linie zubezahlt werden müßten, doch sei die "Standortzufriedenheit" der Unternehmen merklich verbessert worden und stelle das Vorhandensein der Linie eine große Hilfe bei der Anwerbung neuer Mitarbeiter dar. Allerdings, so räumte man ein, habe sich die Linie nicht so entwickelt wie erwartet.

Als jemand auf die Idee kam, sich einmal im "Büro- und Gewerbepark" umzusehen, fand er ein einzelnes, einstöckiges Gebäude von geringer Grundfläche vor, eigentlich eher ein Kiosk denn ein Haus. Als er klingelte, öffnete der Firmeninhaber selbst. Im Gespräch stellte sich heraus, daß dessen Unternehmen noch in der Gründungsphase steckte und keinerlei Mitarbeiter beschäftigte. Ob er der Benutzer des Sammeltaxis sei? Ganz recht, er sei der Stammkunde und fahre täglich mit der Linie 39 ins Büro und zurück. Allerdings überlege er, seine Firma zu sich nach Hause zu verlegen, da die Mietkosten doch erheblich seien und er sich außerdem - so ganz ohne Nachbarn - ein wenig einsam fühle.

130 Fahrten, 131 Fahrgäste: wer mag der vereinzelte, der 131. Passagier gewesen sein? War es etwa die seit September als vermißt gemeldete Ehefrau des Unternehmers? Und ist es wirklich nur ein Zufall, daß der 1. Staatsrat in der Wirtschaftsförderung denselben Nachnamen trägt wie der Unternehmer? Ist das Unternehmen in der Gründungsphase vielleicht jene Firma, die ein gebührenpflichtige Internetportal für Swinger-Clubs betreibt und ist der Chef des Finanzressorts tatsächlich Mitglied in jenem Swinger-Club, der wegen mangelnder Kopulationsbereitschaft vom Portal ausgeschlossen wurde? Ist der Taxi-Unternehmer identisch mit jenem Individuum, daß vor einiger Zeit wegen versuchter Beamtenbestechung zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden war? Fragen wir lieber nicht weiter, es könnte noch viel schlimmer kommen. Immerhin habe ich bis jetzt internationale Großkonzerne wie die Drogenmafia ausgespart.

Was an dieser Geschichte Wahrheit, was Phantasie ist, mag ein jeder für sich überlegen. Erschreckend ist, daß dies alles Wirklichkeit sein könnte.

"Das Parfüm" von Patrick Süskind (Diogenes, 1985) ist eine wunderbare schwarze Komödie. Nach vielen Jahren habe ich diesen Roman wieder gelesen und bin begeistert. Geradezu brutal schildert der Autor realistisch Szenen aus Paris (und Frankreich) zwischen 1730 und 1760.

Jean Baptiste Grenouille, ein wenig dem verhutzelten Gnom in E.T.A. Hoffmanns "Klein Zaches genannt Zinnober" nachempfunden, ist einerseits Genie der Düfte, andererseits ohne Gewissen und Mitgefühl. Aus Begeisterung für außerordentliche Wohlgerüche wird er zum Mörder. Aber nicht wegen der Morde - immerhin 26 an der Zahl - , sondern weil er sowohl der Welt der Menschen als auch seiner selbst vollkommen überdrüssig ist, führt er sein eigenes Ende herbei, nachdem er ein ganz unglaubliches Parfüm kreiert und erprobt hat.

Wie entwickelt sich ein Mensch, der mit der denkbar feinsten Nase ausgestattet ist (also die alltäglichen Gerüche der menschlichen Gesellschaft als permanente Zudringlichkeit empfinden muß), aber selbst keinen Geruch, also keine Eigenidentität hat? Süskind spielt das gedanklich konsequent durch und schildert uns seine Überlegungen mit vielen trefflichen satirischen Einfällen (mit denen er nicht das 18. Jahrhundert, sondern Erscheinungen der Gegenwart aufspießt) in Form der "Geschichte eines Mörders", wie der Untertitel des Romans lautet. Seine Erzählung hat soviel Glaubwürdigkeit, der Mörder wird uns so verständlich, das phantastische Parfüm so verlockend nahegebracht, daß wir zu Komplizen an den Morden werden, damit wir die Wirkung dieser unerhörten und genialen Création miterleben dürfen.

Viele Bücher unserer Zeit sind nur eine langweilende Versammlung von Worten, manche sind eine Sammlung von Gedanken und Einfällen, und nur ganz wenige erzählen gedanken- und wortreich eine interessante Geschichte. "Das Parfüm" ist eines der letzteren und so habe ich es genossen.

Er war schon im Begriff, die langweilige Versammlung zu verlassen, um an der Galerie des Louvre entlang heimwärts zu gehen, als ihm der Wind etwas zutrug, etwas Winziges, kaum Merkliches, ein Bröselchen, ein Duftatom, nein, noch weniger: eher die Ahnung eines Dufts als einen tatsächlichen Duft - und zugleich doch die sichere Ahnung von etwas Niegerochenem. Er trat wieder zurück an die Mauer und blähte die Nüstern. Der Duft war so ausnehmend zart und fein, daß er ihn nicht festhalten konnte, immer wieder entzog er sich der Wahrnehmung, wurde verdeckt vom Pulverdampf der Petarden, blockiert von den Ausdünstungen der Menschenmassen, zerstückelt und zerrieben von den tausend anderen Gerüchen der Stadt. Aber dann, plötzlich, war er wieder da, ein kleiner Fetzen nur, eine kurze Sekunde lang als herrliche Andeutung zu riechen ... und verschwand alsbald. Grenouille litt Qualen. Zum ersten Mal war es nicht nur sein gieriger Charakter, dem eine Kränkung widerfuhr, sondern tatsächlich sein Herz, das litt. Ihm schwante sonderbar, dieser Duft sei der Schlüssel zur Ordnung aller anderen Düfte, man habe nichts von den Düften verstanden, wenn man diesen einen nicht verstand, und er, Grenouille, hätte sein Leben verpfuscht, wenn es ihm nicht gelänge, diesen einen zu besitzen. Er mußte ihn haben, nicht um des schieren Besitzes, sondern um der Ruhe seines Herzens willen.

 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma