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Da steht sie, eine Wand, aus weißen (oder weißbemalten) Ziegelsteinen gemauert, das Geschenk des Künstlers Sol LeWitt an die Stadt Bremen. Ist das ein Kunstwerk, ist das Kunst? Ich kann es nicht beurteilen. Doch manche Zeitgenossen wisen es genau: banal, scheußlich, eine Baustelle, gehört abgerissen, endlich weg damit.

Wann immer ich über die Stephani-Brücke radle, sehe ich zur "Weserburg" auf dem Teerhof hinüber. Ob Kunst oder nicht, dieses Werk ist so freundlich, so naiv-schön, daß ich mich jedesmal aufs Neue daran erfreue. Schade, daß es im Internet kein besseres Bild davon gibt: es müßte von weiter links aufgenommen werden, so daß die "Three Triangles" nach rechts verrutschen, sonst werden sie vom Museumsgebäude erschlagen. (das - offizielle - Foto wurde von mir nachbearbeitet)


lewitt_out



In einer Kultur, in der die Sieben eine besondere Rolle spielt, weiß jedes Kind, bevor es die Zahlen kennt, daß die Sieben eine Sonderstellung einnimmt. Die sieben Todsünden, die sieben Kardinaltugenden, meine Siebensachen, Sieben auf einen Streich, das siebte Siegel, die siebte Symphonie, die glorreichen Sieben, sieben Gräber bis Kairo, die sieben Geschworenen, die Sieben von der Tankstelle, sieben Freunde müßt ihr sein - überall dräut dem Menschen von kleinauf die Sieben entgegegen.

Es gibt nur zwei bemerkenswerte Ausnahmen: "der sechste Sinn" vor der Sportschau und "das Pentagon". Es müßte aber sieben Ausnahmen geben, nämlich zusätzlich: das vierblättrige Kleeblatt, das Dualsystem, das Einzelkind, die Dreistigkeit meiner Zeitgenossen und "Hey, wir leben in den Nullern!"

Keine Zahl beschreibt die Moderne besser als die Null. Die Nullen rotten sich zusammen, und jede will die Eins vornean sein, die der Masse erst Wert verspricht. Die Nullen sind eindeutig Siegertypen; alle Anderen sind verloren. Seltsamerweise soll es immer die "schwarze Null" sein. Versteh' einer die Weißen.

Das Arbeitsvieh der 'Four Heartz Ranch' soll durch ganz Deutschland von Job zu Job getrieben werden. Gerhard 'der Boss' Schröder (John Wayne gibt hier den sturnackigen Wessie), seine Vorbereiter und Schmuh-Jungen starten den Trail mit lauten Rufen: "Faulenzer!" - "Schmarotzer!" - "Vorwärts!" - "Aufschwung!" - "Konjunktur!" - "Hurra!" - "Biiii-lanz!" - "Dschiiii-had!" und die Herde setzt sich in Bewegung.

Doch schon bald offenbaren sich die vorübergehend beigelegten Spannungen aufs Neue. Angela 'die Kleine' Merkel (von Montgomery Clift einfühlsam gespielt) opponiert gegen mangelnde Gründlichkeit und der Koch sammelt Unterschriften gegen Fleischimporte. Als dann in einer Montagsstampede die Herde durchzugehen droht, weil sie von den geplanten Futterrationierungen erfahren hat und von Gewerkschuftern unter höchstem Einsatz wieder eingefangen werden muß, spitzt sich die Lage zu. Doch am Schluß verstehen sich in typischer Hollywood-Manie alle bestens. Oder beinahe alle: das Vieh wird in Waggons getrieben und zu den Schlachthöfen verfrachtet.

redriver

Erst pfui, dann hui: die eilige Dreifaltigkeit


Die an sich packende Story ist ein wenig durchsichtig in Szene gesetzt; andererseits kann nur im gewählten Schwarz-Weiß die Lagerromantik überzeugend vermittelt werden. Fazit: ein frühes Meisterwerk des Westerns von hoher Erlebnisqualität.

Auf dem Lokus habe ich es gern gemütlich. Das bedeutet erstens: sitzen, zweitens: alles Notwendige griffbereit (Papier, Bürste) haben, drittens (Luxusversion): wenigstens einigermaßen interessante Lektüre vorfinden oder mitbringen. So ergibt es sich zwangsläufig, daß ich leere Klorollen durch volle ersetze. Das macht mich offenbar zu einem Außenseiter. Mein jetziger Linuxkurs erinnert mich beinahe täglich an die alte Erfahrung, daß bei Männern das Toilettenpapierrollenauswechsel-Gen (Y-00) nur in verkrüppelter Form vorliegt, weshalb die so benachteiligten Zeitgenossen erst durch abenteuerliche Verrenkungen an das hinter ihnen liegende Papier gelangen, wenn mal eine Rolle aufgebraucht ist. Doch wer weiß, vielleicht gehört das zu ihrem täglichen Fitness-Programm, und der faule Sack bin ich. Ich hab's jedenfalls lieber gemütlich.

tpapier

Schema des intakten Gens


Vielleicht ermöglicht die Genforschung hier Verbesserungen; ich meine, zu irgendetwas Praktischem muß das ganze Mikroskopieren und Nanosezieren doch gut sein.

Anfang der 70er war die Zeit reif für Roxy Music, und ich war es ebenfalls. Aus dem Radio tönte neue Musik (wenn man sie finden wollte). Beispielsweise hörte ich einen zweistündigen Rückblick auf die ersten Jahre der Mothers of Invention, lauschte Van der Graaf Generator, verpaßte King Crimson, Jethro Tull und manch andere; Emerson, Lake & Palmer schafften es in die Hitparaden, ebenso Can; Hardrock wurde hoffähig - während sich gleichzeitig Ödnis breitmachte. Ich hungerte nach neuer Musik und Roxy Music brachte sie mir. Man sehe es einem heftig Pubertierendem nach, daß ich auch Gary Glitter (aber nicht T.Rex) gutfand. Der musikalische Unterschied war mir immerhin bewußt.

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Roxy Music


Die musikalische Entwicklung von Roxy Music ist an den LP-Covern abzulesen: die erste - "Roxy Music" - ist Persiflage, und Brüche in der Musik und im Sound sind gewollt; die zweite - "For Your Pleasure" - verkörpert die Integration aller Zutaten zu einem neuen, eigenen Sound; die dritte - "Stranded" - ist das Stadium der Reife; man persifliert nicht mehr, sondern schreibt selbst Rockgeschichte. Dann kam nichts Neues mehr, weder musikalisch noch textlich, und die Cover ließen Witz und Anspielung vermissen.

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For Your Pleasure


Als die Avantgarde ganz andere Experimente wagte - Pop Group, Public Image Limited, Joy Division, Simple Minds stellvertretend für viele andere genannt - schuf Roxy Music 1980 mit "Flesh and Blood" noch einmal ein sehr atmosphärisches Album, das aber nur eine unter vielen guten Popproduktionen war. ABBA - jawohl, ABBA - riskierten auf ihren Platten viel mehr und waren musikalisch (ohne avantgardistische Experimente natürlich) so offen und weit angelegt wie Roxy Music 72/73 (und brachten unerhört gute Popmusik hervor). Roxy Music, als Neuerer angetreten, waren Teil des Mainstream, allerdings des besseren.

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Stranded


10cc, die ein eigenes Studio besaßen und als Sessionmusiker Geld verdienten, hatten nicht den Anspruch, Neues zu schaffen. Mehr durch Zufall entstanden die ersten Parodien auf Rocksongs. Ihr Spektrum reichte von Rock'n'Roll ("Donna", "Rubber Bullets") bis zu den Anfängen der Funkmusic ("Headline Hustler"). Durch alle musikalische Weiterentwicklung behielten sie ihre ironische Distanz bei und schufen mit ihrer vierten (und letzten gemeinsamen) LP "How dare you" wirklich Neues (1976).

Zitat, Parodie und Persiflage waren verbreitete Mittel in der Zeit vor dem Punk (und 'New Wave'), der noch einmal die schiere Power verkörperte, die im Beat der Sixties eine ganze Generation begeistert hatte (allerdings auf harmlosere Art, aus heutiger Sicht). "Virginia Plain" und "Do The Strand" von Roxy Music stehen für die Übergangszeit, für Power und Experiment in der populären Musik der frühen 70er Jahre. "A Song For Europe" (von der LP "Stranded") ist für die Ewigkeit geschrieben und wird das Herz jedes melancholischen Menschen gewinnen.

These cities may change
but there always remains
my obsession

Through silken waters
my gondola glides
and the bridge - it sighs


Dank an Huflaikhan (für die Ermutigung), der soeben einige bemerkenswerte Zitate zur Zeit bringt (hier und hier).

Er ist ein Geschichtenerzähler, ein Talent mit Witz und Geist - Esprit - , dem immer wieder Gutes gelingt, ohne künstlerischen Anspruch "Kleinkunst" hervorbringend. Nun will er nicht mehr 'interaktiv' sein, sondern unkommentiert schreiben. Die Gründe offenbart er nicht; er meint, sie gingen niemand etwas an. So will ich nicht nachfragen und auch nicht spekulieren. Er möge einfach er selbst sein. Semmelmann ist gut, Semmelmann muß sein. Basta.

1972 hörte ich ihre erste Single "Virginia Plain" nachmittags auf Radio Bremen und fand sie keineswegs besser oder schlechter als das ebenfalls in dieser Radiosendung vorgestellte "School's out" von Alice Cooper. Rückblickend ist letzterer Song musikalisch ein wenig platt, während mit Roxy Music etwas Neues begann. Aber beide brachten die rebellischen Gefühle meiner Pubertät wunderbar herüber: das war bereits Punk, lange bevor man es so nannte. Punk im Sinne von Power, aggressiven und/oder gewitzten Texten und Ungeschliffenheit der Produktion; Schmutz abseits des Hitparadengeschäfts, aber musikalisch gekonnt gemacht.

Während meiner Internetrecherche zu Roxy Music bekam ich Lust, ein paar Jahre weiter rückwärts zu gehen und hörte abends "The Piper at the Gates of Dawn" von Pink Floyd und "The Thoughts of Emerlist Davjack" sowie die Single "America" von The Nice; insbesondere weil ich Lust hatte, auf die Gitarrenarbeit (Syd Barrett/Pink Floyd, Davy O'List/The Nice) zu achten. Nicht etwa, weil sie rhythmisch absolut sattelfest klingen (im Gegensatz zu meinen Versuchen), oder weil sie durch Virtuosität glänzten (da wären viele andere Gitarristen vor diesen beiden zu nennen) - nein, weil beide die Fähigkeit hatten, ihren Gitarren lautmalerisch die seltsamsten Klänge zu entlocken. Bei Syd Barrett wird das Instrument zu einem lebendigen Wesen, das maunzt und jault und quäkt und sich eitel gebärdet ("Take up thy stethoscope and walk"), bei Davy O'List werden die Gitarrentöne zum Bestandteil eines sich rasch ändernden Klangbildes der erwachenden Großstadt ("Dawn").

Am nächsten Tag las ich in einer Biographie, daß eben dieser Davy O'List für ein paar Monate Roxy Music angehörte, bevor die Band in Phil Manzanera den passenden und endgültigen Gitarristen fand. Vielleicht war er technisch bereits einfach zu gut und hatte zu ausgeprägte eigene Vorstellungen von der neuen Musik, die Brian Ferry und Brian Eno kreieren wollten. Mit Andrew Mackay (Oboe und Saxophon, später auch keyboards) hatten sie bereits einen klassisch ausgebildeten Musiker mit eigener Vision in ihren Reihen. Bryan Ferry genügte die Konkurrenz, die ihm Eno und Mackay machten, völlig. Erst nachdem Eno 1973 die Band verlassen hatte, weil er seine musikalischen Vorstellungen nicht gegen Ferry durchsetzen konnte, durften sich Mackay und Manzanera kompositorisch an Songs beteiligen, dafür fiel allerdings die freie Improvisation, die zuvor Teil manches Songs war, weg. Doch an den ersten beiden LPs - "Roxy Music" und "For Your Pleasure" - wirkte Eno noch als Spezialist für elektronische Sounds und ein wenig als Produzent mit.

Von Roxy Music hörte ich erst 1973 wieder, als ein Mitschüler mir die zweite LP vorspielte. Ich war sofort ein Fan der Musik. Das lag an der aufregenden Verbindung von Rockklischees, klassischen Zitaten und elektronischen Soundexperimenten (die hier im Gegensatz zur ersten LP in einen homogenen Gruppensound umgesetzt sind), den gewitzten und anspruchsvollen Texten sowie dem Charisma des Sängers und Komponisten Ferry, dessen bisweilen tuntige Poserei auf einer Welle mit David Bowie, Lou Reed und Queen lag und im Glam-Rock viele Nachahmer fand. Und, verdammt nochmal, die Songs waren unerhört gut!

There's a new sensation
a fabulous creation
a danceable solution
to teenage revolution


Mit diesen Zeilen, von der Band in staccato begleitet, beginnt das Album "For Your Pleasure" und der Song "Do The Strand" (Anmerkungen zum Songtext). Und mit dem Innencover dieser LP endet der erste Teil meines Rückblicks. Im zweiten Teil: mehr über die Musik, den Höhepunkt "Stranded", den Weg in den Mainstream und der Versuch eines Vergleichs mit 10cc.

 

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