TV-Gerät: (empfängt)
Titel: Fracksausen (unterlegte Musik: "Tuxedo Junction")
Stimme aus dem Off: Diese Sendung wird Ihnen präsentiert von (Einblendung Logo, Wolken gedeckten Blaus vor kremweißem Hintergrund) (emphathisch) Erbarmer Sitzkissen.
Moderator: (zupft an seiner Fliege, guckt sehr ernst) Auch das neue Jahr wird uns Geburtenrückgang, Vergreisung, steigende Lohnkosten und andere Standortnachteile bringen, wie unabhängige Wissenschaftler übereinstimmend in einer aufsehenerregenden Studie feststellten.
Szene: Vier Herren mit glatten, ausdruckslosen Gesichtern und grauem Haar bzw. Glatze sitzen um einen Tisch und schneiden einzelne Wörter aus Zeitungen, Illustrierten und Prospekten aus, im Hintergrund eine Stelltafel, an die - in der Manier von Erpresserbriefen - bereits ein Satz geheftet ist: "Im Interesse der deutsche Bevölkerung wenden wir uns hiermit an die Öffentlichkeit." Ab und zu kichert der eine oder andere albern vor sich hin.
Agitator: (hinter einem Schreibtisch, auf dem ein mechanischer Anspitzer steht, ein Knallbonbon liegt, eine Papierschlange sich ringelt) (liest leiernd) Die Partei der permanenten Reform als Speerspitze der arbeitenden Bevölkerung wehrt sich entschieden gegen die Bevormundung des deutschen Volkes durch eine Minderheit selbstsüchtiger Elemente, die hinter der vorgeblichen Besorgnis ...
Krokodil (Kasperl-Figur): (erscheint über dem Schreibtischrand und bewegt sich ruckelnd auf den Agitator zu)
Agitator: ... um die soziale Gerechtigkeit in Wahrheit eine Ideologie der Besitzstandswahrung
Krokodil (Kasperl-Figur): (entreißt ihm mit einem Biss das Manuskript)
Agitator: ein Terroranschlag der Natur!
Silvesterkarpfen: (steckt seinen Kopf von oben ins Bild, direkt über dem Agitator, blickt kurz in die Kamera und verschwindet)
Äffchen (in Tutu): (springt von rechts oben auf den Schreibtisch und verstreut hüpfend Konfetti aus einem Füllhorn, nach links ab)
Agitator: (hysterisch) Die Partei der permanenten Reform - Kapitaldeckung - aufrechter Gang - fit für 2050 - expert texpert -
Zwei Blesshühner: (staksen von rechts und links kommend über den Schreibtisch und zanken zerrend um den Knallbonbon: Peng!)
Pinguin: (balanciert auf einem Tablett Sekt heran und schenkt fachgerecht ein)
Agitator: (trinkt begierig) Die Partei - börps!
Zwei Gorillas: (treten hinter ihn und führen ihn nach rechts ab) Umpf. Grumpf. Gnuff.
Stimme aus dem Off: Oh mein Gott! Jetzt kann nur noch Erbarmer-Man helfen!
Blitz: (huscht grell durchs Bild)
Erbarmer-Man: (sähe einem mittelalterlichen Fallbeil-Henker täuschend ähnlich, wäre nicht das blinkende "E" auf seiner Brust und das angenähte Sitzkissen am Hintern) Im Namen der Agenda!
Meisen-Chor: (mehrstimmig, bedrohlich) Spitzt ihn an! Spitzt ihn an! Spitzt ihn an!
Ameisen: (wimmeln plötzlich überall, nehmen den strampelden Erbarmer-Man auf die Schultern und tragen ihn auf den Anspitzer zu)
Einblendung: Bayern 3 hat sich ausgeblendet.
Mann mit Horst-Köhler-Maske: (springt ins Bild und sprüht wie wild E605 um sich)
Erbarmer-Man: (läuft gelb-blau an und stirbt zuckend)
Espe: (neigt sich ins Bild und wispert mit den Blättern) Das Leben läßt sich nicht besiegen.
Einblendung: Alle Anstalten im Sendebereich der ARD haben sich ausgeblendet.
TV-Gerät: (implodiert)
Guido Westerwelle, erwachend, zerzaust: "Heiliges Kanonenrohr!"
Titel: Fracksausen (unterlegte Musik: "Tuxedo Junction")
Stimme aus dem Off: Diese Sendung wird Ihnen präsentiert von (Einblendung Logo, Wolken gedeckten Blaus vor kremweißem Hintergrund) (emphathisch) Erbarmer Sitzkissen.
Moderator: (zupft an seiner Fliege, guckt sehr ernst) Auch das neue Jahr wird uns Geburtenrückgang, Vergreisung, steigende Lohnkosten und andere Standortnachteile bringen, wie unabhängige Wissenschaftler übereinstimmend in einer aufsehenerregenden Studie feststellten.
Szene: Vier Herren mit glatten, ausdruckslosen Gesichtern und grauem Haar bzw. Glatze sitzen um einen Tisch und schneiden einzelne Wörter aus Zeitungen, Illustrierten und Prospekten aus, im Hintergrund eine Stelltafel, an die - in der Manier von Erpresserbriefen - bereits ein Satz geheftet ist: "Im Interesse der deutsche Bevölkerung wenden wir uns hiermit an die Öffentlichkeit." Ab und zu kichert der eine oder andere albern vor sich hin.
Agitator: (hinter einem Schreibtisch, auf dem ein mechanischer Anspitzer steht, ein Knallbonbon liegt, eine Papierschlange sich ringelt) (liest leiernd) Die Partei der permanenten Reform als Speerspitze der arbeitenden Bevölkerung wehrt sich entschieden gegen die Bevormundung des deutschen Volkes durch eine Minderheit selbstsüchtiger Elemente, die hinter der vorgeblichen Besorgnis ...
Krokodil (Kasperl-Figur): (erscheint über dem Schreibtischrand und bewegt sich ruckelnd auf den Agitator zu)
Agitator: ... um die soziale Gerechtigkeit in Wahrheit eine Ideologie der Besitzstandswahrung
Krokodil (Kasperl-Figur): (entreißt ihm mit einem Biss das Manuskript)
Agitator: ein Terroranschlag der Natur!
Silvesterkarpfen: (steckt seinen Kopf von oben ins Bild, direkt über dem Agitator, blickt kurz in die Kamera und verschwindet)
Äffchen (in Tutu): (springt von rechts oben auf den Schreibtisch und verstreut hüpfend Konfetti aus einem Füllhorn, nach links ab)
Agitator: (hysterisch) Die Partei der permanenten Reform - Kapitaldeckung - aufrechter Gang - fit für 2050 - expert texpert -
Zwei Blesshühner: (staksen von rechts und links kommend über den Schreibtisch und zanken zerrend um den Knallbonbon: Peng!)
Pinguin: (balanciert auf einem Tablett Sekt heran und schenkt fachgerecht ein)
Agitator: (trinkt begierig) Die Partei - börps!
Zwei Gorillas: (treten hinter ihn und führen ihn nach rechts ab) Umpf. Grumpf. Gnuff.
Stimme aus dem Off: Oh mein Gott! Jetzt kann nur noch Erbarmer-Man helfen!
Blitz: (huscht grell durchs Bild)
Erbarmer-Man: (sähe einem mittelalterlichen Fallbeil-Henker täuschend ähnlich, wäre nicht das blinkende "E" auf seiner Brust und das angenähte Sitzkissen am Hintern) Im Namen der Agenda!
Meisen-Chor: (mehrstimmig, bedrohlich) Spitzt ihn an! Spitzt ihn an! Spitzt ihn an!
Ameisen: (wimmeln plötzlich überall, nehmen den strampelden Erbarmer-Man auf die Schultern und tragen ihn auf den Anspitzer zu)
Einblendung: Bayern 3 hat sich ausgeblendet.
Mann mit Horst-Köhler-Maske: (springt ins Bild und sprüht wie wild E605 um sich)
Erbarmer-Man: (läuft gelb-blau an und stirbt zuckend)
Espe: (neigt sich ins Bild und wispert mit den Blättern) Das Leben läßt sich nicht besiegen.
Einblendung: Alle Anstalten im Sendebereich der ARD haben sich ausgeblendet.
TV-Gerät: (implodiert)
Guido Westerwelle, erwachend, zerzaust: "Heiliges Kanonenrohr!"
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Die haben schon tolle Ideen, die Werbefritzen. Hieß es im letzten Jahr noch "25 Schuß" oder "99 Schuß" für diese Leuchtkugelbatterien im Silvesterfeuerwerk, prunkt man nun mit "van Gogh" oder "Monet". Nicht, daß jetzt etwa Gemälde in die Nacht geböllert würden, nein nein, die müßte der kunstbeflissene Deutsche nach wie vor mit Lichterketten formen. Doch wird man auf diese Weise mehr Feuerwerk im Land der Dichter und Denker verkaufen können. Auf hohem Niveau.
Dicki - am Di, 28. Dezember 2004, 15:38 - Rubrik: zickezacke
1. Eine Busladung Deutsche
Alassio im August 1993, eine "Fahrt ins Blaue" für deutsche Urlauber. Mit an Bord ein älterer Entertainer, Italiener, in Alassio ansässig. Beim letzten Halt vor der Rückfahrt trinkt der Herr (gezielt, wie mir später klar wird) zuviel Wein, um während der Heimkehr zum Hotel die "Alemanni" mit schmuddeligen Geschichten über das schlechte Deutsch und die Primitivität der italienischen Gastarbeiter zu unterhalten. Die Touristen johlen ein ums andere Mal. "Was der für eine Phantasie hat," sagt Muddi zu Vaddi, direkt vor mir sitzend. Ich staune, denn zum einen waren ständig ähnliche Geschichten - über Türken, Ossis, Amis, Eskimos undichweißnichtwennoch - in Umlauf, zum andern erschöpfte sich der Witz in Ferkelei und Herabminderung, und schließlich ist es eine schmierige Anbiederung, seine Landsleute den Vorurteilen anderer zum Fraß vorzuwerfen. Kann die deutsche Volksseele nur herablassend über "Minderwertige" lachen und niemals freundlich auch über sich selbst, ist ihr Häme statt Heiterkeit zu eigen?
2. Der Erlöser
Harald Schmidt fand ich immer doof, wunderte mich, daß so viele Leute ihn lobten, und ignorierte ihn nach Kräften. Jetzt darf ich ihn nicht einmal mehr ignorieren. Die Zeitungen, was sage ich, die Medien sind voll von Harald Schmidt und über ihn voll des Lobes. Spiegel Online machte den Vorreiter, in der Tagesschau wurde - mit Zitaten und Ausschnitten - für die Sendung geworben, und heute morgen strömte mir die totale Lobhudelei auch aus meiner Zeitung entgegen, woraus ich schließe, daß heute auch das allerletzte Presseerzeugnis "Schmidt! Schmidt! Schmidt!" rief.
"An den Erlöser hat man keine Erwartungen," sagte einer aus dem Studiopublikum. Daß Fernseh-Deutschland Schmidt "zitternd zu Füßen lag", sudelt ein Schreiberling. "So groß die Ehrfurcht vor einem Mann, der sich die Freiheit nimmt zu sagen, was er denkt." Denkt der denn überhaupt, frage ich mich. Und weshalb mögen wohl die vielen Menschen, die sich die Freiheit nehmen zu sagen, was sie denken, und dabei wirklich komisch und geistvoll sind, nicht die Freiheit haben, dies unter dem vereinten Lobgesang der Journaille via TV in die Wohnstuben hineinzutröten? Weshalb wird Harald Schmidt als humorvoll und intelligent, sogar als Bewahrer der kulturellen Werte des Abendlandes gepriesen?
3. Deutsche Tugend Gleichschritt
Wer noch nicht aufgehört hat, diesen Gegenruf zu lesen, wird es gleich tun. - Es liegt viele Jahre zurück, daß Politik, Wirtschaft und Medien sich einig waren: die Demonstration gegen das Atomkraftwerk Brokdorf (am 19.2.1977), gehörte verboten, dort seien Krawall, Aufruhr, gezielte und verfassungswidrige Gewalt geplant, Berufsrandalierer wollten hier ihr Süppchen kochen und so weiter und so fort. Eine Hetzkampagne unisono, wie sie die bundesdeutsche Demokratie noch nicht erlebt hatte. Gegenstimmen waren nicht zugelassen und wurden gleich in die Nähe des Terrorismus gerückt. Erst seit kurzem erleben wir wieder diese Einstimmigkeit: die Sozialgesetzgebung muß "reformiert" werden, um den Sozialstaat zu retten. Gegenstimmen sind unerwünscht und werden per Diffamierung abgebügelt.
Es ist mir also nicht von ungefähr verdächtig, wenn sich die Medien einig sind, wenn keine kritischen Stimmen ertönen, wenn eine Diskussion - die doch eines der ganz wichtigen Merkmale der Demokratie sein soll - nicht stattfindet. Ältere Menschen wird ob dieser Einstimmigkeit ein mulmiges Gefühl beschleichen: da war doch was, da gab es doch einmal vor langer Zeit ...
4. Tatort Schreibtisch
Wenn bei Loriot ein Schreibtisch vorkam, bestand ein Teil der Komik darin (und wurde vom Publikum der 70er Jahre intuitiv verstanden), daß die Person hinter diesem Symbol der Macht sich durch Unzulänglichkeit auszeichnete. Arbeiter wie Angestellte kennen die Beklemmung, wenn sie "ins Büro" zitiert werden, um vor dem Schreibtisch stehend eine Demütigung durch den hinter dem Schreibtisch Sitzenden erdulden zu müssen. Und wehe, wenn der sich auch erhebt! Am Schlimmsten, wenn der Chef auch noch "humorig" ist, dann muß man sich obendrein verspotten lassen. Komik aus der Sicht der Chefs ist nicht komisch, sondern Machtausübung. Damit kann ich mich nicht identifizieren.
Wer geduckt lebt, träumt von Macht, ist bereit, sich mit Macht zu identifizieren, wartet darauf, daß seine mickrigen Vorurteile bestätigt werden, seine häßlichen Worthülsen die Erlaubnis erhalten, auf die Sündenböcke niederprasseln zu dürfen. Und sitzt folgerichtig mit Harald Schmidt HINTER dem Schreibtisch und verhöhnt und verlacht und kommt sich geistreich vor. - Hella, der ich hier etliche Anregungen verdanke, zitierte gestern aus einem Forum von Schmidt-Fans, stellvertretend für viele ähnliche Äußerungen nach dem Abschied Schmidts vor einem Jahr: "Wo bekomme ich denn nun meine tägliche Portion Humor her?" Humor bekommt man nicht geliefert, Humor hat man - oder eben nicht.
5. Führerkultur
Deutsche Männer, besonders die "Intellektuellen", beten Schmidt an. "Zweimal wöchentlich (...) wird der Erlöser seine Messe halten. (...) Schmidt pur, die volle Ladung. Halleluja!" Ihn, der sich die Freiheit nimmt zu sagen, was er denkt (wenn er denn denkt), haben sie zu ihrem Führer erkoren: er gibt ihnen die Rechtfertigung und die Erlaubnis, voller Häme, dummdreist und von moralischen Bedenken befreit über andere Menschen herzuziehen. Es ist ja nur ein Witz! werden sie rufen, wenn sie mit Beleidigung und Verächtlichmachung Andere verletzt haben. Wie könne man nur so humorlos sein. - Der deutschen Volkseele, so scheint mir, ist die Häme zu eigen, und sie wartet nur auf die Erlaubnis, sie von der Kette lassen zu dürfen. Aber vielleicht sind die Menschen, die in dieser so modernen Zeit nicht zu Wort kommen, aus besserem Holz geschnitzt. Jedenfalls habe ich das Glück Einige zu kennen, die sich nicht (ver)führen lassen.
6. Pro Schmidt
Angesichts der Idolisierung fällt es mir schwer, Harald Schmidt nicht mit seinem Publikum in einen Topf zu werfen. Ich kenne die "Lustigkeit" der Deutschen, kenne einige Schmidtianer, kenne deren geistiges Niveau und ekle mich vor den öffentlichen Lobhudlern. Schmidt dagegen kenne ich kaum: einige dumme Bemerkungen, die Witz sein sollen, einige Fotos, die ihn mir unsympathisch sein lassen. Ich werde weiterhin versuchen, ihn zu ignorieren: hoffentlich läßt man mich. Die Geschehnisse um ihn herum finde ich in hohem Maße alarmierend. Wenn das die "deutsche Leitkultur" sein soll, werden uns bald noch ganz andere Leithammel den Weg weisen. Und die Menge wird johlen wie einst im Sportpalast.Oder?

Alassio im August 1993, eine "Fahrt ins Blaue" für deutsche Urlauber. Mit an Bord ein älterer Entertainer, Italiener, in Alassio ansässig. Beim letzten Halt vor der Rückfahrt trinkt der Herr (gezielt, wie mir später klar wird) zuviel Wein, um während der Heimkehr zum Hotel die "Alemanni" mit schmuddeligen Geschichten über das schlechte Deutsch und die Primitivität der italienischen Gastarbeiter zu unterhalten. Die Touristen johlen ein ums andere Mal. "Was der für eine Phantasie hat," sagt Muddi zu Vaddi, direkt vor mir sitzend. Ich staune, denn zum einen waren ständig ähnliche Geschichten - über Türken, Ossis, Amis, Eskimos undichweißnichtwennoch - in Umlauf, zum andern erschöpfte sich der Witz in Ferkelei und Herabminderung, und schließlich ist es eine schmierige Anbiederung, seine Landsleute den Vorurteilen anderer zum Fraß vorzuwerfen. Kann die deutsche Volksseele nur herablassend über "Minderwertige" lachen und niemals freundlich auch über sich selbst, ist ihr Häme statt Heiterkeit zu eigen?
2. Der Erlöser
Harald Schmidt fand ich immer doof, wunderte mich, daß so viele Leute ihn lobten, und ignorierte ihn nach Kräften. Jetzt darf ich ihn nicht einmal mehr ignorieren. Die Zeitungen, was sage ich, die Medien sind voll von Harald Schmidt und über ihn voll des Lobes. Spiegel Online machte den Vorreiter, in der Tagesschau wurde - mit Zitaten und Ausschnitten - für die Sendung geworben, und heute morgen strömte mir die totale Lobhudelei auch aus meiner Zeitung entgegen, woraus ich schließe, daß heute auch das allerletzte Presseerzeugnis "Schmidt! Schmidt! Schmidt!" rief.
"An den Erlöser hat man keine Erwartungen," sagte einer aus dem Studiopublikum. Daß Fernseh-Deutschland Schmidt "zitternd zu Füßen lag", sudelt ein Schreiberling. "So groß die Ehrfurcht vor einem Mann, der sich die Freiheit nimmt zu sagen, was er denkt." Denkt der denn überhaupt, frage ich mich. Und weshalb mögen wohl die vielen Menschen, die sich die Freiheit nehmen zu sagen, was sie denken, und dabei wirklich komisch und geistvoll sind, nicht die Freiheit haben, dies unter dem vereinten Lobgesang der Journaille via TV in die Wohnstuben hineinzutröten? Weshalb wird Harald Schmidt als humorvoll und intelligent, sogar als Bewahrer der kulturellen Werte des Abendlandes gepriesen?
3. Deutsche Tugend Gleichschritt
Wer noch nicht aufgehört hat, diesen Gegenruf zu lesen, wird es gleich tun. - Es liegt viele Jahre zurück, daß Politik, Wirtschaft und Medien sich einig waren: die Demonstration gegen das Atomkraftwerk Brokdorf (am 19.2.1977), gehörte verboten, dort seien Krawall, Aufruhr, gezielte und verfassungswidrige Gewalt geplant, Berufsrandalierer wollten hier ihr Süppchen kochen und so weiter und so fort. Eine Hetzkampagne unisono, wie sie die bundesdeutsche Demokratie noch nicht erlebt hatte. Gegenstimmen waren nicht zugelassen und wurden gleich in die Nähe des Terrorismus gerückt. Erst seit kurzem erleben wir wieder diese Einstimmigkeit: die Sozialgesetzgebung muß "reformiert" werden, um den Sozialstaat zu retten. Gegenstimmen sind unerwünscht und werden per Diffamierung abgebügelt.
Es ist mir also nicht von ungefähr verdächtig, wenn sich die Medien einig sind, wenn keine kritischen Stimmen ertönen, wenn eine Diskussion - die doch eines der ganz wichtigen Merkmale der Demokratie sein soll - nicht stattfindet. Ältere Menschen wird ob dieser Einstimmigkeit ein mulmiges Gefühl beschleichen: da war doch was, da gab es doch einmal vor langer Zeit ...
4. Tatort Schreibtisch
Wenn bei Loriot ein Schreibtisch vorkam, bestand ein Teil der Komik darin (und wurde vom Publikum der 70er Jahre intuitiv verstanden), daß die Person hinter diesem Symbol der Macht sich durch Unzulänglichkeit auszeichnete. Arbeiter wie Angestellte kennen die Beklemmung, wenn sie "ins Büro" zitiert werden, um vor dem Schreibtisch stehend eine Demütigung durch den hinter dem Schreibtisch Sitzenden erdulden zu müssen. Und wehe, wenn der sich auch erhebt! Am Schlimmsten, wenn der Chef auch noch "humorig" ist, dann muß man sich obendrein verspotten lassen. Komik aus der Sicht der Chefs ist nicht komisch, sondern Machtausübung. Damit kann ich mich nicht identifizieren.
Wer geduckt lebt, träumt von Macht, ist bereit, sich mit Macht zu identifizieren, wartet darauf, daß seine mickrigen Vorurteile bestätigt werden, seine häßlichen Worthülsen die Erlaubnis erhalten, auf die Sündenböcke niederprasseln zu dürfen. Und sitzt folgerichtig mit Harald Schmidt HINTER dem Schreibtisch und verhöhnt und verlacht und kommt sich geistreich vor. - Hella, der ich hier etliche Anregungen verdanke, zitierte gestern aus einem Forum von Schmidt-Fans, stellvertretend für viele ähnliche Äußerungen nach dem Abschied Schmidts vor einem Jahr: "Wo bekomme ich denn nun meine tägliche Portion Humor her?" Humor bekommt man nicht geliefert, Humor hat man - oder eben nicht.
5. Führerkultur
Deutsche Männer, besonders die "Intellektuellen", beten Schmidt an. "Zweimal wöchentlich (...) wird der Erlöser seine Messe halten. (...) Schmidt pur, die volle Ladung. Halleluja!" Ihn, der sich die Freiheit nimmt zu sagen, was er denkt (wenn er denn denkt), haben sie zu ihrem Führer erkoren: er gibt ihnen die Rechtfertigung und die Erlaubnis, voller Häme, dummdreist und von moralischen Bedenken befreit über andere Menschen herzuziehen. Es ist ja nur ein Witz! werden sie rufen, wenn sie mit Beleidigung und Verächtlichmachung Andere verletzt haben. Wie könne man nur so humorlos sein. - Der deutschen Volkseele, so scheint mir, ist die Häme zu eigen, und sie wartet nur auf die Erlaubnis, sie von der Kette lassen zu dürfen. Aber vielleicht sind die Menschen, die in dieser so modernen Zeit nicht zu Wort kommen, aus besserem Holz geschnitzt. Jedenfalls habe ich das Glück Einige zu kennen, die sich nicht (ver)führen lassen.
6. Pro Schmidt
Angesichts der Idolisierung fällt es mir schwer, Harald Schmidt nicht mit seinem Publikum in einen Topf zu werfen. Ich kenne die "Lustigkeit" der Deutschen, kenne einige Schmidtianer, kenne deren geistiges Niveau und ekle mich vor den öffentlichen Lobhudlern. Schmidt dagegen kenne ich kaum: einige dumme Bemerkungen, die Witz sein sollen, einige Fotos, die ihn mir unsympathisch sein lassen. Ich werde weiterhin versuchen, ihn zu ignorieren: hoffentlich läßt man mich. Die Geschehnisse um ihn herum finde ich in hohem Maße alarmierend. Wenn das die "deutsche Leitkultur" sein soll, werden uns bald noch ganz andere Leithammel den Weg weisen. Und die Menge wird johlen wie einst im Sportpalast.

Dicki - am Mo, 27. Dezember 2004, 20:43 - Rubrik: deutsche kenneweiss
Es war wohl 1970 in den Tagen nach Weihnachten, als mir die Eltern eines Mitschülers - Vater Taxifahrer, Mutter Putzfrau - stolz ihren nigelnagelneuen Brockhaus zeigten. Wohl hatte ich schon verschiedenste Nachschlagewerke gesehen und auch darin geblättert (Musik, Malerei, Medizin, Gärtnerei), doch wußte ich mir auf diese Besitzerfreude keinen Reim zu machen. Erst viel später verstand ich, daß dieses 20-bändige (?) Lexikon sie in den Besitz all des Wissens brachte, dessen sie zu mangeln glaubten.
Heute bezieht man mehr denn je sein Wissen aus dem Fernsehen und ist daher so schlau wie jeder, weil die Anderen aus der selben Quelle schöpfen. Sich durch Lesen bilden? Allenfalls den body builden. Es kommt mehr denn je auf Äußerlichkeiten an; zu Weihnachten muß es dann ausufernder, monströser, regelrecht obszöner Glühbirnenramsch sein, aufdringlich drapiert an Hauswände, Balkone, in Fenstern, auf Dächern. Dem schlechten Geschmack sind keine Grenzen gesetzt. Im 'Fernsehzeitalter' ist kein Platz mehr für innere Regungen, du mußt deine Besinnlichkeit zeigen, alles andere - ha, das wollte ich noch bringen:
Helmuth Karasek zitiert Billy Wilder ("Billy Wilder - eine Nahaufnahme von Helmuth Karasek"), der aus einem Almanach von 1860 zitiert:
Über Küsse
Auf die Stirn küßt die Unschuld,
Auf den Mund die wahre Liebe,
In die hohle Hand Begierde,
Alles andre Raserei.
Heute bezieht man mehr denn je sein Wissen aus dem Fernsehen und ist daher so schlau wie jeder, weil die Anderen aus der selben Quelle schöpfen. Sich durch Lesen bilden? Allenfalls den body builden. Es kommt mehr denn je auf Äußerlichkeiten an; zu Weihnachten muß es dann ausufernder, monströser, regelrecht obszöner Glühbirnenramsch sein, aufdringlich drapiert an Hauswände, Balkone, in Fenstern, auf Dächern. Dem schlechten Geschmack sind keine Grenzen gesetzt. Im 'Fernsehzeitalter' ist kein Platz mehr für innere Regungen, du mußt deine Besinnlichkeit zeigen, alles andere - ha, das wollte ich noch bringen:
Helmuth Karasek zitiert Billy Wilder ("Billy Wilder - eine Nahaufnahme von Helmuth Karasek"), der aus einem Almanach von 1860 zitiert:
Über Küsse
Auf die Stirn küßt die Unschuld,
Auf den Mund die wahre Liebe,
In die hohle Hand Begierde,
Alles andre Raserei.
Dicki - am So, 26. Dezember 2004, 13:59 - Rubrik: in eigener Sache
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"Deutschland steht am Scheideweg." Gemeinsamer Beschluss der Präsidien von CDU und CSU, 4.5.2003
(aufgelesen in: Albrecht Müller "Die Reformlüge", Droemer, 2004)
(aufgelesen in: Albrecht Müller "Die Reformlüge", Droemer, 2004)
Dicki - am So, 26. Dezember 2004, 0:44 - Rubrik: zickezacke
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Ungeheuerlich, mit welch plumpen Propagandatricks der Sozialabbau durchgeboxt wird: "Wohnungslose in Deutschland werden immer jünger" steht heute in meiner Zeitung.
Dicki - am Do, 23. Dezember 2004, 14:45 - Rubrik: zickezacke
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