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Alles nur Erdenkliche habe ich schon geträumt, aber noch nie einen Western, so auch letzte Nacht nicht, aber mir erschien da so eine vertraut scheinende, vierschrötige Gestalt - "Bist du der Primat der Politik?" fragte ich. - "So ein Unfug. Ich bin Walter Brennan." - "Ach, Old Stumpy", sagte ich von Herzen erfreut, "das ist mal schön. Und was machst du in meinem Traum?"

Das hätte ich wissen sollen: nicht er war in meinen Traum gekommen, sondern ich hatte ihn herbeigeträumt. - "Aber weshalb?" - "Damit ich dir von Rio Bravo erzähle." - "Na, dann erzähl mal." - Wie sie den Duke (also John Wayne) nach Strich und Faden verarscht hätten, weil der immer so korrekt war; Angie (Dickinson), Dean (Martin) und er selbst (Brennan). Niemand sonst als John Wayne würde je eine solch langweilige Rolle wie die des Sheriff John T. Chance übernommen haben, penibel, tugendhaft und immer Zielscheibe milden Spotts.

Wenn ihm nicht Angie den Kopf dusslig gequatscht - "Hat die sich wirklich ausgezogen, hinter dem Paravent?" - "An dem Tag hatte ich drehfrei." - äh, wenn Dean ihm nicht immer mit seinen Ex- und Nicht-Ex-Trinkerallüren in die Quere - "Wie hat der das eigentlich geschafft, den Whisky fein säuberlich aus dem Glas in die Flasche zurückzuschütten?" - "Alles nur eine Frage der Perspektive; wir hatten eine übergroße Flasche, aber dann brauchten wir doch ein noch größeres Modell. Mann, was haben wir damals gesoffen!" - äh, und wenn nicht er selbst immerzu den Quengel-Opa gemacht - "Sag mal, die Musizierszene: wieso um Himmels Willen hat denn Howard Hawks die Szene mit Waynes taktschlagendem Bein in den Film geschnitten?" - "Übermüdung, Verzweiflung, was weiß ich, mir sagt ja nie jemand etwas. Ein ganzer Drehtag ist für die Einstellung draufgegangen, aber der Duke war so unmusikalisch wie Brot, der konnte nicht mal einen Marschrhythmus halten." - äh, und wenn nicht Ricky (Nelson) den lässigen Meisterschützen - "Der war aber auch langweilig." - "Da kannst du einen drauf lassen." - "Hast du eigentlich selbst das Dynamit geworfen, oder war das ein Stuntman?" - "Das war ich selbst, aber es war kein Dynamit." - "Ach so."

Das war gewiß eine meiner saudümmsten Fragen, und gleich darauf verdünnisierte sich die Erscheinung auch.; kann ich ihr nicht verdenken. Weil ich so in Stimmung war, wollte ich mit Angie Dickinson weiterträumen, aber irgendwie wollte die nicht in meinen Traum. Stattdessen träumte ich von einem Sägewerk und erwachte von meinem Schnarchen. - Western, um das noch zu sagen, erwecken immer den Eindruck, als kämpfe das Gute (na gut, der Gute) gegen das Böse. In der Wirklichkeit bekämpft das "Böse" das "Gute"; versucht das Banale alles Geistige zu ersticken, das Stumpfsinnige alle Erkenntnis zu negieren, das Selbstzufriedene alle Ideale einzuebnen. Und dagegen helfen auch keine rauchenden Colts auf der Bonanza am Fuß der blauen Berge.

Aus einem Kapitän, der gelassen sein Boot steuert, wird durch geschickte Übersetzung ein Akrobat: Kapitän Jake blieb am Steuer; er stand davor und betätigte es mit der linken Hand hinter seinem Rücken. Dieser Teufelskerl!

Im Interesse des Schutzes Ihrer Rechte müssen Sie mit Einschränkungen derselben rechnen. - Jawoll Herr CEO!

Daß wir seit dem Mauerfall vor 20 Jahren in einer neuen Bundesrepublik leben, in der Freiheit und Demokratie großgeschrieben werden, macht kaum ein Vorfall so deutlich, wie jene Durchsage neulich auf der Feier des Mauerfalljubiläums: "Das Brandenburger Tor kann aus Sicherheitsgründen leider noch nicht geöffnet werden." zitiert eine ansonsten sehr feierbejahende Rundfunksendung mit dem Hinweis, dies sei ein Schönheitsfehler. Aber wo war die Schönheit?

Schokoladenkennern ist keine Neuigkeit, was ich heute den Kollegen zurief: "Der Sarotti-Mohr ist tot!" und "Seht mal." Da war der schwarze Mann gegen einen Güldenen ausgetauscht. So einfach läßt sich der Mohr aber nicht abschieben ("Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehn", ja? Das hätte manch einer wohl gerne) und im Internet ist er dementsprechend präsent. - Ganz unter uns: dementsprechend ist ein richtig bescheuertes Wort.

Doch nicht nur freundliche Zeitgenossen (mit schokoladeverschmierten Lippen beispielsweise) lassen ihn dort leben, sondern trist humorlose Köpfe widmen ihm Fotogalerien, um zu beklagen, daß er noch immer nicht komplett aus Deutschland vertrieben worden sei. Vergeblich suchte ich auf jener Seite nach Forum, E-Mail, Kommentarfunktion - mit diesen Leuten ist eine Kommunikation nicht möglich. Vielleicht wollen sie einfach nicht zuhören. Sonst sagte ich ihnen in etwa dies:

Liebe Antirassisten und Mohrenretter, eure Abschichten mögen ehrenwert sein, doch bin ich nicht einverstanden, denn beinahe jede der von euch als Anklage oder Vorwurf veröffentlichten Abbildungen ruft bei mir unweigerlich gute Laune hervor. Ob Mohrenstraße, Mohren-Apotheke, Negerkuß, Sarotti-Mohr - ich möchte nichts davon missen. Möglicherweise ist Kultur, mit allen historisch gewachsenen Vorzügen und Nachteilen, einfach eine Angelegenheit für reife Menschen mit Humor. Darüber gründlich nachzudenken empfiehlt (mit den üblichen Grüßen) der wahre Dicki.

Das konnte ich den Leuten also nicht schreiben, da bei ihnen die Kommunikation als Einbahnstraße angelegt ist. Dafür kann ich aber hier schreiben, daß ich für Eiferer jeglicher Couleur nichts übrig habe. Und daß es eine bestimmte Sorte Eiferer gibt, die durchaus dem Neuen aufgeschlossen gegenüber stehen: sie machen eben eine feste Regel daraus und verlangen, daß alle Menschen nach dieser Regel leben. Solch eine Regel kann auch der Antirassismus sein. Peinlich nur, daß trotz aller Proteste gegen rassistische Praktiken unter dem politisch korrektem Mäntelchen die Vertreibung des Mohren aus Deutschland häßlich wie je hervorlugt.

Seltsam, daß ich das nie zuvor bemerkt habe; der fünfte Abschnitt der Schatzinsel (Treasure Island von Robert Louis Stevenson) endet mit: "Bring mir eine Fackel, Dicki!" sagte Silver, als ich gefangen war. - Verwirrend. Zumal Dicki auch noch eine Seite aus der Bibel schneidet (was ich niemals tun würde), um den schwarzen Fleck daraufzumalen, weswegen er im weiteren Verlauf von schweren Gewissensbissen geplagt wird. Und nie zuvor war in dem Roman von einem Dicki die Rede. Wenigstens zählte er zu den Überlebenden des Abenteuers, wenn er auch auf der Schatzinsel zurückgelassen wurde.

Auf jener Schatzinsel, die ständig ihre Größe zu verändern scheint; eben ist sie noch so kompakt, daß man sich ständig auf ihr begegnet, schon ist sie so umfangreich, daß eine Tagesreise kaum reicht, sie zu umsegeln. Ähnlich veränderlich, von großer Anpassungsfähigkeit, ist Long John Silver, erst freundlich getarnter Anführer der Meuterer, dann doppelter, schließlich dreifacher Verräter, bis er sich vollends aus dem Staube macht. "Er selbst schlief friedlich und schnarchte laut, aber er tat mit leid, so schlecht er auch war, wenn ich an die Gefahren dachte, die ihn umgaben, und den schändlichen Galgen, der ihn erwartete." Richtig, da klingt bereits das zwiespältige Jekyll-Hyde-Motiv an: liebenswert und doch ein Satansbraten ...

Stevenson läßt sich in einem Aufsatz über Entfernungen, Windrichtungen und Mondphasen aus, der mich glauben macht, hieraus habe sich Arno Schmidt's Mondschein- und Kalenderpeniblie gespeist, aber das wird jetzt zu speziell. Lassen wir es dabei, daß Dicki Attenborough die Schatzinsel verfilmt haben sollte - das wäre so ergreifend geworden, daß er selbst darüber in Tränen ausgebrochen wäre. "Aber Dicki ließ sich nicht trösten; bald sah ich deutlich, daß der Bursche krank wurde." Fehlte nur noch, daß es auf Treasure Island einen Borderline Hill gegeben hätte.

 

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