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Zwischen Hochhäusern ein Stahlnetz aufspannen, auf dem Flugzeuge landen können - ist das eine gute Idee? Joel McCrea ist davon überzeugt und bietet seiner anspruchsvollen Frau Claudette Colbert ein Luxusleben in einem Luxusappartement, nur leider bevor er einen Geldgeber für seine Erfindung an Land gezogen hat. Der Vermieter zeigt - etwas realistischer als Joel eingestellt - einem Ehepaar als zukünftige Mieter die Wohnung. Der schwerhörige Alte, ganz nebenbei Millionär, tapert herum, besieht Schlafzimmer, Bad und schließlich auch Claudette, die ihn beeindruckt. Sie solle sich von der momentanen Notlage nicht unterkriegen lassen, meint er, und drückt ihr einen Stapel Geldscheine in die Hand.

Joel ist nicht nur erfolglos, sondern auch eifersüchtig, versteht an ihrer Schilderung der Begegnung, die ihr das schöne Geld beschert hat, alles falsch, und Claudette, die das Geld zur Tilgung von Schulden ausgegeben hat, begibt sich zum Bahnhof um von New York nach Miami zu fahren zwecks Scheidung. Das wird mit viel Komik erzählt, ist aber erst der Anfang. Auch das Ende verläuft komisch bis es happy wird, aber der Höhepunkt ist die Bahnfahrt. Denn: neuer Absatz.

Denn: Claudette ist völlig blank und schafft es mit Trick siebzehn, von einem Jagdclub (ausschließlich aus älteren Millionären bestehend) in den Zug eingeladen zu werden. Die alten Jungs sind begeistert von diesem Fang und bringen ihr, gnadenlos in ihr Schlafabteil eindringend, ein Gute-Nacht-Ständchen, das von den Jagdhunden mit Geheul begleitet wird.

Derweil zwei Jäger im Salonwagen - schwer angeduselt bereits - über die Sangeslust ihrer Kollegen spotten und mal probehalber imaginäre Tontauben (oder sind es ebenso imaginäre Wachteln?) anvisieren, was zu einer Wette führt, die einen der beiden verleitet, sein Gewehr zu laden, und beide dazu bringt, vom schwarzhäutigen Kellner zu verlangen, Cracker durch den Wagen zu schleudern, die sie mehr oder weniger zur Strecke bringen, zumindest treffen sie die Fenster. Der Klang der Schüsse bringt die Sangesbrüder zur Räson, alle stürzen zu ihren Gewehren und ballern den Salonwagen zusammen. Claudette versucht in einen anderen Waggon zu fliehen, wird aber bemerkt, und der Jagdclub hetzt mit den Hunden hinter ihr her.

Sie flüchtet in eine Schlafkoje, na und so weiter, unverheirateter Millionär mit zigmal geschiedener Schwester, Joel ist hinterher gereist, alle treffen aufeinander (außer dem Jagdclub, dessen Waggon vom Zug abgehängt worden ist), aber es bleibt alles ein bißchen verhalten nach dem Wahnsinn der volltrunkenen Jagdgesellschaft.

Bleibt festzustellen, daß Fortbewegungsmittel Bewegung in Komödien bringen, ob Eisenbahn (Manche mögen's heiß) oder Bus (Es geschah in einer Nacht). Richtig eingesetzt sind sie Brausepulver, das für aufschäumendes Vergnügen sorgt, und in "Atemlos nach Florida" schäumt es gewaltig. Mein lieber Herr Gesangsverein Jagdclub!

Die Ouvertüre nimmt das Ende der Welt als planetaren Liebesakt vorweg. Zu 'Tristan und Isolde' verschluckt der riesige Planet die Erde so lustvoll, dass es Stanley Kubrick gefallen hätte. "Lustvoll"? Ich krieg n Schluckauf!

Die Macherinnen der EMMA haben dieselben Probleme wie die 68er und deren Erben: erstens sind sie Kulturbanausen, und zweitens legen sie eine Schablone an die Welt an, die von ihren eigenen Familienproblemen geprägt ist. Weiter will ich darauf nicht eingehen; ich füge aber hinzu, daß ein Kunstwerk nur von jenen verstanden wird, die "etwas dazu zu tun" haben, keinesfalls von Konsumenten; denn die sehen nur mit den Augen, hören nur mit den Ohren und nehmen überall nur die Oberfläche wahr.

Der Vorspann - Ouverture - von "Melancholia" enthält schon die meisten phantastischen Bilder und stellt sofort klar, daß es sich nicht um Unterhaltungskino handelt. Ich werde an die experimentellen deutschen Filme der frühen 70er erinnert, deren Geschichten ich nie richtig verstand, die aber eindrucksvolle Bilder zeigten.

Die EMMA läßt eine Kritikerin Lars von Triers zu Wort kommen, welche allerlei über die Frauen in von Triers Filmen behauptet. Und die beiden Schwestern in Melancholia? Die eine begegnet der Wirklichkeit tieftraurig, die andere voller Angst. Der Mann hingegen sagt, die Wissenschaft irre nicht, also die wahre Wissenschaft, und der Planet Melancholia werde die Erde passieren, ohne Schaden anzurichten.

Wie es sich für Zwangsoptimisten gehört, wählt er den Tod, als seine Welt zusammenbricht. Die miesepetrige Frau, die nicht einmal der Hochzeit mit dem geliebten Mann Glücklichkeit abgewinnen konnte, hat die Kraft, ihrer verängstigten Schwester und deren Kind in den letzten Minuten Trost zu spenden.

Seltsam, daß eine Kulturkritikerin solch simple Aussage nicht erkennen kann und stattdessen von Trier alle Frauenverachtung der Welt andichtet. Liebe Kulturkritikerin, sage doch einmal, welche Verachtung du erleiden mußtest; bestimmt wird es dich erleichtern, für die wirklichen Übel in deinem Leben bedauert zu werden. Und beantworte mir bitte eine Frage: woher nimmst du die Gewißheit, daß die Kollision von Erde und Melancholia als "lustvolles Verschlucken" gezeigt wird? Das klingt nach einem Blowjob; den gibt es aber nur in deiner Wahrnehmung.

Was wirst du tun, was wirst du fühlen, wenn Melancholia kommt?

Gestern schickte mir eine Bekannte den Link zu einem ihrer Lieblingssongs. Der solle dereinst auf ihrer Beerdigung gespielt werden. Woran erinnerte mich der Anfang nur? Ach nee, etwa daran? Das werde ich der guten Frau natürlich vorenthalten, sonst hat sie keinen Spaß mehr am Sterben und wird - na, undead.

ist kein Hirngespinst, sondern wurde in den späten 60ern durch Marktanalysen von Marketingagenturen in den USA empirisch nachgewiesen. Der Beweis: die aufgrund ihrer Studien auf rund zwölf unterschiedliche Typen junger Menschen zugeschnittenen Vermarktungskampagnen für Industrieprodukte waren finanziell erfolgreich; die als nonkonformistisch geltenden Zielgruppen erwiesen sich als gute Konsumenten, wenn man verstand, Waren ein nonkonformistisches Image zu geben. Was damals galt, gilt heute immer noch. Ob Veganer, Antifanten, Esoteriker oder Altlinke: in ihrer Perönlichkeitsstruktur gleichen die Angehörigen der verschiedenen Szenen sich nicht nur wie ein Ei dem anderen, sie lassen sich auch problemlos für Marketingkampagnen einspannen, wenn man es versteht, sie mit sorgfältig gewählten Phrasen glauben zu machen, sie verwirklichten ihre Andersartigkeit in einem menschenfeindlichen Geschäftsmodell. Dieser Typus wird nicht begreifen, daß dieses Lied auch auf ihn gemünzt ist.

Vor mindestens zehn Jahren hatte ich zuletzt einen Faßbinder-Film gesehen, einen der frühen von Ende der 60er, und der hatte mich fürchterlich genervt. Abgefilmtes Theater, hätte ich geschimpft, wenn ich mir damals schon mehr Gedanken über Kino gemacht hätte. Vor allem ärgerte mich, daß die Personen nicht stimmig waren, sie folgten einen Art Hauruckpsychologie.

Das wäre es für mich gewesen mit Faßbinder, hätte ich nicht 1973 Welt am Draht voll atemloser Spannung im Fernsehen verfolgt. Voriges Jahr kaufte ich die schön gemachte Edition mit vielen Extras auf zwei DVD und war begeistert: Faßbinder hatte seinen Stoff gefunden! Die Künstlichkeit, die Scheinrealität, die Stilisierung - auf einmal passte alles und ergab ein faszinierendes Bild.

Wir erinnern uns: In einem Institut für Computersimulation werden Wirtschaftsvertreter vorstellig und wollen die Simulation zur Marktforschung nutzen. Der opponierende Programmleiter verschwindet einfach, als habe es ihn nie gegeben. Sein Assistent findet heraus, daß die so real scheinende Welt auch nur eine Simulation ist. Im happy end (ist es wirklich happy?) wird er aus der Simulation in die reale Welt transferiert. Der Schluß läßt die Frage offen, ob diese reale Welt wirklich oder simuliert ist.

In der simulierten Welt stimmt das Verhalten der Menschen: es ist eine Simulation, also haben die Objekte im Computer (als Scheinsubjekte) künstlichen Charakter, agieren künstlich d.h. im begrenzten Rahmen dessen, was im Computer als ihre Persönlichkeit angelegt worden ist. Die simulierten Menschen reden nicht miteinander, wie es authentische Menschen tun; sie bewegen sich wie auf einer Bühne und sprechen für das Publikum, aber nicht miteinander.

Der Roman, auf dem Faßbinders zweiteiliger Fernsehfilm fußt, ist visionär, und visionär ist durch seine typischen Manierismen (die Faßbinder in all seinen Filmen in Szene setzte, weshalb wohl) die filmische Umsetzung: vierzig Jahre später würden es die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß unsere Welt zunehmend von Wesen bestimmt wird, die Menschsein simulieren, wenn die Menschheit noch die geistige Gesundheit besäße, die zu solcher Erkenntnis erforderlich ist. Die Kälte dieses Films - die Kälte der im Computer simulierten Wesen, die Kälte der Interieurs und Exterieurs - kennen wir aus unserem Erleben der heutigen Welt und ihrer Protagonisten.

Als steckten wir selbst in einer Computersimulation, finden wir uns als Objekte behandelt; ausgemessen, kategorisiert, steuerbar, auf Werte reduziert, die G-e-w-i-n-n buchstabiert werden. Diese Welt funktioniert prächtig für jene, die das Räderwerk (zu) bewegen (glauben), und deshalb zweifeln sie nicht an der Richtigkeit ihres Tuns. Daß sie dabei über Leichen gehen, ist bedauerlich. Aber daran sind die Leichen doch selbst schuld, nicht?

 

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