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Nämlich die Presse in Deutschland über den Skandal, daß das Arbeitsamt Prostituierte vermittelt und prinzipiell Frauen unter Androhung von Leistungskürzungen in die Prostitution drängen darf, und zwar hier. Doch ist diese Nebenwirkung (?) neoliberaler Reformwut nur konsequent, da Menschen nicht mehr als Menschen, sondern als Ware und Kostenfaktor, als "human resource" und "Humankapital" betrachtet werden. So profitiert auch die Wirtschaftsmacht organisiertes Verbrechen von der neuen Zeit.

Mir fällt es schwer, überhaupt noch Unterschiede zwischen organisierter Wirtschaft und organisiertem Verbrechen zu benennen. Wenn der neoliberale Spuk vorüber ist (und ich hoffe sehr, daß die Menschheit sich der gegenwärtigen Bedrohung wird widersetzen können), sollen sie alle vor Gericht stehen: die Anstifter, die aktiven Helfer, die Mitläufer und ebenso die Biedermänner, die den Brandstiftern nicht entgegentreten mochten.

Der Goethe besichtigt hier in Venedig nicht nur jeden Stein und Wassertropfen, jetzt geht er auch noch jeden Abend ins Theater und tagsüber mal in eine Gerichtsverhandlung, zur Abwechslung. Der Vorleser rezitierte soeben ein Dokument, wodurch einer jener unrechtmäßig geachteten Besitzer über die fraglichen Güter disponierte. Der Advokat hieß ihn langsamer lesen, und als er die Worte deutlich aussprach: "Ich schenke, ich vermache!" fuhr der Redner heftig auf den Schreiber los und rief: "Was willst du schenken? was vermachen? du armer ausgehungerter Teufel! gehört dir doch gar nichts in der Welt an. Doch", fuhr er fort, indem er sich zu besinnen schien, "war doch jener erlauchte Besitzer in eben dem Fall, er wollte schenken, wollte vermachen, was ihm so wenig gehörte als dir." Ein unendlich Gelächter schlug auf, doch sogleich nahm die Sanduhr die horizontale Lage wieder ein. Der Vorleser summte fort, machte dem Advokaten ein flämisch Gesicht; doch das sind alles verabredete Späße.

Natürlich kann ich mir dauernd Theater nicht leisten, also bleibe ich auf meinem Zimmer und nehme die Lektüre von "Tante Julia und der Kunstschreiber" wieder auf. Meine Hoffnung, Geschichte und Hörspiele mögen sich gegenseitig beeinflussen und verwirren, erfüllt sich offensichtlich nicht. Dafür geht die Romanze gut voran, wir halten Händchen und tauschen Küsse im Dunkeln, in den hintersten Reihen limanischer (limatischer? limanesischer?) Lichtspieltheater. Der Hörspielautor offenbart in seinen Serien latenten Wahnsinn. Das sage ich nicht wegen dem fürchterlichen Pathos, mit dem er seine Helden charakterisiert, nicht wegen seines notorischen Argentinierhasses, und auch nicht wegen der die Sensationslust bedienenden Szenen - er hat obendrein den perversen Drang, Abnormitäten zu konstruieren.

Beispielsweise baut ein Junge, dessen Schwester von Ratten gefressen wurde, durch jahrzehntelangen Fleiß und und viel Geduld ein Rattenvernichtungsimperium auf, um schließlich von seiner Frau und den Kindern bestialisch attackiert zu werden. Oder ein Handlungsreisender, dessen Leben zu einem einzigen Absturz gerät, nachdem er ein Mädchen überfahren hat, bis er an eine Therapeutin gerät, die ihm empfiehlt, zu seinem Hass auf Kinder zu stehen, wird zum Schrecken der Kinder seiner Stadt.

In ihrer Absurdität amüsieren mich diese Hörspiele mehr als die eigentliche Geschichte, aber, verdammt nochmal, das sind gar keine Hörspiele! Der Vargas Llosa schreibt reine Prosa, schildert und reflektiert, wo knallhart Dialog stehen müßte: so ein Schummler. - Werden die Hörspiele außer Kontrolle geraten? Wo und wie wird der Wahnsinn des Kunstschreibers offen ausbrechen? Wie lange können der Ich-Erzähler und Tante Julia ihre Romanze noch vor der Familie geheimhalten? Werde ich dieses Buch in Venedig zu Ende lesen können? Wie lange will der Goethe eigentlich hierbleiben?

Und weiter geht es durch Gassen, über Brücken, entlang Kanälen. Ich suchte mich in und aus diesem Labyrinth zu finden, ohne irgend jemand zu fragen, mich abermals nur nach der Himmelsgegend richtend, Man entwirrt sich wohl endlich, aber es ist ein unglaubliches Gehecke ineinander, und meine Manier, sich recht sinnlich davon zu überzeugen, die beste. Auch habe ich mir bis an die letzte bewohnte Spitze der Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und Wesen gemerkt; in jedem Quartiere sind sie anders beschaffen. Du lieber Gott! was doch der Mensch für ein armes, gutes Tier ist!

Leider macht uns auch ein altbekanntes leidiges Thema zu schaffen, das mit dem Tiersein des Menschen zusammenhängt. Ich ging und besah mir die Stadt in mancherlei Rücksichten, und da es eben Sonntag war, fiel mir die große Unreinlichkeit der Straßen auf, worüber ich meine Betrachtungen anstellen mußte. Es ist wohl eine Art von Polizei in diesem Artikel, die Leute schieben den Kehrig in die Ecken, auch sehe ich große Schiffe hin und wider fahren, die an manchen Orten stille liegen und den Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers bedürfen; aber es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und desto unverzeihlicher die Unreinlichkeit der Stadt, da sie ganz zur Reinlichkeit angelegt worden, so gut als irgendeine holländische. [...] Ich konnte nicht unterlassen, gleich im Spazierengehen eine Anordnung deshalb zu entwerfen und einem Polizeivorsteher, dem es Ernst wäre, in Gedanken vorzuarbeiten. So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu kehren.

Genug davon. Denn trotzdem ist die Welt voller Wunder, wenn man sich nur wundern kann. Ich wende mich in meiner Erzählung nochmals ans Meer, dort habe ich heute die Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse gesehen und mich herzlich darüber gefreut. Was ist doch ein Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen zu seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!

Das ist ohne Zweifel die beste Karl-May-Verfilmung, die nicht auf einem Roman von Karl May basiert. Old Sh Gregory Peck ist ein ehemaliger, die Weltmeere besegelt habender Kapitän (er soll die Rolle wegen "Moby Dick" bekommen haben), der ein kesses Auge auf eine Rancherstochter geworfen hat - eine dumme Pute von Vatertochter, wie jeder Zuschauer nach 2 Sekunden weiß - und nun Anlauf zur Hochzeit nimmt. Dazu muß er in den wilden Westen, das weite Land.

Der Sohn des Rancherkonkurrenten bereitet ihm aber erstmal einen Empfang mit Hut vom Kopf nehmen, die Kutschgäule verrückt machen und was man eben so mit Greenhorns treibt. Old Sh Gregory Peck bleibt dabei ganz gelassen, die Pute offenbart den Familienhaß gegen die Konkurrentenbrut. Erste Mißstimmung. Der Vormann der Ranch - der glaubt, die Pute sei sein - hat auch eine Begrüßung in petto und will Old Sh Gregory Peck auf den heimtückisch schielenden Old Thunder setzen (das ist ein Pferd und nicht etwa einer der legendären Westernhelden, die alle Old Irgendwie heißen und aus Sachsen stammen), aber Old Sh Gregory Peck hat keine Böcke auf dies bockende Etwas. Die Pute hält ihn für feige, die Männer sehen an ihm vorbei - was für ein Einstand.

Der Rancher, "Major" genannt, freut sich über den Vorwand, dem Konkurrentensohn eins auszuwischen und zieht mit seinen Männern in einen mutigen und fairen Zwanzig-gegen-Einen-Kampf. Derweil sich Old Sh Gregory Peck aus Langeweile auf Old Thunder setzt und ihn schließlich zähmt, weil er der größere Sturkopp von beiden ist. Nun hat er also ein Pferd, schnappt sich seinen Kompass und reitet ein bißchen in die Hügel hinaus, wo er eine aparte Farmerswaisin trifft, die zufällig die beste Freundin der Pute ist und obendrein Besitzerin der einzigen Wasserstelle weit und breit (und wie gern würde jeder der Konkurrenten den anderen vom Wasser abschneiden!), reitet noch ein bißchen herum und stößt in der Nacht auf einen der Suchtrupps, die nach ihm ausgesandt worden sind, weil er als verschollen und verirrt gilt, schließlich ist er ein Greenhorn und "dies ist ein weites Land", wie gar nicht oft genug gesagt werden kann.

Die Männer wollen ihm nicht glauben, daß er dank des Kompass nie die Orientierung verloren hatte, und allmählich gerät er in Verschiß. Im Morgengrauen weckt er den Vormann, um ohne Publikum den fälligen Faustkampf auszutragen. Hier weicht der Film von Karl May ab, denn Old Sh Gregory Peck holt nicht zum sagenhaften Schläfenhieb aus, sondern die beiden Kerle prügeln einander halb ohnmächtig und einigen sich dann auf Remis.

bigcountry

Weil das alles ein bißchen unübersichtlich abläuft und viel komplexer ist, als ich in der Kürze wiedergeben kann, hier nur schnell die major facts: die aparte Waisin wird entführt, Old Sh Gregory Peck eilt heldenmütig hinzu, duelliert sich mit dem Konkurrentensohn, der wird vom eigenen Vater erschossen, weil er die Gentlemanregeln des Duells ein bißchen freier als üblich zu handhaben versuchte, und der "Major" rückt mit seinen Leuten zur Entscheidungsschlacht an.

Gerade als wir uns auf das große Gemetzel freuen, entwickeln die beiden Alten plötzlich soviel Ehrgefühl, ihre Uraltfehde im Kampf Mann gegen Mann auszutragen. Für diesen Betrug am Zuschauer werden sie mit dem sofortigen und erzieherisch wertvollen Ableben bestraft. Jetzt kann der Vormann die Pute haben und Old Sh Gregory Peck schnappt sich die aparte Waisin, die ihm natürlich längst verfallen ist. Und wie sich das für einen Western gehört, reitet man zum happy end in den Horizont, der gleich hinter dem weiten Land beginnt. So wird großes Kino gemacht. Aber ganz großes Kino.

Bin ich froh, daß ich nicht beim - hach, ich Dummerchen, heißt doch jetzt Bundesagentur für Arbeit - daß ich also bei denen nicht angestellt bin. Seit Jahren kommen die wegen dem andauernden Umsortieren, Reorganisieren und Neustrukturieren immer weniger zum Kern ihrer Arbeit, und dann erfahren sie noch aus der Zeitung, daß sie sich ab Ende Mai ganz ihren Kunden widmen können - weil noch mehr umsortiert, reorganisiert und neustrukturiert wird. Nach so viel Rumgemuddel soll aber erstmal ein Zeichen gesetzt werden: ein neues Logo für das - och, ich Ungeschicktchen! - für die Bundesagentur für Arbeit. Das alte Ding kennt doch nun wirklich jeder, wird man sich gesagt haben, Zeit für etwas Neues. Das rote A soll bleiben, auch der schwarze Kreis, der das A umzingelt, aber sonst wird alles anders. Dafür legt das - nein, ich wieder! - die BA (haha!) 100.000 Mücken auf den Tisch.

Hab ich gleich mal gerechnet; da brauch ich gar nicht nachzudenken, bei mir rattert sofort ein Abakus los, mit dem ich sogar Quadratwurzeln bewältige. Eine etablierte Agentur hat einen Stundensatz von 100 Euro. Für den vereinbarten Preis sind demnach 1000 Arbeitsstunden drin, was 25 Wochen á vierzig Stunden entspricht. Ziemlich lange. Vielleicht kennt da auch jemand einen, der einem anderen einen Gefallen schuldet, so daß pro Stunde 200 Euro - nee, das sind dann immer noch 12 Wochen, 2 Tage und 4 Stunden. Oder ein Künstler, was sage ich, ein wahrer Meister nimmt sich der Gestaltung an und bekommt - Leistung muß sich wieder lohnen! - 1000 Euro je Stunde Arbeit. Hm, das wären 100 Stunden bzw. 2 Wochen, 2 Tage und 4 Stunden. Irgendwie geht die Rechnung nicht auf. Denn ein Könner erledigt das an einem Tag, oder an zweien, wenn ihn gerade ein Schluckauf plagt.

Könnten das unsere Stürmer-Jungs wackeren unabhängigen Journalisten nicht mal recherchieren: bei welcher Callgirl-Sause wer mit wem diesen Deal verabredet hat?

Vor 20 Jahren bin ich mal durch den Orient gereist, ähnlich wie jetzt durch Italien. Darüber wollte ich damals ein Buch unter dem Pseudonym Hadschi Halef Omar schreiben: "Meine Reisen mit Kara Ben Nemsi Efendi", aber ich war nicht Dicki genug, es zu unternehmen. Klar mußte ich an Karl May denken, und wie der seinen Orient zusammenphantasiert und aus Enzyklopädien herauskondensiert hat. Sowas gibt's bei Goethe nicht. Wenn der sagt, ich bin hier in Pisa meinetwegen, dann ist er dort auch, und wenn er uns erzählt, er hat da so nen komischen Turm angeguckt, dann ist er wirklich davorgestanden.

Inzwischen ist er - sind wir - in Venedig und er ist völlig aus dem Häuschen. So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, daß ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer Uhr um fünfe, Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagune einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik betreten und besuchen sollte. So ist denn auch, Gott sei Dank, Venedig mir kein bloßes Wort mehr, kein hohler Name, der mich so oft, mich, den Todfeind von Wortschällen, geängstigt hat. Er ist so außer sich vor Glück und Erwartung, daß er nach Worten ringt wie unsereiner um Atem. Venedig ...

Nach Tische eilte ich, mir einen ersten Eindruck des Ganzen zu versichern, und warf mich ohne Begleiter, nur die Himmelsgegenden merkend, ins Labyrinth der Stadt, welche, obgleich durchaus von Kanälen und Kanälchen durchschnitten, durch Brücken und Brückchen wieder zusammenhängt. Die Enge und Gedrängtheit des Ganzen denkt man nicht, ohne es gesehen zu haben. Gewöhnlich kann man die Breite einer Gasse mit ausgestreckten Armen entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt; es gibt wohl breitere, auch hie und da ein Plätzchen, verhältnismäßig aber kann alles enge genannt werden.

Nachdem ich müde geworden, setzte ich mich in eine Gondel, die engen Gassen verlassend, und fuhr [ ... ] den Kanal der Giudecca herein, bis gegen den Markusplatz, und war nun auf einmal ein Mitherr des Adriatischen Meeres, wie jeder Venezianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich gedachte dabei meines guten Vaters in Ehren, der nichts Besseres wußte, als von diesen Dingen zu erzählen. Wird mir's nicht auch so gehen? - Glücklicher Goethe!

Gestern wurde ein kleiner Brunnen in der Innenstadt abgerissen. Der Unterhalt habe 7000 Euro jährlich gekostet, das könne man sich nicht mehr leisten, verlautete offiziell. Die Bürgerschaftsabgeordneten sind einhellig empört. Nicht wegen des Brunnens, sondern weil der Parlamentspräsident - ohne sie vorher zu fragen - vorgeschlagen hatte, bis 2007 keine Diätenerhöhungen zu beschließen. Weniger einhellig sind sie in der Frage, was mit dem restlichen 4 Millionen aus der Bewerbung um die "Kulturhaupstadt Europas" geschehen soll. Die eigens für die Bewerbung gegründete Gesellschaft soll ein jährlich wiederkehrendes Veranstaltungspotpourri unter dem Titel "Biennale" planen und durchführen (was natürlich weitere Gelder erfordert und dem Vorstand die Posten sichert). Auch ist man uneins über einen teuren Anbau an das bestehende Wissenschaftsschau-Gebäude "Universum" (der Anbau soll "Visionarum" heißen).

Die Verabredungen sind wohl getroffen, nun müssen die Befürworter von "Biennale" und "Visionarum" irgendwie entsprechende Beschlüsse erreichen. Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte: einfach noch 1000 Brunnen abreißen, dann ist genügend Geld eingespart, und alle Zweifler werden "Hurra!" rufen. - Das zweitgrößte Theater der Stadt, daß zuletzt privat von zwei Enthusiasten betrieben wurde, hat jetzt Insolvenz angemeldet. Sie hätten 150.000 Euro jährliche Zuschüsse benötigt. Der Antrag wurde abgelehnt.

Das alles steht heute auf den ersten beiden Seiten des Lokalteils meiner Zeitung. Schade, daß sich kein Redakteur zu einem geharnischten Kommentar aufrafft (aufraffen darf?). Um die These zu belegen, daß es kein Geld gibt, außer für die Wirtschaft, für die auch gerne die öffentliche Verschuldung ins Unermeßliche getrieben wird, bräuchte er nicht lange recherchieren. Es ist mehr als offensichtlich.

 

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