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Es ist doch so einfach: Bei einer Demonstration kann man die Teilnehmer zählen oder man kann sie schätzen. Schätzen hat mit Erfahrung zu tun, aber mangelnde Erfahrung läßt sich durch vereinfachtes - eben schätzendes - Zählen ausgleichen. Wem Zählen zu anstrengend und Schätzen zu schwierig ist, der schreibt z.B. für Spiegel Online.

Als Oskar Lafontaine in Leipzig auftrat, berichtete SpOn von mehreren zehntausend Demonstranten (was eine herabmindernde Umschreibung für mindestens dreißigtausend ist), in der Woche darauf, um die These von der sinkenden Teilnehmerzahl bei Montagsdemos zu untermauern, hieß es, zu Lafontaines Auftritt in Leipzig seien Sechzigtausend gekommen. Donnerwetter! das ist ja 'ne ganze Menge. Stimmt aber gar nicht, denn heute schreibt SpOn, vor zwei Wochen, als Lafontaine in Leipzig sprach, seien Zwanzigtausend erschienen. Nächste Woche wird es heißen, vor drei Wochen sei Oskar Lafontaine den Zehntausend in Leipzig erschienen.

Sie haben ihre eigenen Inseln, die Schwerreichen und die internationalen Konzerne. Zum Essen jettet man auf die Kulinaren, zur Entspannung düst man auf die Solaren und zum Schlafen landet der Privatflieger auf den Dormianen. Wohn- und Firmensitze natürlich in Nassau, Bahamas.

Von unberührter Natur kann in Deutschland kaum noch die Rede sein, nur wenige kleine Gebiete bleiben sich selbst überlassen, und ist irgendwo ein Wald, fehlt nicht das Asphaltband einer Straße, ihn zu durchschneiden. Trotzdem gibt es eine Menge Getier (und Pflanzen) zu sehen, wenn man will. Weil das Artensterben wahrscheinlich sehr viel rascher voranschreiten wird als bisher angenommen, habe ich meine Begegnungen mit Tieren in diesem Jahr rekapituliert.

Die Schar Spatzen, die sich immer an den Samen der verblühten Kornblumen gütlich tat, vermisse ich. Sie wird dem Kahlschlag im benachbarten Hinterhof geflohen sein. Krähen gab es reichlich: sie nisteten unter allerlei Gekrächz in den Platanen am nahen Deich. Tauben ruckediguhen, Amseln flöten, Elstern keckern. Enten, Blesshühner, Schwäne, Haubentaucher, Kormorane und ein Reiher haben auf der "kleinen Weser" ihr Zuhause. Möwen halten Visiten.

In den Kleingärten nisten Blaumeise, Gartenrotschwanz, Zaunkönig und viele andere; vermißt werden Mauersegler, Star und Buchfink. Bienenvölker summen dräuend durch den Blütenreichtum der Parzellen. Über den Wiesen beim Weserwehr hört man die Lerche. Libellen verschiedenster Größen und Farben huschen in Gewässernähe umher, Schmetterlinge schweben taumelnd von hier nach dort. An einem Feldstreifen stöbert eine Fasanenhenne mit zwei Küken.

Vom Wümmedeich sieht man Ziegen, Esel, Pferde, Gänse, Hühner und natürlich Kühe. Wo sind die Störche geblieben? Eine Rotte Möwen gleitet durch die Luft wie ein Schwarm Fische durchs Wasser. Ein Paar Hunde, das in der Ferne auf einem Feld umeinanderspringt, entpuppt sich als zwei Rehe. Galloways wiederkäuen zottelig, Hühner scharren, Pferde schnauben, Katzen schleichen durch das Gras und Hunde dösen auf Höfen oder japsen hinter Zäunen.

Mäuse kreuzen trippelnd den Weg, eine Wasserratte schwimmt ans Ufer, kaum mehr als die Nasenspitze über Wasser, ein Frosch springt mir vors Rad und zwingt mich zur Vollbremsung. Nur mal eben erwähnt seien die zahllosen Fliegen, Schnaken, Käfer und Spinnen, die mich unaufgefordert und unangemeldet in meiner Wohnung besuchen; auch Wespen schauen mal herein.

Ich erfreue mich an ihrer aller Vielgestalt; man sollte die Wirkung "der Natur" auf die Ausgeglichenheit unserer Psyche nicht unterschätzen. Bestimmten Irren freilich bedeutet die Natur nichts, rührt sie nicht an, ruft kein Echo in ihnen hervor. Denen ist auch das Artensterben bloße Statistik.

Der Ölpreis steigt, schwupp! wird auch das Gas teurer (verbilligt sich aber im Einkauf seit Jahren). Die Deutsche Bahn hat Preiserhöhungen zum Jahresende angekündigt. Salate der Marke Schloß Lichtenau haben ein neues Design bekommen - und kosten 10 Cent mehr. Dies ist nur ein Ausschnitt aus einer langen Liste von Verteuerungen, denen jeder schon irgendwo begegnet ist.

Nun verstehe ich ja, daß erhöhte Rohstoff- und Verarbeitungspreise an den Kunden weitergegeben werden. Und daß man irgendwie rote Zahlen in der Bilanz vermeiden muß. Da Entlassungen, Lohnminderungen, Produktionsverlagerungen ins billigere Ausland, Nepp und Qualitätsverschlechterung von Leistungen und Waren aber immer noch nicht ausreichen, um auf einen grünen Zweig zu kommen, muß es der Wirtschaft ganz unglaublich schlecht gehen.

Oder anders gesagt, was machen die eigentlich mit dem ganzen Geld, das da gescheffelt wird, verjuxen die das in Börsenspekulationen? Gibt es längst Pläne für Produktionsverlagerungen, für die man jetzt das nötige Kleingeld beschafft, während uns Zugeständnis um Zugeständnis abgepreßt wird, uns Schafen, die wir Mangement und Politik die angebliche Sorge um Arbeitsplätze glauben? Wir jedenfalls zahlen die Zeche, nicht Wirtschaft und Politik, egal, was sie uns weismachen wollen.

Vergeblich hatte ich unterwegs nach einem akzeptablen Café Ausschau gehalten. Jeder Flecken mit frisch errichteten Eigenheimen hält sich mittlerweile mindestens ein Straßencafé, doch wird kein normaler Mensch sich zum Kaffee an eine Durchgangsstraße oder einen versteinerten Platz setzen wollen. Solche Lokale bleiben den Autobürgern vorbehalten.

Nach dreistündiger Ausfahrt rastete ich, bereits nahe meinem Zuhause, auf einer Bank; zwei Betonsockel, zwei Holzbohlen draufgeschraubt. Dort trank ich den Rest der Schorle und qualmte eine Zigarette.

Die Bank hatte in den letzten Tagen viele Besucher gehabt: im braungrauen Staub der Erde um die Bank lagen zahlreiche Kippen, auch Papier und eine quaderförmige Safttüte (natürlich weit und breit kein Abfallkasten). Kein allzu schöner Ort also.

Rittlings nahm ich auf der Bank Platz, zog ein Bein vor, stützte es auf das Holz und belegte so - die Provianttasche hinter mir - die gesamte Sitzfläche. Nicht aus böser Absicht, sondern weil mir so war und weil mir diese wohl kaum entspannt zu nennende Haltung entspannend erschien.

Die Nachmittagssonne verbreitete angenehmes Licht und brachte die Farben zum Leuchten, sie glitzerte auf den Kräuselwellen des Sees, ein ständig wechselndes Aufblitzen, ein tanzendes Gefunkel. Die angenehmsten Rauscherlebnisse findet man nüchtern in der Natur.

Es ist fester Bestandteil der linken Folklore, von "braunen Rattenfängern" zu sprechen, wenn faschistische Führer gemeint sind. Doch stimmt dieses Bild? Als Rattenfänger werden Menschen bezeichnet, die Ratten erschlagen, vergiften und vertreiben. Natürlich, der "braune Rattenfänger" ist eine Anspielung auf den Rattenfänger von Hameln. Also doch ein stimmiges Bild, oder etwa nicht?

Im Jahre 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte einen Rock von vielfarbigem, bunten Tuch an und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien. So berichtet es die Sage, und die Hamelner Bürger waren froh, daß da einer kam, der der Plage Herr werden wollte, denn alle Vorräte wurden von den Ratten und Mäusen angeknabbert und es kam eine Not über die Stadt. Man sagte ihm einen Beutel Dukaten zu, und der Fremde zog mit einer Pfeife oder Schalmei durch die Straßen Hamelns. Er blies eine seltsame süßliche Melodie, Ratten und Mäuse kamen aus ihren Löchern, folgtem dem Rattenfänger in langer Reihe und ertranken alle jämmerlich in einem Fluß, zu dem er sie gelockt hatte.

Na also, sagt der Altlinke, paßt doch. Der braune Rattenfänger führt seine Anhänger ebenfalls ins Verderben, wie wir alle wissen. Aslo darf man den "Rattenfänger". - Doch hat er den Bürgern einen großen Gefallen getan, wende ich ein, jedenfalls in der Sage. Die geht übrigens noch weiter: Als aber die Bürger sich von ihrer Plage befreit sahen, reute sie der versprochene Lohn und sie verweigerten ihn dem Mann, so daß dieser verbittert wegging. Das ist ja Vertragsbruch, das ist glatter Betrug, ruft nun der Altlinke, das passiert heute ebenfalls, indem die Löhne gesenkt und Versicherungsleistungen gestrichen werden, wie wir alle wissen. - Ob er sich nun vielleicht mit dem Rattenfänger solidarisieren wolle, frage ich, während er ganz unbehaglich dreinschaut und einräumt, man müsse das überdenken, eventuell darf man den "Rattenfänger" doch nicht.

Die Sage geht übrigens noch weiter: Am 6. Juni kehrte er jedoch zurück in Gestalt eines Jägers, erschrecklichen Angesichts, mit einem roten, wunderlichen Hut und ließ, während alle Welt in der Kirche versammelt war, seine Pfeife abermals in den Gassen ertönen. Dieses Mal kamen die Kinder aus ihren Häusern, folgten dem Fremden zur Stadt hinaus in einen Berg und wurden nie wieder gesehen. Nur zwei Kinder kehrten zurück, weil sie sich verspätet hatten; von ihnen war aber das eine blind, so daß es den Ort nicht zeigen konnte, das andere stumm, so daß es nicht erzählen konnte. Ein Kinderschänder, ruft der Altlinke empört, einer, der die Kleinen lockt und dann schlimme Dinge tut, wie wir alle wissen. Den "Rattenfänger" darf man also unbedingt. - Im Mittelalter neigte man zu drastischeren Methoden als heute, erkläre ich, aber die Rachlust des Rattenfängers ist doch zu verstehen. Und außerdem kann man Kinderschänder und Nazis nicht einfach gleichsetzen.

Die Moral von der Geschichte jedenfalls ist, daß man Menschen, die eine Arbeit für einen verrichten, für diese Arbeit auch nach ihren Forderungen bezahlen soll, wenn man die Arbeit nicht selbst tun kann (oder will). Das ist immer aktuell und das darf man nicht nur, sondern muß es unbedingt, wie wir alle wissen.


hameln


 

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