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Kunst, Kunst, Kunst und nochmals Kunst. Aus meiner Reisebibliothek habe ich schon mal den De Crescenzo bereitgelegt, für alle Fälle. Jedoch, ich bin mir nicht recht sicher, bahnt sich hier etwa etwas an?

     Das ist das Angenehme auf Reisen, daß auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. Als ich von Capo di Monte zurückkam, machte ich noch einen Abendbesuch bei Filangieri, wo ich auf dem Kanapee neben der Hausfrau ein Frauenzimmer sitzend fand, deren Äußeres mir nicht zu dem vertraulichen Betragen zu passen schien, dem sie sich ganz ohne Zwang hingab. In einem leichten, gestreiften, seidenen Fähnchen, den Kopf wunderlich aufgeputzt, sah die kleine, niedliche Figur einer Putzmacherin ähnlich, die, für die Zierde anderer sorgend, ihrem eigenen Aussehen wenig Aufmerksamkeit schenkt. Sie sind so gewohnt, ihre Arbeit bezahlt zu sehen, daß sie nicht begreifen, wie sie für sich selbst etwas gratis tun sollen. Durch meinen Eintritt ließ sie sich in ihrem Plaudern nicht stören und brachte eine Menge possierliche Geschichten vor, welche ihr dieser Tage begegnet oder vielmehr durch ihre Strudeleien veranlaßt worden.
     Die Dame vom Hause wollte mir auch zum Wort verhelfen, sprach über die herrliche Lage von Capo di Monte und die Schätze daselbst. Das muntere Weibchen dagegen sprang in die Höhe und war, auf ihren Füßen stehend, noch artiger als zuvor. Sie empfahl sich, rannte nach der Türe und sagte mir im Vorbeigehen: "Filangieris kommen dieser Tage zu mir zu Tische, ich hoffe, Sie auch zu sehen!" Fort war sie, ehe ich noch zusagen konnte. Nun vernahm ich, es sei die Prinzessin ***, mit dem Hause nah verwandt. Filangieris waren nicht reich und lebten in anständiger Einschränkung. So dacht' ich mir das Prinzeßchen auch, da ohnehin solche hohe Titel in Neapel nicht selten sind. Ich merkte mir den Namen, Tag und Stunde und zweifelte nicht, mich am rechten Orte zu gehöriger Zeit einzufinden.


Und ich, mein lieber Wolfgang von, werde an deiner Seite sein. Oah, ich sterbe vor Neugier!

Nu, im Zeitalter des Massentourismus dürfen hier Verweise auf einige Sehenswürdigkeiten nicht fehlen. Doch zunächst ein bißchen Werbung für meine Sponsoren.
Capri-Sonne
Camorra

Ganz klar, wenn du Neapel gesehen hast und nicht gestorben bist, mußt du Capri und die Blaue Grotte sowie Pompeji besuchen. Das lohnt sich für dich - sowas gibt's bei dir zuhause nicht! - und es lohnt sich für die Touristikunternehmen.

Und was ist mit Ischia? Also, da bin ich vorsichtig. Neugierig habe ich mir ein "Wechselwirkendes Diagramm" von Ischia geladen, dessen Wechselwirkung sich mir aber nicht recht erschließen will. Man findet dort Hotels und so weiter, interessanterweise auch "Benzinpumpe" und - "Busanschlag". Ich rate nicht ab, aber ich empfehle Ischia auch nicht. Man kann nicht vorsichtig genug sein.

Vesuv, die zweite:
[...] Der Weg durch die äußersten Vorstädte und Gärten sollte schon auf etwas Plutonisches hindeuten. Denn da es lange nicht geregnet, waren von dickem aschgrauem Staube die von Natur immergrünen Blätter überdeckt, alle Dächer, Gurtgesimse und was nur irgend eine Fläche bot, gleichfalls übergraut, so daß nur der herrliche blaue Himmel und die hereinscheinende mächtige Sonne ein Zeugnis gab, daß man unter den Lebendigen wandle.
     Am Fuße des steilen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer und ein jüngerer, beides tüchtige Leute. Der erste schleppte mich, der zweite Tischbein den Berg hinauf. Sie schleppten, sage ich; denn ein solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen, in welchen der Reisende greift und, hinaufwärts gezogen, sich an einem Stabe auf seinen eigenen Füßen desto leichter emporhilft.
     So erlangten wir die Fläche, über welcher sich der Kegelberg erhebt, gegen Norden die Trümmer der Somma. [...]
     Zwischen der Somma und dem Kegelberge ward aber der Raum enge genug, schon fielen mehrere Steine um uns her und machten den Umgang unerfreulich. Tischbein fühlte sich nunmehr auf dem Berge noch verdrießlicher, da dieses Ungetüm, nicht zufrieden, häßlich zu sein, auch noch gefährlich werden wollte.
     Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas Reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen auffordert, ihr zu trotzen, so bedachte ich, daß es möglich sein müsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen den Kegelberg hinauf an den Schlund zu gelangen und auch in diesem Zeitraum den Rückweg zu gewinnen. [...]
     Noch klapperten die kleinen Steine um uns herum, noch rieselte die Asche, als der rüstige Jüngling mich schon über das glühende Gerölle hinaufriß. Hier standen wir an dem ungeheuren Rachen, dessen Rauch eine leise Luft von uns ablenkte, aber zugleich das Innere des Schlundes verhüllte, der ringsum aus tausend Ritzen dampfte. Durch einen Zwischenraum des Qualmes erblickte man hie und da geborstene Felsenwände. Der Anblick war weder unterrichtend noch erfreulich, aber eben deswegen, weil man nichts sah, verweilte man, um etwas herauszusehen. Das ruhige Zählen war versäumt, wir standen auf einem scharfen Rande vor dem ungeheuren Abgrund. Auf einmal erscholl der Donner, die furchtbare Ladung flog an uns vorbei, wir duckten uns unwillkürlich, als wenn uns das vor den niederstürzenden Massen gerettet hätte; die kleineren Steine klapperten schon, und wir, ohne zu bedenken, daß wir abermals eine Pause vor uns hatten, froh, die Gefahr überstanden zu haben, kamen mit der noch rieselnden Asche am Fuße des Kegels an, Hüte und Schultern genugsam eingeäschert.

- Ist es jetzt gut?

Neapel nimmt im deutschen Schlager der 50er und frühen 60er Jahre eine Sonderstellung ein, hatte ich geschrieben. Der Strand, das Meer, die Sonne, die Fischer, der Hafen, die Palmen, der Mondschein und immer amore (mit Tino, Beppo, Angelo oder was weiß ich mit wem) wurde noch und nöcher besungen, stand in meinen Notizen. Und weiter: Die italienischen Gastarbeiter, vom Wirtschaftswunder zuhauf angelockt, erfreuten sich da weit geringerer Beliebtheit. Daraus lernen wir, daß man die Ferne schätzt, solange sie in der Ferne liegt, sie aber schnell als zu nah empfindet, wenn sie näher rückt.

Doch dann schlug ich "Das große Schlagerbuch" auf (Rogner&Bernhard 1978, Herausgeberin Monika Sperr) und siehe, meine Gewißheit war dahin. "Capri-Fischer" ist von 1946, aber immerhin, "Zwei kleine Italiener" stammt aus dem Jahr 1962. Etwas früher trällerte auch Connie Francis "Napoli". Aber ...

"Tulpen aus Amsterdam", "Ganz Paris träumt von der Liebe", "Weiße Rosen aus Athen", "Arrividerci Roma" uns so weiter; starke Konkurrenz für Neapel, ja, sogar Sankt Pauli drängte sich nach vorn, natürlich dauernd auch die USA. Das Girl hieß Cindy und wollte einen Cowboy als Mann, um in das alte Haus von Rocky-Docky einzuziehen etc. pp.

Und doch - was ist das alles gegen Neapel! Zwei kleine Italiener, die träumen von Napoli ... und vom Film?

Damit man nicht unnötig wartet und darüber alles andere vergißt, muß, wie Hitchcock in seinen eigenen Filmen stets früh auftrat, sogleich das Wort gesprochen werden: Vedi Napoli e poi muori! Da der Goethe unbedingt den Vesuv erkunden und bis an den Krater hinauf gelangen will (und ich mit ihm), bekommt der alte Spruch eine ganz andere, sehr gegenwärtige Bedeutung.

Zuerst wird Goethe jedoch in allerlei Geselligkeit eingebunden. Und so wird man zwischen Natur- und Völkerereignissen hin und wider getrieben. Man wünscht zu denken und fühlt sich dazu zu ungeschickt. Indessen lebt der Lebendige lustig fort, woran wir es denn auch nicht fehlen ließen. Gebildete Personen, der Welt und ihrem Wesen angehörend, aber durch ernstes Geschick gewarnt, zu Betrachtungen aufgelegt. Unbegrenzter Blick über Land, Meer und Himmel, zurückgerufen in die Nähe einer liebenswürdigen jungen Dame, Huldigung anzunehmen gewohnt und geneigt. In der Tat, ich habe hier dasselbe Fragezeichen auf der Stirn wie meine Leser. Aber er verrät einem nichts, der olle Geheimrat!

Dann, Erklimmung des Vesuv, die erste. Wir stiegen über [die erkaltete Lava] an einem erst aufgeworfenen vulkanischen Hügel hinauf, er dampfte aus allen Enden. Der Rauch zog von uns weg, und ich wollte nach dem Krater gehn. Wir waren ungefähr fünfzig Schritte in den Dampf hinein, als er so stark wurde, daß ich kaum meine Schuhe sehen konnte. Das Schnupftuch vorgehalten half nichts, der Führer war mir auch verschwunden, die Tritte auf den ausgeworfenen Lavabröckchen unsicher, ich fand für gut, umzukehren und mir den gewünschten Anblick auf einen heitern Tag und verminderten Rauch zu sparen. Indes weiß ich doch auch, wie schlecht es sich in solcher Atmosphäre Atem holt. Übrigens war der Berg ganz still. Weder Flamme, noch Brausen, noch Steinwurf, wie er doch die ganze Zeit her trieb. Ich habe ihn nun rekognosziert, um ihn förmlich, sobald das Wetter gut werden will, zu belagern. Muß das wirklich sein?

O bella Napoli, du Vielbesungene! Daß kein Neapolitaner von seiner Stadt weichen will, daß ihre Dichter von der Glückseligkeit der hiesigen Lage in gewaltigen Hyperbeln singen, ist ihnen nicht zu verdenken, und wenn auch noch ein paar Vesuve in der Nachbarschaft stünden. Man mag sich hier an Rom gar nicht zurückerinnern; gegen die hiesige freie Lage kommt einem die Hauptstadt der Welt im Tibergrunde wie ein altes, übelplacierters Kloster vor. Den Goethe hat es voll erwischt.

Wem fiele zu Neapel nicht sofort eine ganze Liste interessanter Dinge ein: Ischia und Capri, die blaue Grotte, der Vesuv, der Hafen, die Camorra, deutsche Schlager, die vielen Heiligen, die Verwandlung von Wasser in Blut, "Also sprach Bellavista", der SSC Neapel, Pompeji und Herculaneum - und alles, was mir auf die schnelle nicht eingefallen ist; viel mehr, als an einem Abend zu bewältigen wäre, also habe ich ein bißchen vorgearbeitet. Die neuen Folgen von "Italienische Reise" werden per MAZ zugespielt, zum deutschen Schlager und zu De Crescenzo gibt es einige Notizen, ansonsten kann hier alles mögliche zur Sprache kommen, vielleicht gibt es da auch Leserwünsche.

Zur Einstimmung einige Links:
Spaghetti Napoli
Pizza Napoli
Kommune Neapel
Landkarte
Reiseführer (kommerziell)
Reiseführer (privat)
Wikipedia

Und nun folgt Episode 23 der italienischen Reise, dazu und für die nächsten Stunden gute Unterhaltung. MAZ ab!

 

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