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Symptome

Sie kam aus Fernost, schleichend, unaufhaltsam, bedrohlich. Über die GUS-Staaten, die Türkei, Südosteuropa, Tschechien, Polen. Die Bundesländer legten Vorräte von Impfstoffen an; zu wenige, wie die (um ihre Umsätze) besorgte Pharmaindustrie in den Medien(kampagnen) warnte (in den Vereinigten Staaten von Amerika gab es da kein Problem, die Industrieinteressenvertreter sitzen in der Regierung). Tote Vögel auf Rügen, tote Vögel in Niedersachsen, allgemeine Stallpflicht bzw. Käfigpflicht.

Und dann? Dann war sie verschwunden, die Vogelpest, aus den Nachrichten. Ob wir in Zukunft noch von ihr oder ihren älteren Geschwistern, der Schweinepest und der Rinderseuche, hören werden?

- und zwar unwiderbringlich - ist die Geschichte meiner Vorfahren. Ich war zu jung, um die Großeltern väterlicherseits zu befragen, und nicht reif genug, um die Großeltern mütterlicherseits auszuquetschen. Erstere starben, bevor ich Vier wurde, letztere lebten in Amsterdam und waren schwerer erreichbar.

Heute könnte ich auf ihren - gewiß persönlich eingefärbten - Geschichten und Erinnerungen einen Rückblick bis ins späte neunzehnte Jahrhundert aufbauen. Der Urgroßvater von Mutterseite hatte im deutsch-französichen Krieg von 1870/71 "als Soldat im Felde gestanden" und sich dann in die Niederlande abgesetzt; sein Sohn gründete ein "Electriciteitsbureau", als Elektrizität noch hochmodern war, Anno 1913. Seine Frau, die praktischerweise die Geschäftsbücher führte, entstammte einer gutbürgerlichen Amsterdamer Familie.

Auf Vaterseite gab es den Großvater, der im Bremer Waisenhaus aufwuchs, und die Großmutter, die aus Bramscher Tuchwebersippen kam. Soviel ist immerhin bekannt. Doch haben sie alle weder ihr Leben noch ihre überlieferten Erinnerungen dokumentiert.

Heute kann ich nur noch von meiner Mutter Geschichten erfahren. "Hörensagen" hieße vor Gericht, was nicht ihre eigenen Erinnerungen sind. Bruchstücke, die nicht mehr als einen kleinen Teil des Gesamtbildes ergeben. Interessant genug, immerhin. Aber beispielsweise werde ich nie erfahren, was mein Vater als Wehrmachtssoldat getan und erlitten hat - nicht einmal meiner Mutter hat er davon erzählt, von seinen Lebensjahren 19 bis 25. Hat einen Teil von sich selbst abzuschneiden versucht. Kein Wunder, daß er tablettensüchtig wurde.

Nein, die Vergangenheit ist nicht verarbeitet; weder meine eigene im Speziellen, noch die der Deutschen im Allgemeinen.Wir taumeln durch die Zeit, ohne vollständige Identität; unter schamvoller Identifikation oder schuldgeplagter Verleugnung. Du bist Deutschland? Klären wir doch bitteschön erst einmal, was Deutschland überhaupt ist. Was immer dabei auch für den Einzelnen wie für die Gesamtheit herauskommen mag, ein unbeschriebens Blatt wird das gewiß nicht sein. Und genau damit haben wir uns auseinanderzusetzen.

Manch einer hat das durchaus schon unternommen. Eberhard Fechner will ich hier stellvertretend nennen, für "Tadellöser&Wolff", "Ein Kapitel für sich", "Die Comedian Harmonists" und etliche, mir leider nicht bekannte (halb)dokumentarische Filme. Und Bücher snd geschrieben und veröffentlicht worden, beispielsweise die Tagebücher Viktor Klemperers. Nicht Alles ist dahin, es existieren genügend zugängliche Dokumente: wenn man die Konfrontation mit sich und seiner Geschichte nicht scheut.

Die "Du bist Deutschland"-Kampagne gaukelt uns Geschichtslosigkeit vor, aber sie hat ihre eigene Nazi-Vergangenheit. Und die Frage, ob "die 68er" nicht den Kampforganisationen der Weimarer Republik - SA, Rotfrontkämpferbund, Reichbanner - glichen, als sie vom Protest zum Meinungsterror übergingen, ist offiziell noch immer unbeantwortet.

Deutschland, sieh dir selbst ins Gesicht. Erschrick meinethalben, aber verschließe nicht die Augen. Deine wohlfeil gepriesenen Dichter und Denker haben sich durch manche schlaflose Nacht gequält. Du willst Respekt? Dann orientiere dich am Ideal. Sonst halt die Fresse.

las ich heute auf der Heckscheibe eines Autos, in großen Lettern. Darunter klein eine URL mit "foltertechnik". Ich guckte noch einmal hin: "folientechnik". - Dabei ließ ich es bewenden, denn ich wollte lieber nicht wissen, ob ich mich beim ersten oder zweiten Hinschauen verlesen hatte.

Als ich heute mit meinem Einkauf heimwärts fuhr, sah ich rund 50 Meter voraus eine junge Frau vor sich hin brabbelnd auf dem Radweg stehen. Sie wandte sich um, weiter in ihr unverzichtbares Accessoire brabbelnd, und blickte nun direkt in meine Richtung; und ich fuhr direkt auf sie zu. Sie sah mich kommen, auf sich zu kommen, und brabbelte, mich anschauend, weiter in ihr Babbelfon; und ich fuhr direkt auf sie zu. Noch immer sah sie mir entgegen, noch immer stand sie mitten auf dem Radweg, noch immer brabbelte sie vor sich hin; und ich fuhr direkt auf sie zu.

Als ich kaum mehr fünf Meter von ihr entfernt war, weder ausweichend noch verlangsamend, trat sie einen zögerlichen Schritt gen Bürgersteig zurück, ohne ihr Gebrabbel zu unterbrechen. Ich habe den Mittelpunkt der Welt nur knapp verfehlt.

 

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