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Die Kamera schwenkt über den Domshof. Einige hundert Menschen, mit Transparenten, Sprechblasen und anderem Gerät, scharen sich um ein kleines Podium, von dem herunter gesprochen wird. Schnitt auf ein Gesicht in der Menge, ein nicht mehr ganz junger Mann, graue Schläfen, ausgehendes Haar.

Fragestellerin: Wir sind von Radio Bremen und wollen ein paar Stimmen aus dem Volke sammeln, sozusagen. Sie nehmen an der Aktion teil?
Dicki: Oh ja.
Fragestellerin: Aus welchem Grund, was hat Sie hierhergeführt?
Dicki: Ich will die Frau meiner Träume finden.
Fragestellerin: Was?
Dicki: Ich will die Frau meiner Träume finden, deshalb bin ich hier.
Fragestellerin: Äh.
Dicki: Sehen Sie. (Zeigt auf einen Punkt schräg hinter der Kamera) Dort, auf der Chefetage der Deutschen Bank, gibt es sichere Arbeitsplätze mit hohem Einkommen. Das beste daran ist, daß mittlerweile auch Frauen in den Chefbüros sitzen. Davon träume ich: eine Frau mit sicherer Stellung und Geld wie Heu.
Fragestellerin: (Pause)
Dicki: Als nächste Frage sollte auf Ihrem Zettel stehen, ob ich für die Gruppe spreche. Die Antwort ist nein. Aber wenn ich mir einige der Herrschaften ansehe, glaube ich schon, daß sie ganz ähnliche Intentionen haben.
Fragestellerin: Und die Frauen?
Dicki: Daß Sie das überhaupt fragen! Das versteht sich doch von selbst.
Fragestellerin: Was machen Sie dann? Also, wenn Sie dieser Traumfrau begegnen?
Dicki: Och, was man so macht als Mann und Frau. Turteln, Girren und Gurren und - so weiter.
Fragestellerin: (eilig) Vielen Dank, wir wollen noch einige andere ...
Dicki: Das war schon alles?
Fragestellein: Danke, wir müssen jetzt wirklich ...
Dicki: (streng) Sie halten mich für einen Spinner.
Fragestellerin: Nein, wirklich ...
Dicki: Oder Sie glauben, ich wolle Sie verarschen.
Fragestellerin: Nein, keineswegs.
Dicki: Da bin ich aber froh. Passen Sie auf, ich lade sie zu einer Tasse Kaffee ein und

Schnitt.

Ich hatte mir eine kleine Einkaufsliste gemacht, um unter anderem herauszufinden, ob es in dem neueröffneten Supermarkt in meiner Nähe ein Mineralwasser meiner Wahl und diesen appetitlich würzigen Tomatensaft gibt. Während ich forschend durch die Regalreihen stapfte, rief eine Frauenstimme: "Lilu, wo bleibst du denn! Komm mal her." Angenehm, freundlich, ohne Aufregung, und ohne Ungeduld. Kein "Wir wollen doch jetzt" und kein "nun mach mal endlich". Und eine helle, sehr junge, aber deutlich artikukierende Stimme antwortete: "Ich komm doch schon. Ich krabbel. Ich komm gekrabbelt." Im selben Moment bog ich um die Ecke und sah das Kind: die Äuglein leuchteten vor Vergnügen, und es krabbelte auf allen Vieren; nicht dorthin, von wo die Mutter gerufen hatte, sondern quer durch die Regale, Richtung Eingang.

Was ich suchte, fand ich nicht; offenbar führt dieser Supermarkt nicht die von mir bevorzugten Marken. Also strebte ich zur Kasse und sah aus dem Augenwinkel besagtes Kind nunmehr laufend zwischen Obst und Gemüse. Wieder rief die Mutter: "Lilu, wo bist du denn?" Die Frau kam mir entgegen, und wie im Spiel, wo man jemandem das Versteck einer dritten Person verrät, zeigte ich verstohlen auf die Kleine. Wir lächelten uns kurz, aber herzlich an, ich begab mich zum Weinregal, sie holte ihre Tochter. An der Kasse stand sie einige Positionen vor mir, zu weit, um etwas Freundliches über die melodische Stimme ihrer vergnügten, ungehorsamen, aber völlig friedlichen Tochter zu sagen, zumal der hagere Mann vor mir mit seinem Babbelfon herumnervte, aber ich konnte sie in Ruhe betrachten: ein Gesicht. Um das Kind, das an einer Barriere herumturnte und gar nicht zu bremsen schien, wieder einzufangen, sagte sie: "Willst du mir helfen? Leg das doch mal aufs Band." Gab dem Kind irgendeinen Artikel in die Hand, und dieses legte das Teil mit konzentriertem Gesicht auf das Laufband vor der Kasse.

Auf der Straße sah ich die beiden vor mir gehen. Ein Wunschkind, dachte ich. Und: sie ist glücklich mit ihrem Kind. Und: Sie nervt nicht herum, sondern tut nur das, was nötig ist, ohne dem Kind Freiheiten zu nehmen. Ich freue mich darauf, den beiden wiederzubegegnen. Denn obwohl ich ein Kinderschreck bin, mag ich die Lütten doch von Herzen gern: wenn sie sich des Lebens freuen.

 

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