1968
aus aller Welt
ballaballa
Beobachtungen in der Natur
charmsing
deutsche kenneweiss
Dicki TV
Dickimerone
Dickis Reisen
die kleine Anekdote
dirty old town
Empfehlung
Erwins Welt
Eugen
in eigener Sache
Java
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
icon

 
Oft führe ich Selbstgespräche. Dazu braucht es nicht mehr als mich selbst, einen Gesprächspartner (Person, fiktiv; kurz Pf) und einen Anlaß.

Ich: Heute war ich beim Friseur. Was meinst du?
Pf: Du hattest schon mal mehr Haare.
Ich: Du hast den falschen Text. In meinem Drehbuch steht: So gut hast du zuletzt vor 10 Jahren ausgesehen.
Pf: Was war denn vor 10 Jahren?
Ich: 1995.
Pf: Nein, ich meine, weshalb hast du denn vor 10 Jahren so gut ausgesehen?

Aua.

hieß der Untertitel einer Sendreihe im ZDF, in der vor unlauterem Kundenfang bis hin zum Betrug gewarnt wurde. Damals waren noch die Klinkenputzer unterwegs und die Drückerkolonnen. Schnee von gestern. Außer Trickdieben, dem Roten Kreuz und den Zeugen Jehovas geht heute kaum noch jemand von Tür zu Tür. Stattdessen gibt es Call-Center und Telefon-Marketing, wovor leider - soweit mir bekannt - keine Sendung warnt, obwohl sich mit Beiträgen über die diversen Machenschaften bequem ein wöchentliches Magazin betreiben ließe.

Dreimal in diesem Jahr versuchte man bereits, mich zur Änderung meines alten Telefontarifs zu bewegen, und ich lehnte jedesmal kategorisch ab, ahnend, daß es trotz aller beschworenen Vorteile am Ende teurer kommen werde. Außerdem kaufe ich nichts am Telefon. Ich bin doch nicht blöd!

Neulich kam der vierte Anruf. Die Telekom habe meinen Tarif umgestellt, das werde jetzt gemacht, weil es für die Kunden günstiger sei, und zwar deshalb, deshalb und deshalb. Zusätzlich hätte ich dann auch dies und das. - Aha. - Ja. Ich sei doch der wahre Dicki und wohne bei twoday.net? - Ja. - Dann werde sie mir die Unterlagen zuschicken. - Gut. Danke.

Na klar, es hätte mir nicht nur seltsam vorkommen sollen, daß so mir nichts, dir nichts ein Tarif ohne Rückfrage umgestellt wird; alle Alarmglocken hätten schrillen müssen. Weshalb? Drei Tage später wurde mir eine Auftragsbestätigung zugestellt, in der man mich zu meiner Wahl beglückwünschte und mir die Umstellung des Tarifs - gemäß meinem Auftrag - ankündigte. Was nebenbei eine Verteuerung von monatlich 2,50 Euro bedeuten würde.

Ich konnte bei der Telekom die Rückgängigmachung veranlassen. Ein freundlicher Herr versprach dort außerdem, der mit der Akquise betrauten Firma eine Abmahnung zu schicken: "Wir sind ein seriöses Unternehmen." Bevor er dann die nötigen Schritte veranlaßte, um meinen angeblichen Auftrag zu stornieren, versuchte er mir die Vorteile des neuen Tarifs zu erläutern.

Vorher war ich noch bei den Verbraucherschützern, um mich nach geeigneten Maßnahmen für den Fall des Falles zu erkundigen. Dort sammelt man derzeit Unterschriften für einen Protest, weil der Etat demnächst erheblich gekürzt werden soll. Kann das nicht verhindert werden, droht Ende des Jahres der Konkurs ...

Da sitze ich mit zwei angefangenen Büchern (die ich schon kenne) und werde wohl keines zu Ende lesen. Das eine ist "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" von Jaroslav Hasek, das ist mir zu weit weg, das andere "Das nächste Spiel ist immer das schwerste" von Ror Wolf, das ist mir auch zu weit weg. Haben aber beide ihre guten Seiten.

"Benehmen Sie sich nicht so blöd!"
"Ich kann mir nicht helfen", antwortete Schwejk ernst, "man hat mich beim Militär wegen Blödheit superarbitriert. Ich bin amtlich von der Superarbitrierungskommission für einen Idioten erklärt worn. Ich bin ein behördlicher Idiot."


Kurz gesagt (slawischer Akzent): "Gestatten: Schwejk, Josef, beheerdlich anerkannter Trottel." An ihm beißt sich die k.u.k. Behörden- und Militärmaschinerie, auf Anpassung oder Renitenz eingestellt, die Zähne aus: schlichte Gutmütigkeit ist nicht vorgesehen. In der zweiten Hälfte gleitet die (vollkommen wahre) Groteske in Nationalismus ab, da mischt sich Bitter in das Vergnügen. Schade.

Der bekannteste (?), sprachliche Doppelbödigkeit ausschöpfende Fußballtext von Ror Wolf ist "der letzte Biß". Doch woher kommt die Sportschau-Reklame ("Unmöglich." - "Das ist doch nicht möglich." - "Ist denn das die Möglichkeit." usw.), woher die Werbung für Sport-Bild ("Äh." - "Äh." - "Äh." usf.)? Das ist den Hörfunkcollagen Anfang der 70er desselben Ror Wolf nachempfunden, die in diesem Buch als Abschriften teilweise vorliegen. Beispiel: Am Ende von "Merkwürdige Entscheidungen" haben wieder und abschließend die Vierunddreißig Radio-Reporter das Wort.

Schiedsrichter Frickel hat jetzt die Pfeife zum Mund genommen. Jeden Augenblick wird der Schlußpfiff kommen. Aber da kommt der Schlußpfiff dazwischen. Und im gleichen Augenblick kommt der Schlußpfiff. In diesem Augenblick. Und jetzt Schlußpfiff. Schlußpfiff. Schlußpfiff. Und der Pfiff, den sie hörten, ist der Schlußpfiff. Da pfeift Schiedsrichter Meuser aus Ingelheim die Partie ab. Genauso ist es und das Maß ist voll. Lieber einmal mehr pfeifen, als einmal zu wenig. Aber die Pfeife schweigt. -

Das ist mein Stichwort.

Die Wahl rückt näher, da mache ich mir schon so dann und wann Gedanken, welche Partei ich wählen werde. Klar, die Rechten sind Äh!, die Linken sind Bäh!, die Kleinen sind Hä!, bleiben also nur die vier Großen, der Grand Slam unserer Demokratie. Und deren Wahlplakate habe ich streng wissenschaftlich analysiert.

Die CDU/CSU will Deutschlands Chancen nutzen, finde ich klasse, "Deutschland", "Chance" "Nutzen", drei starke, positiv besetzte Begriffe für den Griff in die Kasse. Aber in der Aussage doch irgendwie schwammig.

Da langt die FDP ganz anders hin: sie will mehr. Super! sage ich, alle wollen mehr, die schießen diesmal auf 20 Prozent hoch. Aber dann komplizieren sie es wieder und wollen auch weniger. Na, Leute, das erklärt mal dem Wähler, da draußen im Lande.

Die SPD entdeckt alte Tugenden und ist dagegen. Genau, ich bin auch dagegen, wir alle waren schon immer dagegen. Halt! Wogegen ist die SPD? Gegen ihre eigene Regierungspolitik. Hm. Schon keimt der Verdacht, daß sie nach der Wahl wieder dafür sein werden. War wohl nix.

Einen ham wer noch: die Grünen. Die Grünen sagen Ja. Das kommt irgendwo total positiv. "Sag ja zu Joschka, sag ja zu grün" gefällt mir besonders gut, weil es mich an die Hörfunkreklame für Sel Meersalz aus den 60ern erinnert. Aber die Grünen als Ja-Sager? Erstaunlich.

Nach dieser erschöpfenden Analyse sind wir nun im Bilde; das wollen die Parteien. Ich werd's ihnen geben.

In jedem größeren Dorf gibt es zwei besonders wichtige Gebäude: die Kirche und den Dorfkrug; ab einer gewissen Einwohnerzahl mag ein Schützenplatz, eventuell eine Schützenhalle hinzukommen. Soweit ist das historisch gewachsen und dient, neben dem Tante-Emma-Laden, dem Gemeinschaftsgefühl der Dörfler (bzw. drückt dieses aus).

Dann - im Gefolge des Bauspargesetzes, vermute ich - entstanden die Neubauviertel; jene Gebiete, in denen sich Stadtflüchtige auf dem Lande ansiedelten. Mit ihnen kamen die klotzig dominanten Sparkassengebäude, regelrechte Trutzburgen in Stahl, Beton und Glas, die vom Selbstbild der neuen Feudalherren zeugen.

Der Stil der Neubauten kann grob in zwei Kategorien unterteilt werden: vor den 90ern - halbindividualistische Eigenheime aus unterschiedlichen Materialien und in unterschiedlicher Ausführung - und ab den 90ern - Legobauten, z.T. mit Dachpfannen in widernatürlichen Farben.

Häuser der zweiten Kategorie schießen im Bremer Umland (und nicht nur dort) wie Pilze aus dem Boden, umzingeln die originalen Ortschaften und ersticken jede Geschmacksregung. Außerdem stehlen sie Landschaft, vernichten Natur und pervertieren das gesunde Landleben (für meine Städternase allerdings immer ein wenig kloakenhaft), das sie zu gewähren versprechen, in gleichförmig leblose Communities der Abwesenheit von Geschmack und Empfinden.

Offenbar wohnen dort Leute, die, vom Zweifel unberührt, Jedem Glauben schenken, der ihnen sagt, daß Scheiße Gold ist - dann ist es für sie Gold - und Gold Scheiße - dann ist es für sie Scheiße. Selbstzufriedene Verlogenheit durchweht die aseptischen Häuserzeilen und vergiftet alle Seelen. Die Bewohner führen ein Leben aus dem Versandhauskatalog, schlimmer noch, aus dem Werbefernsehen. Die Kinder hätten es dort besser als in den verschmutzten und gefährlichen Städten, mögen sie argumentieren und niemals begreifen, daß ihre Kinder hier wie nirgends sonst dem Schmutz hemmungsloser Ichbezogenheit ausgesetzt sind. Was könnte für die seelische Gesundheit der Kinder gefährlicher sein?!

Ich werde keine zukünftige Revolution unterstützen, die nicht die Renaturierung dieser Neubaugebiete und die Resozialisierung ihrer Bewohner in Angriff nimmt. Attack!

 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma