1968
aus aller Welt
ballaballa
Beobachtungen in der Natur
charmsing
deutsche kenneweiss
Dicki TV
Dickimerone
Dickis Reisen
die kleine Anekdote
dirty old town
Empfehlung
Erwins Welt
Eugen
in eigener Sache
Java
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
icon

 
Heute schlug die wehrhafte Demokratie mit aller Härte zurück: in den Morgenstunden rückte ein Kommando in den Hinterhof des Nachbarhauses ein, um ein für allemal das Übel an der Wurzel zu packen und mit Stumpf und Stiel auszurotten. Mit eherner Hand wurde unwertes von wertem Leben gesondert und für den Abtransport in Endlager auf bereitstehende Fahrzeuge verfrachtet.

Dem Ordnungsprinzip wurde zu seinem Recht verholfen. Nun stehen sie wieder stramm, übersichtlich in Reih und Glied gesetzt: drei Rhododendren, zwei Irgendwas-Büsche sowie eine Doppelreihe kleinerer Pflanzen um ein Steinplatten-Geviert. Doch noch schwebt die Drohung der Terroristen über unseren Häuptern: "Warte nur, balde ruhest du auch".

Es gilt, weiterhin wachsam zu sein. Damit sich nicht wieder Kräuter und Bäume nach Gutdunken einnisten können, wird erwogen, in mehreren hundert Metern Umkreis sämtliche Pflanzen zu entfernen. Die Natur ist ein Krebsgeschwür im Leib der modernen Zivilisation.

Charlie Gillett von BBC London hatte am Freitag in seiner Sendung für Funkhaus Europa einen DJ zu Gast, der sich auch als Musiker, Komponist und Produzent betätigt. Das tun zwar alle DJs, irgendwie, aber es ist doch eher die Ausnahme, daß sie dabei etwas Ähnliches wie Kali hervorbringen (Flash erforderlich; Nr. 2 in der Playlist unten links).

Dieser DJ stellte Auszüge aus seinem Oeuvre vor und quasselte viel über die jeweiligen Mitmusiker in einer Art, wie Sportreporter von jedem Sportler, der sie mal zurückgegrüßt hat, sagen, das sei ein sympathischer junger Mensch. Und wieder quasselte er, diesmal von einem früh verstorbenen Kollegen, mit dem er für die nächsten zwei Jahre Termine und Tourneen unter Dach und Fach gehabt hätte.

"But heeeyyy! life is always what's in front of you, not what's behind you." - Charlie Gillett: "Unless it's all over."

Ich möchte eine Platte nur mit Stille aufnehmen. Nein nein nein, nicht mit diesen wummernden Sounds of Silence, die wieder einmal die sanfte Ruhe einer Sommernacht zerfetzen; im immerselben Rhythmus und immerselben Tempo mit immergleicher Struktur. Obwohl mir klar ist, daß es sich um eine Paaaaaaaar-die! handelt, frage ich mich, womit die Geräusche zu vergleichen sind: Straßenbauarbeiten? Maschinenhalle? Fließbandroboter?

Die Stille auf der Platte soll exzellent produziert sein und in allen Frequenzbereichen brillant klingen. "Must be played loud" soll daraufstehen und die Stille soll alles übertönen, wenn man die Platte bei voller Lautstärke abspielt. Ich will die Nachbarschaft, den Stadtteil, ja, die ganze Stadt mit dieser Stille nerven und bis an den Rand des Wahnsinns treiben können.

Stille. Für viele Zeitgenossen muß das ein Höllentrip sein. Doch welche Musik werden manche in ihr hören!

Sound formed in a vacuum misty moist of time
it's always been quite the same
No hearing or breathing
no movement, no lyrics
Just nothing

Diese Woche ging es drunter und drüber. Montagsdemos leben wieder auf und Kirchengemeinden beten gegen Hartz IV oder Garzweiler II oder das Ems-Sperrwerk; Leute, ich blicke gar nicht mehr durch, bei all den Untaten, die sofort rückgängig gemacht werden müßten. Uwe Benneter (Uwe wer?) gleich losgephrast: "Wer so redet und schreibt" - ach halt, nicht Benneter, Clement war's. Aber ich finde seine Worte nicht, die sind wohl mit dem Altpapierstapel aus meiner Wohnung entfernt worden. Herr Clement, schaffen Sie Ihren Dreck doch bitte gleich und selbst auf den Müll, z.B. nach Köln. Da gab es doch so eine SPD-Geschichte um MVA und Moneten.

Und genau in diesem Köln wurde ein Kettenbrief gestartet (Kettenbrief - Kettenreaktion?), der Schluß mit Schröder fordert, aber irgendwie die letzte Konsequenz vermeidet ("Köpf-Schröder"). Egal, Uwe Benneter (Uwe wer?) gleich losgephrast (diesmal in echt): "Wer so redet und schreibt, betätigt sich als Helfershelfer von Merkel und Westerwelle und sabotiert die Arbeit der deutschen Sozialdemokratie."

Wie jetzt, ist eine CDU/FDP-Politik besser, wenn sie von SPD und Grünen durchgezogen wird? Und überhaupt: Sozialdemokratie. Also, Herr Benneter! Willy Brandt hat das immer so schön betont: So-zi-aal-demokratie. Da spürte man noch den guten Willen, da waren noch Genossen gemeint, wenn von "Genossen" die Rede war. Was ist das Problem der heutigen SPD? Zuviel genossen.

Was noch? Ha! Die Sabotage der Rechtschreibreform durch Spiegel&Bild: da wird man mal drein schlagen müssen (oder Alle samt in eine Grube schütten und dicht scheissen). Ein Spiegel-Leser sagt zur Kehrtwende dieses.

Wenn Bremen ein Spiegelbild deutscher Städte ist - Musicaltheater und Space Center haben längst abgewirtschaftet (korrekt: waren Totgeburten), bekommen aber einmal mehr Staats- , also Steuergelder - können wir frohgemut singen: "Aber die Wirtschaft, die wächst". Wird ja auch Zeit, daß die wieder ein Hoch bekommt.

Und noch? Palästina, Israel, Irak - die Welt ist sicherer geworden, das ist mal sicher.

Sonst war die Woche ganz erfreulich, dank sei dem Sommer. Nicht dem und auch nicht dem, sondern dem schönen Wetter.

Sämtliche Kurzgeschichten und drei Romane ("Rote Ernte", "Der Malteser Falke", "Der gläserne Schlüssel") sind gelesen, zwei Romane ("Der Fluch des Hauses Dain", "Der dünne Mann") stehen noch aus.

Weshalb ich Hammett (nochmal) lese? Ich bin arbeitslos, habe keinen Fernseher, und Hammetts Art gefällt mir; seine Geschichten erzählen von lebendigen Menschen in den USA zwischen 1925 und 1935. Es heißt, er sei der erste gewesen, der den Kriminalroman als Vehikel zur Schilderung von Mensch und Gesellschaft benutzte, der das reine "Whodunit" und die Action um der Action willen verlassen hat. Mit 20 hab ich alles von ihm verschlungen und mich unterhalten lassen, jetzt gucke ich mit Interesse, was seine Qualitäten und Techniken sind.

Die Kurzgeschichten kommen kurz weg. In ihnen zeigen sich bereits die Talente Hammetts.
1) die Komposition des Verbrechens und seiner Aufklärung; unabdingbar für einen Krimiautor.
2) die Fähigkeit, mit wenigen Sätzen eine Situation bildhaft und originell zu beschreiben; der Mann hat Witz.
3) in die Kriminalstory andere Themen verweben; in den Kurzgeschichten nur andeutungsweise.
4) eine "empirische Psychologie"; er ist ein guter Beobachter und versteht es, Menschen lebendig zu schildern.

Die Übersetzung (Diogenes-Ausgabe) ist vermutlich im Wesentlichen Lohnschreiberei; die Übersetzer mußten schnell arbeiten, um an der Arbeit etwas zu verdienen. Darauf deuten vermeidbare Wortwiederholungen, ungelenke Satzkonstruktionen und unüberlegte Wortwörtlichkeit hin (z.B. "ich sehe" für "I see"). Immerhin - die Ausgabe entstand Mitte der 70er Jahre - wird "Do you remeber Donna?" noch mit "Erinnerst du dich an Donna?" übersetzt. Heute müßten wir "Erinnerst du Donna?" lesen. Aua!

Hammett hat viele Jahre als Detektiv für Pinkerton's gearbeitet. Deshalb war es naheliegend, daß er einen "Detektiv bei Continentals" schuf, untersetzt, ein wenig dicklich, um die 40, der von den Kurzgeschichten in die ersten beiden Romane übernommen wurde. Kein Held; einfach jemand, der mit Detektivkram seine Brötchen verdient, esine Arbeit gern macht, Gesetze umgeht, wenn es ihm sinnvoll erscheint, und seinen "Kontrahenten" mit Respekt entgegentritt, wenn diese Respekt verdienen. Er ist nicht unmoralisch (manchmal biegt er Geschichten nach seinem moralischen Dafürhalten hin), aber nicht die Einhaltung von Gesetzen ist sein Auftrag, sondern der Agentur einen Profit zu verschaffen. Eine Figur, die einerseits mitten im Geschehen steckt, dieses aber auch distanziert betrachtet. Diese Zwiespältigkeit ermöglicht Blicke hinter die Kulissen "ehrbarer" Bürger und Institutionen, und das nutzt Hammett besonders in seinen Romanen.
(wird fortgesetzt)

Heute bin ich bei brütender Hitze über die Dörfer geradelt. Weil Name Schall und Rauch ist und ich juristischen Querelen aus dem Weg gehen will, seien die Ortsnamen verschwiegen (bis auf einen). Zwischen drei und vier Uhr quälte ich mich über den Geestrücken in der Syker Gegend. Die Luft war so heiß, das ich sie kaum einatmen konnte. In den Ortschaften kam es noch schlimmer: es roch nach - ja, wie sage ich das jetzt? Nach Stall. Dung. Pisse hauptsächlich. Penetrant, betäubend, unerträglich. Schließlich gelangte ich nach Aahausen - Nomen est Omen? Falsch, dort blieb mir wider Erwarten der stallgeschwängerte Dunst erspart.

In Münster soll es einen ganzen See voll Aa geben, der auch danach benannt ist : "Aasee". In Münster möchte ich ebensowenig leben wie in Darmstadt. (In der ersten Fassung hatte ich den Aasee nach Wiesbaden verlegt. Die Wiesbadener werden aber kaum auf ihre Oos verzichten wollen. Zumindest nicht wegen meiner Schwierigkeiten mit den Aas und den Oos.)

Gestern war Drehtag, der eine, für den ich als Offizier der US-Army ausstaffiert wurde. Bei der Arbeit entwickelte sich alles kontinuierlich bis zum gelungenen Take, aber rückblickend ist es doch erstaunlich: gleichzeitig mußte ein Rundfunkreporter, sich der Kameraposition nähernd, von einer normalen Live-Reportage zu schluchzendem Entsetzen gelangen, mehrere Statisten planmäßig durchs Bild hasten, die Pyrotechniker zum rechten Zeitpunkt und lange genug die Szene in rußigen Qualm hüllen. Mittags waren wir schon fertig.

Das Luftschiff "Hindenburg" näherte sich dem Landemast, eine majestätische Zigarre am Himmel (wir starrten auf einzelne Wolken), die Halteseile wurden zu den bereitstehenden Matrosen herabgeworfen (wir spannten uns, gleich passiert's) und plötzlich: eine Explosion (von wegen, kein Knall und nichts; die Pyromanen begannen zu räuchern), Durcheinander, Flammen, Rauch, Schreie und die Stimme des fassungslosen Live-Reporters (wir rannten zwischen den Pyromanen durch, warteten, mit Rußflocken besprenkelt, ein wenig abseits auf das Ende der Szene). Eines der letzten Worte, das aus dem Tumult drang, war ein verzweifeltes "humanity!" - "Danke, aus!"

Im Schnitt werden sicherlich Dokumentaraufnahmen des Unglücks von Lakehurst eingefügt. Wir mußten ohne Zeppelin auskommen. "Ist der Zeppelin auch dabei?" hatte ich Efdoxia bei der Ankunft auf dem Set gefragt. - "Nein. Der Zeppelin hat heute frei."

 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma