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ist Teil der Altstadt und die Hauptverkehrsstraße des Stephaniviertels bzw. der Stephansstadt, wie sie früher genannt wurde, überragt vom Glockenturm der Kirche Sankt Stephani. Im vergangenen Jahr wurden Umbauten begonnen, um die ein wenig ins Abseits geratene Faulenstraße "wiederzubeleben", nämlich durch einen Neubau von Radio Bremen und die Ansiedling verschiedener Geschäfte. "Faulenquartier" hieß es dann immer in den Meldungen und Presseerklärungen.

Um den Namen der Straße rankt sich eine alte Stadtlegende, "Die sieben Faulen": Als die Stephansstadt noch nicht gebaut war, befanden sich in dortiger Gegend nur Kohlhöfe und Ackerland. Aber die Ländereien waren nur von mittelmäßigem Ertrage, denn ein großer Teil bestand aus Sandboden, und die niedrig gelegenen Striche waren der Überschwemmung der Weser ausgesetzt. So beginnt die Geschichte eines Ehepaares und seiner sieben Söhne, deren Besitz groß, aber besonders sandig und morastig war. Für den Vater gab es wenig zu tun; der Kohl war versandet, die Heuernte gering, statt einer Kuh hielt er deshalb nur eine Ziege. Die sieben Söhne wurden trotzdem groß und stark und gingen auf Arbeitssuche. Da man sie auf dem elterlichen Hof nie hatte arbeiten sehen, hieß man sie die sieben Faulen, und da sie als solche stadtbekannt waren, wollte ihnen niemand Arbeit geben. Sie zogen in die Ferne und kehrten nach geraumer Zeit, die Köpfe voller Pläne, zurück.

Als erstes entwässerten sie das Land, indem sie Gräben aushuben, und bauten dann einen Damm gegen die Überflutungen. Die Leute sagten: "Der rechtschaffene Alte war sich nicht zu schade, sein Heu aus dem Wasser zu bergen, die sieben Faulen aber machen es sich bequem." Die Söhne zogen Hecken um die Felder, und wieder gab es Gerede: "Sie sind zu bequem, nachts im Kohl zu sitzen und die Hasen zu verscheuchen." Jeder baute ein Haus für sich und seine Frau: "Sie sind zu faul, sich im Elternhaus einzuschränken." Den Weg, an dem die Häuser standen, pflasterten sie: "Zu faul, ihre Schuhe und Beinkleider zu säubern." Schließlich hoben sie einen Brunnen aus: "Sie haben keine Lust, ihr Wasser aus der Weser herbeizuschleppen. Sie sind eben die sieben Faulen." - Und angeblich ist die Faulenstraße nach ihnen benannt.

Unlängst sagte einer dieser Politiker, die immer vom "Faulenquartier" und dessen "Belebung" schwätzten, man solle wieder "Stephaniviertel" sagen - "Faulenquartier" habe einen schlechten Klang. So sind sie; zu dumm, um die Geschichte(n) ihrer Heimatstadt zu kennen. Da sie alt genug sind, um in der Schule noch das Buch "Bremen - einst und jetzt" bekommen zu haben, in dem auch die Geschichte "Die sieben Faulen" steht, waren sie wohl zu faul zum Lesen. Hoffentlich sind sie dann auch zu faul, über eine Umbenennung der "Faulenstraße" zu sinnen, diese humorlosen Tröpfe. Vor lauter Seriosität sind die bestimmt seit Jahren nicht mehr aufs Klo gegangen.

"Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Firmen", das ist das Credo der heutigen Republik. Ich sag schon gar nicht mehr Demokratie. Alle haben sie eine bezahlte Nebentätigkeit, die ihre Haupttätigkeit ist. Sie drängeln sich auf die Listenplätze, um sich wählen zu lassen und ihre Firma/en im Parlament zu vertreten. Autokonzerne, Banken, Versicherungen und Beraterfirmen stehen ganz hoch im Kurs. Wozu noch Diäten zahlen an Voksvertreter, die weder Volk noch Parteien repräsentieren, sondern Allen die jeweiligen Firmeninteressen aufschwatzen? Wie im Bund, so im Land, so in der Gemeinde.

"VW 12%, Daimler-Chrysler 7,5%, Dresdner Bank 17%, Roland Berger 6%, Müllermilch stagniert bei 3% und schafft wieder nicht den Sprung ins Parlament. Diese Sendung wird ihnen präsentiert von E-on. Nun zur Gewinn- und Verlustrechnung..." So müßten die Wahlen präsentiert werden, dann wüßte jeder, aber auch wirklich jeder Bescheid. Eben deshalb tun sie so, als gäbe es noch eine funktionierende Demokratie.

Ich gehe mit der Zeit und biete mich als Werbeträger an. Weshalb mich nicht in "das grüne Band der Symphatie" wickeln, oder den "guten Stern" am Hemdkragen spazierenführen, oder "Fortschritt durch Technik" unter den Schuhsohlen tragen? Ich würde sogar auf offener Straße "Sail away" röhren. Hey, wir leben in den Nullern!

Sergio Leone, das muß mal deutlich gesagt werden, hatte keine Ahnung. Es muß natürlich "il netto, il brutto, il tara" heißen. Aber sei's drum. "Il buono", in der deutschen Fassung immer "der große Blonde mit dem schwarzen Schuh" genannt - dabei war Clint Eastwood gar nicht blond - bewahrt "il brutto" davor, gehängt zu werden. Fortan läßt sich Eli Wallach (der heißt wirklich so, jedenfalls pseudonym) immer beinahe hängen, Clint kassiert das Kopfgeld für ihn und zerschießt im letzten Augenblick den Henkersstrick. In der Zwischenzeit hat Lee van "Tara" Cleef Wind von einem Goldschatz bekommen, für dessen Inbesitznahme er bedenkenlos mordet. Er verkörpert also die heutigen Eliten, und zwar ziemlich ugly.

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Durch einen dummen Zufall erfahren Clint und Eli das Versteck des Goldes, und eine wilde Jagd beginnt. Wie immer in Western der 60er Jahre - das war schon eine wilde Zeit! - wird eine Brücke gesprengt, und letzten Endes versammelt man sich effektiv auf einem Friedhof; der eine oder andere soll hier seßhaft werden. Das Augenspiel beginnt: wer hat den ätzendsten Blick, wer meuchelt seinen Gegner mit den Augen? Natürlich niemand, die Colts haben das letzte Wort, und der von Clint spricht zuerst. Abgang "il cattivo".

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Eli darf nun buddeln. Dann bekommt er einen Strick um den Hals gelegt und muß auf einem Grabkreuz herumbalancieren, bis Clint ihn aus sicherer Entfernung freischießt. Dieses Freischütz-Motiv griff übrigens Melville in "Vier im roten Kreis" auf, wo der versoffene Yves Montand freihändig schießend eine Alarmanlage - na, das führt hier zu weit.

Jedenfalls, der einsame Held reitet in den Horizont. Thema verfehlt, aber in Farbe, großes Kino.

Tonbandstimme: "Guten Tag. Hier ist Helga Meyer-Ahrenz von ihrem persönlichen" -
Dicki: "Arschloch!"

Wie man weiß, habe ich beim Wichteln "Mai in Paris" von James Jones gewonnen. Ein seltsamer Roman, der gut gemacht ist, aber mir wenig Freude bereitet. Der Autor versteht sein Handwerk, das muß man anerkennen. Er dokumentiert die wichtigsten Geschehnisse des Pariser Mai 1968, bezieht "die Revolution" in die Handlung ein, die, kurz gesagt, die Hineinziehung eines Freundes in abgründige Familienverhältnisse bis zur Zerstörung dieser Familie ist (nebulös gesagt, aber es genügt dies Wenige). Handwerklich gut gemacht, wie gesagt, man bleibt gespannt, wie es weitergeht, die Schilderung der Örtlichkeiten, des Barrikadenbaus, der Typen und Gestalten sowie ein paar gute literarische Einfälle sind völlig in Ordnung.

Der Roman erschien 1970 (in deutscher Übersetzung 1971 bei S. Fischer). Hatte sein Verleger gesagt: "Herr Jones, Sie waren doch in Paris, weshalb schreiben Sie nicht über die Studenten? Und über Sex?" Oder wollte Jones seinem Publikum zeigen, daß er mit der Zeit - und der sogenannten sexuellen Revolution - geht? Oder hatte er ganz einfach Lust, den Lesern eine Reihe von Wichsvorlagen anzubieten? Er bedient die angstvolle Neugier jüngerer und die lüsterne Phantasie älterer - Männer. Nicht ungeschickt ist der Ich-Erzähler ein illusionsloser Symphatisant der Revolte und ein nicht Sex-Besessener, dem sich aber verschiedene - meist ungenutzte - Gelegenheiten bieten, der Manches beobachtet, dem Manches erzählt wird. Unter geschäftlichen Gesichtspunkten mag das klug gewesen sein, damals, 1970. Aber James Jones hat sich damit einen passablen Roman versaut.

Im Nachhinein erstaunt mich nur das positive Echo, das im Internet widerhallt, und das (jedenfalls nach meiner oberflächlichen Betrachtung) die peinlichen Sex-Passagen ignoriert.

DEVO ("The De-Evolutionary Band") waren wohl die erste Punkgruppe, die sich im Studio einen geschliffenen Sound zulegte. Vergleicht man die erste LP ("Are we not men", 1978 im Studio von Conny Planck aufgenommen und im Wesentlichen von Brian Eno produziert) mit den Singles bei Stiff Records (1977, "Mongoloid", "Sloppy", "Social Fools"), dann ist musikalisch noch alles da, vielleicht sogar ein bißchen hinzugekommen, aber der Sound ist weniger rauh, klingt nicht mehr wie nur grob (aber gekonnt!) abgemischt. Noch nicht der Glitzersound der Achtziger (für den vermutlich Simple Minds mit "New Gold Dream" Vorreiter im Underground waren), aber eine an großen Rockmusik-Produktionen orientierte Abmischung. Die brachte das Subversive DEVOs auf den Punkt.

Anders als The Dickies, die jeden Song spielten, als liefe der Plattenspieler mit 45 statt 33 UpM, persiflierte DEVO das Rockgeschäft, indem sie alle Klischees verfremdeten. Sie trugen Einheitskleidung: 1978 asymmetrisch geschnittene knallgelbe Plastik-Overalls und Sonnenbrillen. Die Musiker bewegten sich roboterhaft. Der Gesang war eine hysterisierende Überspitzung vorgetäuschter Gefühlsausbrüche. "Gut feeling", das durch die allmähliche Temposteigerung und den immer bewegteren Bass zu den mitreißendsten Songs gehört, hat in der Strophe jeweils fünf Takte für eine Zeile, was irritierend ist, aber trotzdem vollkommen logisch rüberkommt. "(I can't get no) Satisfaction" wird kongenial als Discofunk gespielt. Ein Teil des Gesangs von"Sloppy" besteht taktelang nur aus "Ey! Ey! Ey! Ey!"-Rufen, "Jocko homo" wechselt ständig zwischen 4/4- und 3/4-Takt und äfft den Wechselgesang zwischen Rockstar und Publikum nach.

chuckstatler-devo

Obwohl die Produktion DEVO aus meiner Sicht vollkommen gerecht wird, waren die Musiker mit dem Sound unzufrieden, wie sie in Interviews nach dem Erscheinen ihrer zweiten LP ("Duty now for the future", 1979) erklärten. Die neue LP entspräche sehr viel mehr ihren Vorstellungen. Ich versuchte damals, sie gut zu finden, aber es gelang nicht. Sie klang flach, hatte zuviel Synthsizer-Blubbergeräusche, von zwei oder drei Ausnahmen abgesehen waren die Songs nur zweite Wahl, und die Power des live-Hits "Smart Patrol/Mr. DNA" erahnt man bedauernd aus dem eindimensionalem Klang.

Fortan hat sich kein Schwein mehr für DEVO interessiert. Naja, stimmt nicht ganz. Und Platten haben die inzwischen auch ne ganze Masse. Aber wen juckt's?!

Wie das Leben so spielt. Zum Jahresbeginn wollte ich Erfreuliches schreiben; Quirinus ist negativ, aber der wahre Dicki ist positiv. Denkste!

Zunächst gab es kurz vor Mitternacht aggressives Gebölke auf der Straße. Das fängt ja gut an, dachte ich nicht ganz korrekt, und trat mit mulmigen Gefühl und mißgestimmt wenig später auf den Balkon. Doch welch angenehme Überraschung: ein paar Häuser weiter stand eine Gruppe Kleinkinder, ein paar Erwachsene zündeten Feuerwerk für sie: kleine funkensprühende Silberfontänen und ein bißchen Knatterkram, zehn Meter weiter huschte zischend eine Rakete nach der anderen gen Himmel. Bevor ich mich den Lichtkugeln und Feuerschweifen und dem Knistern und Knastern nah und fern zuwandte, beobachtete ich erfreut die Kleinen. Einige waren sichtlich aufgeregt, andere standen still am Rand und sahen andächtig in den Feuerzauber, wieder andere hielten eine Wunderkerze. Niedlich!

Das Feuerwerk: wie üblich und bekannt viel Lärm um Nichts, viele Raketen und "Batterien" so-so, doch einige ganz wundervolle Teile dazwischen. Das Telefon klingelte, meine Mutter dran, die ich kurz zuvor nicht an die Strippe bekommen hatte. Ja, sie sei mit Nachbarn auf der Straße gewesen und habe zugeschaut. Dabei sei ihr manch früheres Silvester durch den Kopf gegangen. Die schönen Vesuve immer, die sie mitten auf die Straße gestellt habe. Die gebe es so ja gar nicht mehr. Auch ich erinnerte mich und sah ein vergessenes Bild: vor jedem Haus standen Menschen und feuerwerkten oder sahen zu, man kannte und grüßte sich, und kehrte bald - die Winter waren meist schweinekalt - wieder in die beheizte Stube zurück, lauschte dem Radioprogramm oder schnackte und spielte, und dann ging man zu Bett. (Die einfachen Leute hatten damals meist noch kein Auto und schon gar nicht das Geld für einen Winterurlaub. Wozu auch verreisen - man genoß Schnee und Eis, lief Schlittschuh und fuhr Schlitten oder spazierte durch verschneite Straßen.)

Dann legte ich "Transformer" von Lou Reed auf; zuerst mußte ich "Satellite of Love" hören, dann die komplette LP. Now we're coming out - out of our closets - out on the streets - yeah, we're coming out! Kein schlechtes Motto für dieses Jahr. Gegen Ende der zweiten Seite nahm ich Störgeräusche wahr. Und richtig, mein Nachbar, der mich schon am Morgen damit überrascht hatte, daß er seine Musik laut drehte, um sie auch unter der Dusche hören zu können, feierte mit Freunden. Gut dachte ich, Frauenstimmen dazischen, werden Pärchen sein, die wollen dann bald ins Bett usw., danach ist wieder Ruhe (der wahre Dicki denkt positiv!).

Also legte ich weiterhin Platten auf, laut, um die Störgeräusche zu übertönen (zum Glück keine Tanzparty, sonst hätte alles nichts genützt); Augustus Pablo, Portishead und anderes, bis ich müde und musikalisch gesättigt die Anlage ausstellte. Von nebenan grummelte und dröhnte es weiterhin. Ich rief an. "Ja?" - "Hallo, hier ist [der wahre Dicki] von nebenan. Erstmal ein frohes neues Jahr." - "Ja, ein frohes Neues." - "Kommt ihr dann bitte mit der Lautstärke runter?" -"Äh, ja, das werden wir tun. Dann weiterhin einen guten Schlaf." - "Danke. Tschüs."

Eine wie immer unbedarft klingende Stimme und wie jedesmal kein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung. Aber wenigstens verebbte die Musik bzw. die durch sie ausgelösten Resonanzen der Wände. Viele dieser jungen Leute, paßt man vom Alter her in deren Wahrnehmungsschema 'Eltern', geben einem das Gefühl, geduldet zu sein. Nicht mehr als das. Geduldet. Damit bin auch ich bei Quirinus und der Parole SCHEISSEGAL - JA angekommen, da hilft aller Wille zum positiven Denken nichts. Diese Gesellschaft leistet sich eine Scheinfreiheit; es ist die Freiheit der Stärkeren, der Schäbigen, der Lauten und der Rücksichtslosen. Die frühen Sechziger, so beengt sie uns damals erschienen, kannten auch Toleranz, Rücksichtnahme, Anteilnahme und Benimm, und es gab eine Aufbruchsstimmung. Das ist eine ganze Menge mehr als diese moderne Zeit mit ihrer Abbruchstimmung und SCHEISSEGAL-Laune zu bieten hat.

 

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