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Damals habe ich sie "Quietschemädchen" genannt, die Fechterinnen Anja Fichtel, Zita Funkenhauser und Kolleginnen. Ob sie sich über einen gesetzten Treffer freuten oder oder ihrer Enttäuschung Luft machten: Quiiiiietsch! Kein Stöhnen, Jubeln, Schreien, Schimpfen: Quiiiietsch! Aber das hatte immerhin mit der Anspannung im Gefecht zu tun, es war eine Entladung, wenn auch hörsturzauslösegeeignet (dieses Eigenschaftswort lasse ich mir patentieren).

Die jungen Kassiererinnen von heute haben diese Entschuldigung nicht, wenn sie die Kunden anquietschen: *äh*hal*lo*h*. - Irgendeine Kim (haha! in Wahrheit war das Ann-Kathrin Kramer), Schauspielerin und damals gerade in der Seriensynchronisation beschäftigt, hat das mal in "Zimmer frei!" erklärt. Es hieße Glanzlichter setzen und sie fand es zurecht ganz entsetzlich, machte es aber eindrucksvoll vor bzw. nach. Das kam aus Amerika dem US-Fernsehbetrieb und hat sich auch hier durchgesetzt, die kitschige Überbetonung, um jedem Satz, ja, jedem Wort emotionelles Gewicht zu verleihen. Aus ihrer Fernsehguckbildung heraus quietschen nun diese jungen Dinger an den Supermarktkassen die Kunden an, daß es kaum auszuhalten ist; sie halten das für besonders freundlich.

Ich aber möchte nicht angequietscht werden, nicht von jungen oder alten, von schönen oder weniger schönen, von freundlichen ebensowenig wie von unfreundlichen Damen, denn quietschen ist nicht damenhaft, und ich mag Frauen dann und genaugenommen nur dann wirklich gern, wenn sie entweder Dame oder Kerl oder am besten gleich beides sind, d.h. wenn sie sich zu benehmen wissen und deshalb gerne mal über die Stränge schlagen. Ein bißchen Derbheit ist erfrischend und entspannt immer die etwas angestrengten Situationen zwischen den Geschlechtern, wenn man nicht weiß, ob sie will, daß er will, daß sie will, weil alle das erwarten.. - Quietschen ist Mädchen.

Virtual Suicide

Zeitreihenanalyse klingt gewaltig, ist aber viel heiße Luft. Auf das Wesentliche eingedampft erhält man 18 Seiten, auf denen immer noch viel freier Platz für Anmerkungen bleibt. Ungeachtet dessen gibt es dicke Bücher zum Thema, deren entscheidende Kapitel mit den Worten beginnen: "Gegeben sei ein Vektor V" usw. nach dem Motto: Term X befriedigt die Gleichung M(t) = a + ß * t durch ein gleitendes Mittel der dritten Potenz. So reden die Mathematiker, wenn sie unter sich sind. Ihnen fehlt aber jede Vorstellung, daß es auch Nichtmathematiker gibt bzw. daß diese die exakte Sprache Mathematik nicht ohne weiteres verstehen können (weshalb es auch Seminare gibt, die "Zeitreihenanalyse neu entdecken" heißen, geben müßte es unbedingt "seriöse Zeitreihenanalyse", oder ganz klassisch "Zeitreihenanlyse in 21 Tagen"), und deshalb reden sie immer so, als seien sie unter sich; egal, ob beim Mittagessen in Mensa/Kantine (gegeben sei ein Teigboden T mit Radius r = 13,5 cm. Bringen Sie in den vier Quadranten je eine Jahreszeit unter), ob daheim (gegeben sei eine Durchschnittsfamilie der Aufsteigerklasse mit 1,17 Kindern, 2,3 Autos und 0,4 Hunden in 1.0 Eigenheimen. Ordnen Sie diese gemäß der Gauss'schen Verteilungskurve den verschiedenen Räumen zu), oder in Publikationen (Für einen stochastischen Prozess X der Form Xt = a0 + gXt-1 + et mit einem weißen Rauschen e soll die Nullhypothese H0: g = 1 (Random-Walk mit Drift) gegen die Alternative H1: g < 1 (AR(1)-Prozess) getestet werden. [Das ist der Dickey-Fuller-Test. Nichtmal "Dicki" können sie allgemeinverständlich schreiben]. Ihnen ist nicht bewußt, daß sie mit solchermaßen reiner Lehre und Theorie (also frei von durch Laien verursachte Verunreinigungen und frei von Erklärungszwängen gegenüber einem interessierten Publikum) die Wissenschaft vom Leben und der Welt abkoppeln und dadurch zum Tode verurteilen. Eine Wissenschaft, die nur noch sich selbst verantwortlich ist, trägt nichts mehr bei zur Erkenntnis, sie wird sich im Gegenteil in ein Mittel zur Zerstörung verwandeln. Exakt wie eh und je: Gegeben sei ein Zielobjekt Z mit den Eigenschaften N = 2.35., W = 0.7, A = 33.2, M = 5.4. Finden Sie den optimalen Aufprallpunkt Ap unter Berücksichtung der Beiwerte cw und ct. Was mag Z sein, eine Stadt vielleicht? Diese Frage bleibt ungefragt: es ist ein Problem, das rein mathematisch gelöst wird - jedenfalls soweit es den Mathematiker und einige seiner Zeitgenossen betrifft.

vielleicht weil sie diese selbst nicht ohne fremde Hilfe verstehen. Da gab es in den 80ern dieses Teil mit dem Maler um 1700-irgendwas, wo im Hintergrund irgendwelche Dinge zu sehen waren, aus denen man sich später den verborgenen Teil der Geschichte zusammenreimen können sollte; über jenes Werk waren die Kritiker des Lobes voll, wohingegen ich mich fragte, was da eigentlich passiert: ich hab das nämlich damals nicht verstanden und würde es heute immer noch nicht verstehen. Aber das ist eben Kunst.

Kunst ist auch Als das Meer verschwand; eine im grunde simple Geschichte, in der die Gegenwart von der Vergangenheit belastet ist und es kein happy end gibt. Die Geschichte berührt einen sogar, obwohl man im Film dauernd den Faden verliert, denn der ist voller Absicht so geschnitten (der Film), daß man oft nicht weiß, durch wessen Augen man die Szene sieht und zu welcher Zeit die Szene spielt: ein Durcheinander von Rück- und Vorblenden, das praktisch jedem auf die Nerven geht, außer den Kritikern, die mal wieder ganz begeistert waren. Solche Filme gewinnen auf so beachteten und stilprägenden Filmfestivals wie in Toronto oder San Sebastian, wo die Creme du Critque unter sich ist, tolle Preise zum Angeben.

Also wirklich - das ist doch Käse, wenn nicht gar kalter Kaffee. Filmkunst läßt ihr Publikum nicht im mit bedeutungsschwangerem Kamerawinkel aufgenommenen Regen stehen, sondern reicht ihm die Hand, lädt es ein und nimmt es mit auf die Reise, selbst in einem so unkonventionellen Werk wie "Die fabelhafte Welt der Amelie", denn dieser Film ist in der Erzählung klar gestaltet, in seinen Mitteln brillant: da klatscht das Publikum vor Vergnügen in die Hände, und selbst den Kritikern wird warm ums Kritikerherz. Nächstes Mal loben sie dann wieder einen dieser schwerverständlichen Streifen in den Himmel, den kein Schwein sehen will (den Streifen), aber dieses Mal hat sie das Leben erweicht.

[was ist denn bloß im Synchronstudio passiert: dü mulang heißt es immer wieder, als ob das Lokal, in dem Amelie arbeitet "du Moulin" hieße, dabei kann jeder, der lesen kann, lesen, daß es "Deux Moulins" heißt, also dö statt dü. Man muß sich Filme immer im Original angucken, auch wenn man kein Wort versteht. Ich hab jedenfalls kein Wort verstanden, aber es war ein Genuß]

Wer Schulden hat, mag sich gewiß wünschen, derselbe Betrag wäre statt mit einem Minus mit einem Plus behaftet: wie unbeschwert ließe sich dieses Geld ausgeben! Doch wie verwandelt man Schulden in Geld? Aus der Gesamtheit aller möglichen Lösungen habe ich zwei herangezogen, die entgegengesetzt extrem sind; die erste besonders einfach und kaum mehr als ein Augenzwinkern erfordernd (Dicki-Ansatz), die zweite ganze Netzwerke von Leuten involvierend, kompliziert, mit vielen Risiken behaftet (Elite-Ansatz).

zu 1) Das Prinzip dieser Lösung entspricht der Antwort auf die Frage: wie kommt das "Kind" in das "Haus". Kinderleicht!
Kind
Wind
Wand
Hand
Hans
Haus
Und genauso geht das mit den
Schulden
Gulden
Golden
Gold
Geld

zu 2) Diese Lösung wurde im vergangenen Jahr durchexerziert, erforderte vollen Einsatz von Agenturen, Medien; Managern, Interessenverbänden, Experten und Anwälten und trug, wie wir uns sicher alle noch erinnern, den Projektnamen "Überwindung der Finanzkrise". Die Einzelheiten sind bekannt bzw. können leicht recherchiert und vielerorts nachgelesen werden.

Dicki-kritische Leser werden einwenden, daß Lösung 1 im Gegensatz zu Lösung 2 das Problem wohl ideell, aber eben nicht materiell löst, und wenn die Verfechter der zweiten Methode stolz auf ihren Erfolg sind, dies auch mit recht sein können. Das ist richtig, soweit es mich betrifft, aber es ist falsch, soweit es die Elite betrifft. Kann man ernsthaft stolz darauf sein, durch Manipulation der öffentlichen Meinung, Lüge, Betrug und Vorteilnahme - die, das ist der Punkt, jederzeit strafrechtliche Folgen zeitigen könn(t)en - Milliardenbeträge aus dem Volksvermögen in die eigenen Taschen gewirtschaftet zu haben?

Dennoch ist die Elite stolz. Dicki hingegen ist sich bewußt, daß er einen Scherz gemacht hat (der hoffentlich Anlaß für das eine oder andere Lächeln ist). Hier komme ich zum Dunning-Kruger-Effekt (der Aufsatz ist im Internet frei zugänglich und umfaßt nur rund 30 Seiten), der besagt, daß besonders inkompetente Leute unfähig sind, ihre Inkompetenz zu erkennen und sich im Gegenteil für überdurchschnittlich kompetent halten.

Als Erklärung führen die beiden Forscher ein Beispiel an: dieselbe Fähigkeit, die erforderlich ist, um einen grammatikalisch korrkten Satz zu formulieren, versetzt in die Lage, die grammatikalische Richtigkeit zu beurteilen und als Konsequenz daraus auch die eigene Fähigkeit zur grammatikalischen Korrektheit richtig einzuschätzen. Stammle ich herum, weil ich es nicht besser weiß, scheint mir das korrekt, eben weil ich es nicht besser weiß. Obendrein verkenne ich die grammatikalischen Fähigkeien anderer Menschen, eben weil ich es nicht besser weiß.

Und eben deshalb hält sich unsere Elite für besonders fähig, obwohl sie eine Spur der geistigen und materiellen Verwüstung durch die Gesellschaft zieht. Ist das Defizit in den Fähigkeiten nur groß genug, so wird in der eigenen Wahrnehmung Grandiosität daraus. Zumal wenn man in den richtigen, sich gegenseitig bestätigenden Kreisen verkehrt. Ein hinreichend dummes Wesen wird alle anderen Menschen für dumm und unfähig halten, voller Überzeugung und mit größter Zuversicht. Deshalb sind immer die anderen Schuld an dem Schaden, den diese Leute selbst anrichten. Ihr Selbstvertrauen gründet auf Abwesenheit von Erkenntnis einerseits und dem Erfolg bei der Durchsetzung ihres Egoismus andererseits. Und wenn dann noch die Bereitschaft fehlt, von den Fähigeren zu lernen (die als unfähig wahrgenommen werden), bleibt nur die Ceaucscu-Lösung.

So oder so, schlußendlich muß jede Schuld bezahlt werden.

And I'm not gonna take it anymore! "Ihr könnt mich alle am Arsch lecken. Ich lasse mir das nicht länger gefallen!" heißt es in der deutsch synchronisierten Fassung von Network, was nicht exakt dieselbe Aussage ist, immerhin geht es darum, daß das Fernsehpublikum endlich wütend werden soll: "Ich will daß ihr jetzt aufsteht, zum Fenster geht, es öffnet und hinausschreit: I'm mad as hell" usw. Womit eine Rebellion beginnen soll, in der die Menschen sich wieder um ihre Nachbarn und die Gesellschaft kümmern, statt sich hinter dem Fernseher einzuigeln - also der Welt wieder mit Interesse zu begegnen. "Ihr könnt mich alle am Arsch lecken" ist das genaue Gegenteil.

Bei der Aufführung im März 1977 blieb der Film für viele deutsche Zuschauer eine Zeitlang rätselhaft, weil die Rundfunkhohheit in Deutschland ausschließlich in öffentlich-rechtlicher Hand war. Sender, die sich aus Werbeeinnahmen finanzierten, gab es (noch) nicht. Die Aussage des Films wurde damals eher als eine Warnung vor den Konsequenzen des Kommerzfernsehens empfunden. (Quelle) "Kommerzfernsehen" ist jedoch das eigentliche Fernsehen. Es geht darum, möglichst viele Zuschauer für eine Sendung anzulocken, damit die Sendezeit für eingeschobene Werbung desto teurer verkauft werden kann. Das heißt, es gibt Fernsehsendungen nur, um vom Marketingbemühen der Wirtschaft zu profitieren. Dies Bemühen hat wiederum dann die beste Wirkung, wenn Menschen von kleinauf das Fernsehen als gegeben hinnehmen und ihm positiv gegenüber stehen.

You are television incarnate, Diana," he tells her, "indifferent to suffering, insensitive to joy. All of life is reduced to the common rubble of banality." So beginnt die Schlußabrechnung des alternden, verliebten Ex-Nachrichtenleiters mit seiner erfolgssüchtigen, kaltschnäuzigen Geliebten, die eine Generation jünger ist. Alles was sie berühre, zerstöre sie, und er zählt die verschiedenen Personen auf, die im Verlauf der Geschichte in den Sog der aus Gier betriebenen Entwirklichung gezogen und deformiert wurden. - Ein immer noch aktueller Film, obwohl wir von dem Niveau des darin kritisierten Fernsehens nur noch träumen können, so gold war das gegen den heutigen Dreck. "Schaltet den Ferseher ab, tut es jetzt, schaltet ihn mitten im Satz ab, den ich spreche." Ist das Rebellion? "Bullshit". Es kommt aus dem Fernseher, also wird es wohl Unterhaltung sein. (Hast du das gesehen, wie der es allen gegeben hat? Das guck ich nächste Woche wieder an.)

Gut gefällt mir, daß die Aufnahmen der aus den Fenstern hinausschreienden Menschen dem Beginn einer Gefängnisrevolte (wie sie in Filmen dargestellt wird) verdammt ähnlich sehen.

Heute las ich in der Zeitung, daß die Öffnungszeiten der (verbliebenen) Polizeireviere weiter eingeschränkt werden. Niemand in der Öffentlichkeit erwartet hingegen, daß die Profiteure des einseitigen Sparens beim Bürger auch mal ein Scherflein beitragen; die Banker, Manager, Anwälte, Experten und Politiker, über die Geschichten lanciert werden - in Presse, Funk und Fernsehen - die arg an Periodika wie Das goldene Blatt erinnern: Hofberichterstattung. Propaganda. organisierte Lüge. Marketing. Schluß damit. I'm mad as hell.

 

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