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Daß Der Untertan von Heinrich Mann im Kaiserreich spielt und Leben und Aufstieg eines Unternehmers schildert, wird wohl noch bekannt sein. Daß diese Schilderung aber examplarisch ist und mehr über 'die Deutschen' erzählt, als ihnen auch heute noch lieb sein kann, macht seine Aktualität aus. Kurt Tucholsky bezog sich auf die Weimarer Republik, doch erkenne ich in seinen Worten - aus einer Literaturkritik über den Roman Der Untertan - eine erschreckende Allgemeingültigkeit:

Denn diese beiden Charaktereigenschaften [...] sind am Deutschen auf das subtilste ausgebildet: sklavisches Unterordnungsgefühl und sklavisches Herrschaftsgelüst. Er braucht Gewalten, Gewalten, denen er sich beugt, wie der Naturmensch vor dem Gewitter, Gewalten, die er selbst zu erringen sucht, um andere zu ducken. Er weiß: sie ducken sich, hat er erst einmal das 'Amt' verliehen bekommen und den Erfolg für sich. [...]

Die alte Ordnung, die heute noch genauso besteht wie damals, nahm und gab dem Deutschen: sie nahm ihm die persönliche Freiheit, und sie gab ihm Gewalt über andere. Und sie ließen sich alle so willig beherrschen, wenn sie nur herrschen durften! Sie durften.
[...] Und jeder strebte nur immer danach, so ein Amt, so eine Stellung zu bekommen - hatte er die, ergab sich das Übrige von selbst. Das Übrige war: sich ducken und regieren und herrschen und befehlen.

Die vollkommene Unfähigkeit, anders zu denken als in solchem Apparat, der weit wichtiger war denn alles Leben
[...]

Es ist ja nicht wahr, daß versipptes Cliquentum und gehorsame Lügner ewig und untrennbar mit unserem Lande verknüpft sein müssen. Beschimpfen wir die, loben wir doch das andre Deutschland; lästern wir die, beseelt uns doch die Liebe zum Deutschen. Allerdings: nicht zu diesem Deutschen da. Nicht zu dem Burschen, der untertänig und respektvoll nach oben himmelt und niederträchtig und geschwollen nach unten tritt, der Radfahrer des lieben Gottes, eine entartete species der gens humana.

Unbezähmbare Angelique hat mich daran erinnert, daß in meiner Mutter Bücherregal ein halbes Dutzend Bände Angélique standen, des großen Bucherfolges Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre, im Laufe der Zeit in viele Sprachen übersetzt und in zahlreichen Pracht- und Sonderausgaben veröffentlicht. Ich erinnerte mich, wie ich als Kind mit Neugier diesen fremden Namen entziffert hatte, und mit neuerwachter Neugier erstand ich in einem Ramschladen vor wenigen Wochen zwei Bände, die ich mittlerweile geradezu verschlungen habe.

Man muß Angélique einfach lieben, die echte Angélique; oder nicht eigentlich die echte, vielmehr die originale, von Anne Golon erschaffene. Oder nicht eigentlich sie, sondern ihre und ihrer Abenteuer Schilderung: vorausgesetzt, man hat einen guten Humor. Dann können die in blumigsten Worten beschriebenen Banalitäten, kann die in großartige Schauplätze hineinversetzte enge Erlebniswelt durchaus entzücken. Der von quirinus gelegentlich angeführte Tobi würde beim Lesen ein ums andere Mal aufjuchzen. Leute, das ist Edelkitsch, das müßt ihr gelesen haben!

Außerdem, so glaube ich, lehrt einen Mann die Lektüre dieser Bücher (eingedenk der Tatsache, daß Millionen Frauen die Romane als Wortwerdung ihrer Träume gelesen haben) mehr über das Wesen der Majorität der Frauen als zwanzig Ehejahre, auch heute noch, fast fünfzig Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes der Angélique-Saga (Frauen ihrerseits sollten Jerry Cotton, Perry Rhodan oder am besten gleich Karl May, wegen der geschliffenen Dialoge vielleicht sogar Raymond Chandler, lesen, um das Wesen der Männer zu erfassen).

Der Marquis de Contenance zitiert beinahe wörtlich die allerersten Sätze, die einen Vorgeschmack auf das geben, was den Leser als volle Wucht des Angélique-Universums packen, verschlingen und vernichten wird. Einmal, ein einziges Mal, will ich es aussprechen: Angélique ist eine dumme Gans. Aber dermaßen grandios!

 

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